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02. Juni 2010

„Freiburger Sonntagskinder“ Ausflüge für benachteiligte Kinder

Die Kampagne der Arbeiterwohlfahrt zur Kinderarmut hat zur Vereinsgründung geführt.

  1. So sehen Wanderer auf den Schlossbergturm aus – danach bei ihrer Erholung im Stadtgarten. Foto: bamberger

FREIBURG. Die Zwillinge Karolina und Kristina (6) sind Sonntagskinder. Auch Sarah (8) ist eines, und Mashkouratou (8) und Rawad (7) sind ebenfalls welche. Weil sie an einem Sonntag geboren sind? Ganz und gar nicht. Der Verein "Freiburger Sonntagskinder" ist für Kinder da, die sonntags kaum Möglichkeiten haben, etwas zu unternehmen – in der Natur oder im Museum oder im Zoo. An welchem Tag sie auf die Welt kamen, spielt dabei keine Rolle.

Ein nasses Taschentuch auf der Stirn ist richtig schick. Zumindest wenn man gerade bei Sonnenschein zum Schlossbergturm gewandert ist und Abkühlung braucht. War’s anstrengend? Ja, sagen Karolina und Kristina, zumindest Kristina fand den Turm auch ein bisschen beängstigend – sie ist lieber nicht hoch gegangen. Sarah schon, sie war die Erste. Jetzt sind sie und Mashkouratou am Spielplatz im Stadtgarten, wo sie sich vom Wandern erholen, Vorreiterinnen für die nassen Stirntücher. Bei den beiden bleiben die von alleine so fest kleben, dass sie die Hände frei zum Spielen haben.

Rawad hat dafür im Moment keine Zeit: Er hat in einem Glas einen Käfer gefangen, den er fasziniert beobachtet. Doch der Käfer braucht bald wieder seine Freiheit, mahnt Petra Lotzmann vorsorglich. Sie hat die Tierlupen-Gläser mitgebracht, vor allem aber verteilt sie ausdauernd Becher mit Wasser und Schokoladenstücke an die durstige und hungrige Schar Kinder, mit der sie und ihr Mann Christoph Schrade unterwegs sind.

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Petra Lotzmann ist Erzieherin, Christoph Schrade Psychologe. Über ihren Bekanntenkreis haben sie mitbekommen, dass viele Kinder sonntags nur vor dem Fernseher sitzen oder sich langweilen, weil ihre Familien nichts mit ihnen unternehmen. Die Gründe dafür sind höchst unterschiedlich: Manche Eltern müssen – so wie die Mutter von Karolina und Kristina, die jeden zweiten Sonntag als Pflegekraft im Einsatz ist – am Wochenende arbeiten. Andere sind – wie Rawads Eltern, die aus dem Libanon stammen, seit elf Jahren im unsicheren Duldungsstatus leben und zehn Kinder haben – überlastet. Andere sind allein erziehend und bräuchten mal Zeit für sich – ohne Kind.

Oder sie kommen schlicht und einfach nicht auf die Idee, manche Dinge gemeinsam mit den Kindern zu unternehmen: Mashkouratou und ihre kleinen Schwestern Mardiya und Radiya (5), deren Eltern aus Ghana und Togo stammen, sind im Winter zum Beispiel zum ersten Mal in ihrem Leben Schlitten gefahren – mit den "Sonntagskindern".

Dazu kommt, dass immer mehr Familien sich vieles, was Eintritt kostet, nicht leisten können. Die Kampagne der Arbeiterwohlfahrt zur Kinderarmut hat Petra Lotzmann, Christoph Schrade und einige ihrer Bekannten nachdenklich gemacht. Alles zusammen hat dazu geführt, dass sie die "Freiburger Sonntagskinder" gegründet haben und in Kooperation mit der AWO für Ausflüge deren Kleinbus nutzen können. Mit 36 Kindern zwischen fünf und elf Jahren aus 28 Familien sind sie über Kindergärten und Schulen in Kontakt gekommen und laden sie abwechselnd zu Unternehmungen ein: zum Werken ins Waldhaus, ins Kindertheater oder Kinderkino und zum Brotbacken. Statt auf Konsum, zum Beispiel im Europapark Rust, wird auf Kreatives, Kultur und Natur in naher Umgebung gesetzt. Für einige Kinder, die sonst außer bei Schulausflügen nie aus ihrem Stadtteil herauskommen, sind auch kleine Ausflüge schon ungewohnt. Wenn sie daheim begeistert davon erzählen, kann das für die Eltern eine Anregung sein, das Ganze zu wiederholen – oder beim nächsten Mal die "Sonntagskinder" zu begleiten.

Genauso okay ist es aber, wenn Mütter und Väter den Ausflug der Kinder für eine eigene Auszeit nutzen. So wie Heike Milosevic, die Mutter von Kristina und Karolina, das diesmal gemacht hat: Sie hat sich mit Samar Fackhani getroffen, der Mutter von Sarah, die aus Syrien stammt.

Die Töchter sind begeistert von den "Sonntagskindern", erzählen die Mütter, und ihnen geht’s genauso. "Diese Menschen machen das von ganzem Herzen, jedes Kind ist willkommen, egal aus welchem Land und mit welcher Sprache – und es ist eine Kunst, wie sie mit den Kindern umgehen", schwärmt Samar Fackhani.

"Cutting for": Am Montag, 14. Juni, 9 bis 19.30 Uhr bei Markus Vietri, Hansjakobstraße 19, Tel. 0761/70 71 770. Dort sind mehrere Frisöre für die "Sonntagskinder" im Einsatz, jeder Haarschnitt kostet 29 Euro, der Erlös kommt der Aktion zugute.

FREIBURGER SONNTAGSKINDER

Gegründet: Mai 2009.
Mitglieder: 9.
Angebot: Kreative, Kultur- und Natur-Unternehmungen mit Kindern zwischen fünf und elf Jahren.
Mitgliedsbeitrag: keiner.
Kontakt: Freiburger Sonntagskinder, c/o Christoph Schrade, Tel. 0761/74587,
info@freiburger-sonntagskinder.de.  

Autor: anb

Autor: Anja Bochtler