Kurskorrektur

Freiburger Rathaus will nicht mehr bauen um jeden Preis

Simone Lutz

Von Simone Lutz

Di, 21. November 2017 um 12:21 Uhr

Freiburg

Kurskorrektur in der Freiburger Wohnungspolitik: Es braucht neue Wohnungen – doch "Bauen auf Teufel komm raus" soll es nicht mehr geben, sagt Oberbürgermeister Dieter Salomon.

"Klar ist, dass die Stadt wächst und dass wir Wohnungen bauen müssen", so Oberbürgermeister Dieter Salomon. Doch "Bauen auf Teufel komm raus" soll es nicht mehr geben. Warum, das hat die Stadtverwaltung in einer umfangreichen Vorlage für den Gemeinderat zusammengetragen. Zugleich unterstützt Freiburg den Deutschen Städtetag, der Bund und Länder auffordert, die Wohnungs- und Baulandpolitik neu auszurichten.


Ein Oberbürgermeister plus drei Bürgermeister auf einer Pressekonferenz, das passiert nur, wenn äußerste Wichtigkeit signalisiert werden soll. So war es am Montag, als die Rathausspitze eine 44-seitige Vorlage mit rund 100 Seiten Anhang vorstellte, die am selben Nachmittag im Hauptausschuss eingebracht wurde. Es handelt sich "um eine Art Kompendium dessen, was wir hier tun", sagte der Oberbürgermeister – also eine Art Update in Sachen Freiburger Wohnungspolitik.

Umstrittene Flächen wie im Mooswald unangetastet lassen

Vor vier Jahren hatte der Gemeinderat das Handlungsprogramm Wohnen beschlossen. Seither ist viel gebaut worden, der Gemeinderat wurde nach der letzten Wahl zu einem Drittel neu besetzt und ab nächstem Jahr wird die Stadt den Flächennutzungsplan 2030 in Angriff nehmen. Grund genug, fand die Rathausspitze, um mal alles aufzulisten, was bisher geschah.

"Plausibel ist, dass wir wachsen und deshalb bauen müssen", so OB Salomon. "Ich halte es allerdings für unwahrscheinlich, dass Freiburg linear immer weiter wächst, so wie es die Statistiker ausrechnen." Dazu komme, dass in einigen Baugebieten wie dem Güterbahnhofgelände oder Zähringen-Nord mehr Wohnungen als geplant geschaffen werden. Für Salomon ein Grund, das Tempo zu überdenken und deshalb umstrittene Flächen wie im Mooswald unangetastet zu lassen. Im Großen und Ganzen, so das wenig überraschende Fazit der Rathausspitze der eigenen Wohnungspolitik, sei Freiburg "sehr gut unterwegs".
Kommentar: Ist die Lage am Freiburger Wohnungsmarkt wirklich nicht mehr so dramatisch? Mehr dazu hier

Wie sieht’s aus?

In Freiburg gibt es derzeit rund 112 000 Wohnungen. Die durchschnittlichen Kaufpreise stiegen von 3182 Euro pro Quadratmeter im Jahr 2011 auf 4825 Euro in 2016. Die mittlere Netto-Kaltmiete stieg von 7,29 Euro pro Quadratmeter (Mietspiegel 2011/2012) auf 8,25 Euro (Mietspiegel 2017/2018); Erstvermietungen sind deutlich teurer.

Wo wird gebaut?

Das Baurechtsamt hat im Jahr 2015 1254 und im Jahr drauf 1599 Wohnungen genehmigt, im laufenden Jahr sind es bislang 841. "Damit haben wir deutlich mehr erreicht als die 1000 Wohnungen pro Jahr, die wir uns vorgenommen haben", so Baubürgermeister Martin Haag. Acht Baugebiete sind derzeit in Bearbeitung, darunter Gutleutmatten in Haslach (500 Wohnungen). Ein künftiges Großprojekt ist der neue Stadtteil Dietenbach. Ob dort 50 Prozent Sozialwohnungen entstehen können, müsse diskutiert werden, so Haag: "Es muss realistisch sein." Der Perspektivplan soll Flächen unter anderem am Tuniberg bringen.



Günstige Wohnungen

Im vergangenen Jahr wurden 2618 Wohnberechtigungsscheine erteilt, in der Wohnungssucherdatei sind 1455 wohnungssuchende Haushalte registriert. "Durch das Programm Soziale Stadt sind die Mieten etwa in Haslach und Weingarten nur leicht gestiegen", so Bürgermeister Ulrich von Kirchbach.

Die Stadtbau

Die Stadtbau erweist sich als größter Trumpf, wenn es um günstige Wohnungen geht. Das städtische Wohnbauunternehmen hat knapp 9500 Wohnungen, muss seit 16 Jahren keinen Gewinn an die Stadt ausschütten und kann so in Sozialwohnungen investieren, darauf weist Bürgermeister Otto Neideck hin. Die durchschnittliche Miete (freifinanziert) liegt mit 6,24 Euro pro Quadratmeter rund 25 Prozent unter der aktuellen Mietspiegelmiete (8,25 Euro).

Politische Forderungen

"Die Stadt steht voll hinter den Forderungen des Deutschen Städtetages", so Salomon. Das Gremium hat Bund und Länder unter anderem aufgefordert, den sozialen Wohnungsbau stärker zu fördern.

Die Vorlage soll am 20. Februar 2018 im Gemeinderat beschlossen werden.
Info: Die komplette Vorlage ist nachzulesen unter http://mehr.bz/bauenfr

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