Probenbesuch

Freiburger Chor Twäng singt Pop-Songs – und zwar a cappella

Carolin Johannsen

Von Carolin Johannsen

Do, 24. Januar 2019 um 10:37 Uhr

Freiburg

Chorkonzerte sind altmodisch? Nein! Der Popchor Twäng aus Freiburg begeistert sein Publikum mit zeitgenössischer Musik. Und beide Jahreskonzerte im E-Werk waren ausverkauft. Ein Probenbesuch.

Sie singen Songs von Peter Fox, Rihanna und Rag´n´Bone Man: Wenn Twäng auftritt, darf es gerne poppig sein. A cappella und Popmusik sind das Erfolgsgeheimnis des Freiburger Chors.

Dum… Badum… Badum… Ba- "Stopp", unterbricht Adrian Goldner das Beatboxen des Chors. Sofort wird es still im Proberaum in der Kartäuserstraße. "Nochmal bitte!", bestimmt der Chorleiter und zählt ein: "One, two, three, four". Dann setzt der gesungene Rhythmus wieder ein, einige Takte später erklingen die ersten Zeilen von Peter Fox "Haus am See" und erfüllen den ganzen Raum – ganz ohne Verstärker oder Instrumentalbegleitung.

Der A-Cappella-Popchor Twäng arbeitet am Feinschliff für die beiden Jahreskonzerte im Freiburger E-Werk, letzte Fehler werden ausgebügelt, die Choreographie perfektioniert. "Wir üben jetzt nur noch den Ablauf und versuchen, Routine zu entwickeln für die Konzerte", sagt Chorleiter Adrian Goldner. Vor fünf Jahren gründete der 27-Jährige mit einigen Freunden den Chor. "Weil es hier sonst nichts Vergleichbares gab", sagt er. Twäng – das ist ein Chor, der nur a cappella singt, und nur Pop – und dazu die Show nicht scheut. Das macht beim Zuhören Lust auf Mitsingen.

"Ich würde sagen, wir sind überdurchschnittlich ehrgeizig." Coco Weingärtner, Chor-Mitgründerin
Daniel Burke war gleich Feuer und Flamme. "Ich habe einen Teil des Chors mal bei einem Auftritt gesehen und war sofort begeistert", sagt Daniel, der seit 2015 mitsingt. "Vorher war ich in einem Wohnheimschor, wo aber eher klassische Sachen gesungen wurden." Sein Lieblingsstück im Konzertprogramm ist "Wenn du tanzt" der Indieband "Von wegen Lisbeth", das der Chor seit November probt. "Das Lied ist upbeat und lebendig, das macht richtig Spaß zu singen", sagt er.

Freude am Singen und Freude an den Songs ist den Chormitgliedern deutlich anzumerken. Eins ist klar: Die 42 Sängerinnen und Sänger zwischen 19 und 35 Jahren – die Frauen sind leicht in der Überzahl – teilen mit dem Chorgesang eine echte Leidenschaft.

"Ich kann und mag nicht ohne den Chor leben, denn wir singen nicht nur zusammen, hier ist so viel Liebe und Wertschätzung, wir sind auch eine tolle Gemeinschaft", sagt Coco Weingärtner, die eins der Gründungsmitglieder ist.



In Arbeitsgruppen organisieren die Chormitglieder Outfits, Choreographie, Pressearbeit und Moderationen. Jeder bringt sich ein, der Zusammenhalt ist groß. "Das ist wichtig und sehr schön", sagt Coco. Diese Kombination aus Freude und Fokus ist auch beim Üben zu spüren. Alle haben Spaß, aber die Probe ist trotzdem intensiv und genau. "Ich würde sagen, wir sind überdurchschnittlich ehrgeizig", sagt Coco. "Kommt schon Leute, das hatten wir doch schon mal", tadelt Chorleiter Adrian gleich zweimal hintereinander und lässt die Sängerinnen und Sänger neu ansetzen – doch dann klingt es auch deutlich besser als zuvor.

