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10. Juni 2010

Freiburg und Tel Aviv: Taten wichtiger als Partnerschaft

BZ-INTERVIEW mit den Oberbürgermeistern Ron Huldai und Dieter Salomon über die Städteverbindung zwischen Tel Aviv und Freiburg – und was daraus werden kann.

  1. OB’s unter sich: Ron Huldai (links) und Dieter Salomon Foto: ingo schneider

Für zwei Tage war Ron Huldai, der Oberbürgermeister von Tel Aviv, in Freiburg – gemeinsam mit Bürgermeisterin Meital Lehavi. Freiburgs OB Dieter Salomon nahm sich viel Zeit für die Delegation aus Israel. OB Huldai von der Arbeiterpartei amtiert seit 1998 und befindet sich in seiner dritten Amtszeit. Der Sohn polnischer Einwanderer war früher Pilot und Brigadegeneral in der israelischen Luftwaffe und später Leiter der größten Highschool in Tel Aviv. Wie die beiden Oberbürgermeister die Freundschaft zwischen den beiden Städten bewerten, darüber hat sich Joachim Röderer mit Ron Huldai und Dieter Salomon gestern nach dem Rundgang durch Vauban und die Solarsiedlung unterhalten.

BZ: Herr Oberbürgermeister Huldai, welchen ersten Eindruck haben Sie von Freiburg gewonnen?
Ron Huldai: Ich bin beeindruckt. Ich bin beeindruckt von der Tatsache, dass die Bürger ihre Lebensphilosophie geändert haben. Es zeigt, dass bei den Menschen hier das Bewusstsein entstanden ist, dass sie die Umwelt schützen müssen, dass sie die Art zu leben, ändern müssen. Das ist ein anderes Bewusstsein als in normalen Gesellschaften, auch in Deutschland, glaube ich. Sie können hier in Freiburg Tatsachen vorzeigen, nicht nur Träume. Das ist sehr wichtig.

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BZ: Wenn Sie irgendetwas von Freiburg mit nach Hause nehmen könnten, was wäre das?
Huldai: Oh, ich würde viele Dinge gerne umsetzen. Zum Beispiel beim öffentlichen Nahverkehr – allerdings habe ich da keine Entscheidungsmacht, das liegt in den Händen der Regierung in Israel. Wir sind das Zentrum einer großen Metropol-Region, aber wir tun in der Verkehrspolitik noch nicht genug. Wir brauchen ein Transportsystem, das ist unser wichtigstes Thema, neben vielen anderen Problemen, die wir haben.
Dieter Salomon: Wollt ihr eine U-Bahn bauen oder eine Straßenbahn?
Huldai: Mir egal, Hauptsache sie tun überhaupt etwas. Man muss am Ende dann ja immer Kompromisse machen.

BZ: Herr Salomon, Sie waren in Tel Aviv: Was würden Sie gerne von dort auf Freiburg übertragen?
Salomon: Die Art, wie die Menschen dort leben und deren Optimismus. Das wäre eine große Sache, wenn man Menschen von hier nach Tel Aviv bringen könnte, damit sie sehen, was Israel ist. Was man sich in Deutschland und Europa vergegenwärtigen muss: Man kann natürlich die israelische Regierung kritisieren, wie man auch die deutsche Regierung kritisieren kann. Israel hat eine demokratische gewählte Regierung, die morgen auch wieder abgewählt werden kann. Wir urteilen von hier aus über israelische Politik und vergessen oft, dass der Staat Israel Feinde hat, die ihn von der Landkarte tilgen wollen. Die Menschen in Israel müssen tagtäglich die Raketen aus dem Gazastreifen fürchten – das können wir uns hier kaum vorstellen. Trotzdem bleibt natürlich die Frage, ob die israelische Regierung im Umgang mit den Palästinensern immer das richtige Maß findet, um ihr Ziel zu erreichen. Ich glaube, dass wir hier in Europa nicht genug berücksichtigen, in welcher Situation sich Israel befindet. Israel ist die einzige Demokratie inmitten totalitärer Staaten.

