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21. Februar 2015 11:39 Uhr

Graffiti

Freiburg – die bunte, angesprühte Stadt

Für die einen Kunst, für die anderen Schmiererei: Graffiti prägen das Freiburger Stadtbild. Viele Hausbesitzer haben den Kampf gegen den Lack aufgegeben. Ist das der richtige Weg?

  1. Der Polizist Spencer Diringer vom Polizei-Revier Stühlinger betrachtet legeal gesprayte Graffiti in und an der Ganter-Unterführung. Foto: Thomas Kunz

  2. Ein Freiburger Sprayer in Aktion Foto: Huber Carlotta

  3. Zwei zu Sozialstunden verurteilte Jugendliche reinigen an einem Aktionstag eine Hauswand. Foto: Rita Eggstein

  4. Sprayer Andreas Ernst alias „Zoolo“ Foto: Thomas Kunz

Was die Graffitiszene in Freiburg betrifft, hat kaum einer bei der Polizei so viele Kenntnisse wie Spencer Diringer. Viele der Schmierereien seien Jahre alt, manche stammten noch aus den 90ern, sagt der Hauptkommissar bei einer Fahrt mit dem Streifenwagen durch die Schwarzwaldstraße, wo in manchen Abschnitten jedes Haus beschmiert ist.

Die Hauseigentümer scheinen aufgegeben zu haben im Kampf gegen die Sprayer. Sie investieren nicht mehr in neue Anstriche, wenn ihr Haus nach wenigen Tagen aussieht wie zuvor. Besonders teuer ist es, das Gesudel von Sandsteinfassaden zu entfernen. Da sei man schnell bei 5000 bis 10 000 Euro, sagt Malermeister Hans-Peter Ehrlich, der sich ehrenamtlich beim Solidarmodell engagiert. "Lacke gehen in den Untergrund. Dann sind schnell drei bis 5 Millimeter Oberfläche kaputt." Nicht zuletzt wegen der immensen Kosten ist Bürgermeister Ulrich von Kirchbach, Vorsitzender des am Solidarmodell beteiligten Vereins "Sicheres Freiburg", der Meinung: "Das ist kein Kavaliersdelikt. Es verschandelt das ganze Stadtbild."

"Die Schwarzwaldstraße ist ziemlich krass." Sprayer Andreas Ernst

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Die Resignation der Hausbesitzer war einer der Gründe für die Stadt, 2007 das "Solidarmodell Anti-Graffiti" ins Leben zu rufen. Dahinter steckt die Haltung, dass die Hemmschwelle der Sprayer bei einer sauberen Wand größer ist. Das glaubt auch Sprayer Andreas Ernst alias Zoolo, der nach einer wilden Jugend heute nur noch legal sprayt: "Wenn man die Graffiti kontinuierlich wegmachen würde, wäre es schon weniger", sagt der 42-Jährige. Er findet, dass es in Freiburg schon sehr viele Schmierereien gebe. "Die Schwarzwaldstraße ist ziemlich krass." Zentrale Verkehrsrouten und Bahnstrecken wählen Sprayer gerne aus, weil ihre Werke dort potenziell von vielen gesehen werden.

Wie Andreas Ernst findet auch Polizist Diringer, ehemals Leiter einer Graffiti-Ermittlungsgruppe und heute stellvertretender Leiter des Polizeiposten im Stühlinger, nicht, dass die Zahl der Graffiti zugenommen habe: "In Freiburg gibt es nicht mehr oder weniger als in anderen Städten." Hochphasen habe es 1997 bis 1999 und 2005/2006 gegeben. 2010 bis 2012 wurden bei der Polizei knapp unter 550 Fälle registriert, 2013 stieg die Zahl auf 729 an, im vergangenen Jahren waren es mit 503 wieder deutlich weniger Sachbeschädigungen durch Sprayen. Die Aufklärungsquote lag zwischen 10,2 und 14,9 Prozent. Warum es Anstiege wie 2013 gebe, sei nicht immer auszumachen, sagt Diringer. Für den Anstieg 2013 mitverantwortlich war ein Sprayer, der im September jenes Jahres in einer einzigen Nacht mehrere Dutzend Häuser in der Wiehre beschmierte.

Der älteste Sprayer war 81 Jahre alt

Der klassische Sprayer sei zwischen 14 und 25 Jahre alt. Aber keine Regel ohne Ausnahme: "Der älteste Sprüher, den wir gefasst haben, war 69." Im Oktober vergangenen Jahres – man höre und staune – wurde gar ein 81-Jähriger festgenommen.

Der Eindruck, dass die Zahl der Graffiti zugenommen haben, entstehe, weil viele Hauseigentümer die Schmierereien nicht mehr wegmachen ließen, glaubt Diringer. Der Polizist fordert: "Man muss darauf drängen, dass sie wegkommen, denn wenn sie schon nach kurzer Zeit wieder weg sind, hat der Sprayer nichts davon, außer dass es ihn viel Geld und Arbeit gekostet hat." In Freiburg gibt es 14 legale Graffiti-Flächen, die die Stadt zum Besprühen freigegeben hat, sie befinden sich in Unterführungen und an Brückenpfeilern. Diringer glaubt, dass ein Großteil der Sprayer, die auf legalen Flächen sprühen, dies auch illegal tun – dass legale Flächen das Problem nicht unbedingt eindämmen. Das sehe man schon daran, dass man auf dem Weg zu legalen Flächen oft auf verschmierte Häuser treffe. Sprayer Zoolo findet das eine "schwierige Aussage": "In Freiburg wurde schon viel getaggt, bevor es legale Flächen gab."

Diringer glaubt auch, dass es einen Sprayer nicht interessiere, ob es sich um historische Gebäude oder herkömmliche Mauern handle: Wichtig sei ihnen die Außenwirkung. "Die Bekanntheit steigt mit der Platzierung. Sprayer wollen in der Szene berühmt werden. Es geht ihnen um den Kick, Ruhm und Ehre." Zoolo sagt, dass er in seinen illegalen Jahren nie historische Fassaden besprüht habe: "Darauf habe ich immer geachtet."

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Autor: fz