Den Namen Twäng – das Ausrufezeichen gehört dazu – wählten die Gründungsmitglieder in Anlehnung an eine Gesangstechnik. "Das ist der nasale Laut, der oft bei A-Cappella-Musik eingesetzt wird", sagt Coco. Eigentlich sei das ein Scherz gewesen, doch am Ende hätte sich dieser Name gegen andere durchgesetzt. "Es passt gut zu uns", sagt sie. Auch das Ausrufezeichen habe eine Bedeutung: "Wir sind laut!" Durch die vielen zusammengesetzten Geräusche, das Beatboxen und den Gesang ist auch ohne Instrumente die Kraft der Musik zu spüren. "Man kann mit a cappella wirklich Power rüberbringen", sagt Nadja Rauscher. Die 27-Jährige ist seit einem halben Jahr dabei, vorher sang sie in anderen Chören. "Früher fand ich a cappella öde, aber jetzt finde ich toll, was wir gemeinsam erschaffen – das ist eine ganz tolle Atmosphäre."


Ein Klang für alle Altersklassen

Schon lange vorher sind beide Konzerte ausverkauft, alle Plätze im E-Werk sind am Samstag besetzt. Das Publikum ist bunt gemischt – Studierende, Eltern, Fans von Twäng in allen Altersklassen.

Dass die Proben sich gelohnt haben, ist offensichtlich. Schon der Konzertbeginn ist beeindruckend inszeniert: Im dunklen Saal erklingen wie aus dem Nichts Töne, Geräusche, eine Melodie, die langsam aber sicher lauter und lauter wird. Dann fällt der Vorhang und gibt den Blick frei auf die in rotes Licht getauchte Bühne, auf der die Sänger von Twäng stehen – alle in dunkelblauen Outfits aus Samt und Glitzer gekleidet – und "Human" von Rag´N´Bone Man singen. Der Song bietet mit einer Mischung aus Partystimmung und ruhigen Passagen den perfekten Einstieg für ein vielseitiges Chorkonzert auf höchstem Niveau.

Beim Publikum kommt "Haus am See" besonders gut an – nach den intensiven Proben läuft der Song fast wie von selbst. Zwischendurch gibt es humorvolle Moderationen mit Anekdoten über den Chor und Informationen zu den Stücken. Und mittendrin präsentiert der Chor seine erste Studio-Single "Electric", die seit einigen Tagen erhältlich ist.
Das Crowdfunding gibt’s auf startnext.com/twaeng-goes-cd

"Jetzt haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um unser erstes eigenes Album aufzunehmen", verkündet Chorleiter Adrian Goldner. Die Single soll ein Vorgeschmack sein. "Damit die Leute einen Eindruck bekommen, wie wir klingen", sagt er, von der Bühne herab. Von grünen Lampen bestrahlt beweisen die Sängerinnen und Sänger mit dem Song ihre Vielfalt und Stimmgewalt – und ihre Motivation.



Das kommt bestens an. Theresia Faller-Kula ist mit ihrem Mann aus Hinterzarten zum Konzert gekommen. Die 60-Jährige singt selbst in einem Popchor: "Popcorn". Bei Twäng ist Faller-Kula, weil sie den Chor "wirklich genial" findet. "Die Stücke sind voller Perfektion und Ideengeber für meinen Chor", sagt sie.

Nachdem bei "True Colors" von Billy Steinberg und Tom Kelly nur die Männer auf der Bühne stehen, können bei Rihannas "Stay" die Frauen brillieren. Abschluss und Highlight des Konzerts ist dann die Twäng-Version von "Can’t Feel my Face" von The Weeknd. "Es war richtig cool", fasst der 25-jährige Henry zusammen. Auch er hat lange in einem Chor gesungen und ist beeindruckt vom Konzert. "Teilweise waren die Stücke von ’Twäng!’ sogar besser als das Original."
Twäng!

Der Chor sucht aktuell Mitsinger aus Freiburg und Umgebung. Wer Interesse hat, einzusteigen, darf höchstens 35 Jahre alt sein und sollte Erfahrung im Chorgesang - vorzugsweise im Jazz/Popbereich - mitbringen. Gesucht werden aktuell ein Bass 2 und ein Tenor1. Interessenten können sich per Mail an ichwillzu@twaeng.de wenden. Twäng bittet darum, bei der Kontaktaufnahme musikalische Erfahrungen, Stimmgruppe und einen Grund fürs Interesse anzugeben. twaeng.de