05. Dezember 2009
Für Bettler wird’s immer enger
Die Innenstädte wandeln sich – eine Führung zeigt, was das für Menschen bedeutet, die auf der Straße Geld zum Überleben sammeln
Nach eineinhalb Stunden hat sich der Blick auf die Stadt verändert. Plötzlich fallen sie überall auf: Die unzähligen Werbereiter vor den Geschäften und die immer größer werdenden Glasfassaden. Die machen manchen das Leben schwer. Eineinhalb Stunden lang hat Uli Herrmann durch die Innenstadt geführt – mit einer speziellen Sichtweise. Der Chefredakteur der Straßenzeitung "Frei(e) Bürger" zeigt Freiburg aus der Sicht eines Bettlers.
Ganz unbemerkt sind in den vergangenen Jahren Arbeitsplätze verloren gegangen. Die nimmt allerdings kaum jemand als solche wahr. Doch Uli Herrmann, der sich von 1983 bis 1998 mit Betteln über Wasser gehalten hat, macht seinem Publikum klar, dass dabei ohne Planung und Zuverlässigkeit gar nichts geht – vergleichbar mit einem normalen Job. Was braucht ein Bettler? Eine Wand im Rücken, an die er sich anlehnen kann, viele Menschen, die vorbeikommen, im Idealfall noch ein Dach überm Kopf.Klingt einfach? Ist es nicht, erst recht, weil es noch einiges zu beachten gilt, was Uli Herrmann nach und nach erklärt. Seine Zuhörerinnen, 15 junge Frauen, die beim Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes ein freiwilliges soziales Jahr machen, fragen viel. Ist es okay, einem Bettler Essen statt Geld zu geben? Uli Herrmann hat damit kein Problem. Sind ältere Leute großzügiger als jüngere? Das komme auf den Bettler an – junge Punks hätten es in der Regel bei Jüngeren leichter, die sie direkt ansprechen ("schnorren"), klassische Bettler könnten sich eher auf Ältere verlassen.
Werbung
Wer täglich zur gleichen Zeit am gleichen Ort ist, baut sich allmählich ein Netz von "Stammkunden" mit persönlichen Beziehungen auf, erzählt Uli Herrmann. Doch passende Orte sind immer schwerer zu finden. Die Fußgängerunterführung zwischen Eisenbahnstraße und Fußgängerzone ist zugemauert, am Kartoffelmarkt sind die Händler verschwunden, die Wiese vor der Uni am Platz der Alten Synagoge wird bald umgestaltet und "total steril".
Die Atmosphäre in der gesamten Innenstadt hat sich gewandelt, der öffentliche Lebensraum wird dauernd weiter begrenzt, das zeigt sich überall in den Gassen und Straßen: Zunehmend bewirten Cafés im Sommer draußen, vor fast jedem Geschäft steht ein Werbereiter – meist direkt vor einem Stück Wand, das eigentlich ein Eckchen zum Betteln bieten würde. Und die Wandreste zwischen Eingängen von Geschäften und Lokalen werden durch stetig wachsende Schaufenster schmaler und schmaler.
Zum Beispiel vor dem ehemaligen Café Steinmetz, wo früher ein guter, überdachter Platz zum Betteln war. Jetzt ist dort eine "Fielmann"-Filiale mit riesigen Glas-Fasssaden eingezogen. Vor Schaufenstern ist Betteln genauso tabu wie direkt vor einem Eingang. Die vielen Handy- und Billigläden, die Lebensmittelgeschäften und Einzelhändlern nachfolgen, setzen genauso auf Glas wie die neu gestaltete Volksbank am Bertoldsbrunnen und die Sparkasse in der Kaiser-Joseph-Straße. Die Banken installieren außerdem draußen immer mehr Geldautomaten – keine geeignete Umgebung zum Betteln. Dazu kommt, dass viele Menschen in der Innenstadt mittlerweile überwiegend mit Kreditkarte bezahlen und ohne Kleingeld unterwegs sind. Kein Wunder, dass Bettler inzwischen an Orte ausweichen, wo es noch Lebensmittelgeschäfte und Kunden mit Bargeld gibt: Zum Beispiel vorm Edeka beim Stühlinger Kirchplatz.
Stadtführungen mit Uli Herrmann: Anmeldung unter 0761/3196525,
redaktion@frei-e-buerger.de
Autor: Anja Bochtler

