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21. Oktober 2009

Gedichte, Berge – und die Stille

Leute in der Stadt: Der Jesuitenpater und Zen-Meister Niklaus Brantschen trifft den Nerv vieler

Als kleiner Junge streifte er stundenlang in den Bergen herum, im Wallis, wo er aufgewachsen ist. Das Alleinsein, die Stille: Das war für Niklaus Brantschen nie belastend, sondern schön. Aus ihm wurde ein Jesuitenpater, Zen-Meister und Autor, der den Bergen immer noch eng verbunden ist. Mittlerweile suchen bei dem Schweizer, der am Sonntag 72 Jahre alt wird, immer mehr Menschen nach einem Weg zu ihrer eigenen Stille – so wie am Montagabend in der Reihe "Nachhaltigkeit als Lebenskunst" in der Katholischen Akademie beim Vortrag "Auf den Klang der Stille achten – wie geht das?"

Auch wenn der Raum mit mehr als 100 Zuhörerinnen und Zuhörern überfüllt ist: Niklaus Brantschen schaut jedem, der etwas sagt, aufmerksam ins Gesicht – und steht auch mal auf und geht seinen Gesprächspartnern entgegen, damit er sie sehen kann. Einer, der Gespräche mag – und noch viel lieber Gedichte. Er zitiert Werner Bergengruen, Hilde Domin und vor allem Rose Ausländer, als Jugendlicher hätte er eigentlich gern Literatur studiert. Statt dessen trat er mit 22 Jahren in den Jesuitenorden ein, studierte Philosophie und Theologie, war Studentenseelsorger und leitete das Bildungshaus Lassalle in Bad Schönbrunn. Das alles obwohl es schon ungewöhnlich genug war, dass er als jüngstes von sieben Kindern eines Bergführers überhaupt aufs Gymnasium gehen konnte – der älteste Bruder setzte sich dafür ein.

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Und der Jesuitenorden? Seine Familie war "traditionell katholisch", die Frage nach Gott immer Thema. Ob der Orden das Richtige wäre, wusste er damals zwar nicht – später zeigte sich: Der internationale Charakter der Jesuiten passte bestens zu ihm, speziell die Verbindung zwischen West und Ost wurde sein großes Thema. 1976 war er das erste Mal in Japan, aus Neugier, "nicht als frustrierter Christ". Er wurde Zen-Meister, in seinem nächsten Buch will er über die Verbindung von Zen-Meditation und christlicher Mystik schreiben. Wie weit entfernt er von den oftmals engen Denkschienen einer einzigen Religion ist, zeigt seine Freude über die "spirituelle Offenheit", die er besonders bei jungen Menschen bemerkt.

Beunruhigt ihn nicht, dass die traditionellen Kirchen schrumpfen? Nein: Er ist froh, dass die Zeit des "oktroyierten moralischen Denkens", das in seiner Jugend üblich war, vorbei ist. Auch wenn es andererseits seine Auffassung von "Tugend", die er einer verlogenen Moral gegenüberstellt, schwer hat. Hier schließt sich der Kreis zur Stille: Ohne sie, sagt Niklaus Brantschen, sind die vier Kardinaltugenden nichts wert. Bei denen, die nicht in sich hineinhorchen, verkommt Klugheit zu kühler Taktik. Gerechtigkeit verkümmert zur leeren Orientierung an Gesetzen und Regeln. Aus Tapferkeit wird dumme "James-Bond-Logik". Und das Maßhalten, das zum Stillen der tiefsten Sehnsüchte führt, hat keine Chance. Nicht erst in Zeiten der Finanzkrise trifft Niklaus Brantschen den Nerv vieler. Das gibt ihm Hoffnung, obwohl ihm bewusst ist, dass er sich inmitten von Widersprüchen bewegt: Wenn er Zen-Führungsseminare für Manager anbietet – also diejenigen stärkt, die Strukturen aufrechterhalten, die er ablehnt. Oder auf Wirtschaftsforen als – wenn auch kritischer – Redner auftritt. Da fragt er sich manchmal: Hat er eine Alibi-Funktion, weil ein bisschen Ethik heutzutage schick ist?

Autor: Anja Bochtler