"Bei einigen Partnerstädten weiß ich nicht einmal wie der OB heißt"

BZ: Wie sehen Sie beide als Oberbürgermeister die Zukunft einer Städteverbindung von Tel Aviv und Freiburg?
Salomon: Tel Aviv und auch Freiburg haben schon viele Partnerstädte. Ich glaube, entscheidend ist, dass man zu einem fruchtbaren Miteinander kommt, das auch in eine Partnerschaft münden kann. Wir haben viele Felder, auf denen eine Zusammenarbeit möglich ist: Wissenschaft, Verkehrspolitik, nachhaltige Stadtentwicklung.
Huldai: Wir Städte haben alle ähnliche Probleme. Partnerschaft, wie ich sie verstehe, bedeutet, dass wir uns Dinge ansehen und selbst besser werden, in dem wir von anderen Städten lernen und schauen, wie diese ihre Probleme gelöst haben. Deswegen bin ich hier.

BZ: Haben Partnerschaften zwischen Städten heute eine andere Bedeutung?
Huldai: Ja, das glaube ich. Ich habe einige Partnerstädte, da weiß ich nicht einmal, wie der Oberbürgermeister heißt. Auch sonst gibt es keine Anknüpfungspunkte. Andererseits pflege ich exzellente Beziehungen zu Berlin oder Paris, obwohl wir mit diesen Städten nicht verschwistert sind. Ich sehe die Bedeutung einer Städtepartnerschaft darin, dass man bei Probleme, die allen gemeinsam sind, zusammenarbeitet.
Salomon: Das kann ich nur unterstreichen. Wenn man die Probleme in der Welt lösen will, muss man in den Städten anfangen. Das ist die Idee von Ron Huldai und das ist auch meine Idee. Deswegen haben wir heute mit Tel Aviv schon eine bessere Verbindung als zu manch einer unserer offiziellen Partnerstädte.
Huldai: Ich verweigere mich Partnerschaftsabkommen, die nur eine Unterschrift der Oberbürgermeister sind. Man muss eine Beziehung starten und entwickeln. Das ist ein Prozess.

BZ: Könnte am Ende dieses Prozesses eine offizielle Partnerschaft stehen?
Huldai: Ja, warum nicht. Wenn wir herausfinden sollten, dass so ein Abkommen für uns wichtig ist, warum sollten wir das nicht machen?
Salomon: Er setzt auf Taten!
Huldai: Auf Taten und auf Ergebnisse.

BZ: Glauben Sie, dass es auch auf der jetzigen Stufe der Städtebeziehung die Möglichkeit gibt, dass sich Menschen aus Tel Aviv und Freiburg begegnen, etwa durch einen Schüler- oder Studentenaustausch?
Huldai: Ich hoffe es. Es wäre wichtig, Menschen aus Tel Aviv hierher zu bringen. Damit sie sehen, was alles möglich ist. Dann ist es auch einfacher für den Oberbürgermeister, sie von Änderungen zu überzeugen. Deswegen halte ich es für eine gute Idee, eine solche Art der Beziehung zu pflegen.

"Der Trend geht heute eher zu Kooperationen"

BZ: Freiburg hat auch Isfahan im Iran als Partnerstadt. Sehen Sie darin ein Problem für die Verbindung von Freiburg mit Tel Aviv?
Huldai: Ich weiß um diese Partnerschaft. Die Partnerschaft ist eine moralische Frage, die Sie in Freiburg beantworten müssen. Ich werde nicht sagen: Beendet diese Partnerschaft. Sie kennen die Fakten, Sie haben Ihre Entscheidungen zu treffen.Ich bin euer Freund und ihr sucht euch eure Freunde selbst aus. Das ist eure Angelegenheit, nicht meine.

BZ: Herr Salomon, nach dem Abendessen im Rathaus gab es Enttäuschung beim Freundeskreis Städtepartnerschaft, die sich vom Besuch des OB offenbar mehr erhofft haben. Wie sehen Sie das?
Salomon: Die Erwartungen sind hoch gewesen. Der Trend geht heute zu Kooperationen und nicht mehr zu offiziellen Partnerschaften, wie wir sie bislang haben.

Autor: rö