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01. Oktober 2015

Gegen den "psychologischen Analphabetismus"

Eine knapp zweiwöchige Veranstaltungsreihe zum Welttag der seelischen Gesundheit soll Wissen und Begegnungen vermitteln.

  1. Szene aus dem Film „Andere Welt“, der am 10. Oktober läuft. Foto: privat

Wer Abitur macht, hat in der Regel rund 1300 Stunden Schulsport hinter sich, mit dem Ziel, dauerhaft körperlich fit zu bleiben – doch die wenigsten lernen in der Schule auch nur ansatzweise, wie sie mit psychischen Krisen bei sich und anderen umgehen können. Mit dem Vergleich verdeutlicht Mathias Berger, Leiter der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik: Die meisten stehen psychischen Erkrankungen hilflos gegenüber – und sind anfällig für Vorurteile und Ängste. Umso wichtiger ist der Welttag der seelischen Gesundheit, diesmal mit Veranstaltungen vom 6. bis 18. Oktober.

Was tun bei Schlafstörungen? Wie reagiert man, wenn sich jemand selbst verletzt oder nach dem Essen erbricht, um abzunehmen? Woran lässt sich erkennen, wenn Traurigkeit zur Depression wird? Bei solchen Fragen seien die meisten überfordert, sagt Mathias Berger, Jugendliche würden als "psychologische Analphabeten" ins Leben geschickt.

Auch in Freiburg seien viele Menschen psychisch krank, betont Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach – nur wenige trauen sich, offen damit umzugehen. Mathias Berger plant für 2016 einen Schülerkongress zum Thema psychische Stabilität in Freiburg. Sein Ziel: Die Bildungspläne sollen sich ändern. In Norwegen würden Grundschulkinder lernen, wie sie Emotionen erkennen können, bei den Älteren werde Wissen über psychische Krankheiten vermittelt.

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Wer informiert sei, könne bei sich und anderen angemessen reagieren und müsse nicht in Ausgrenzung und Stigmatisierung ausweichen – eine entscheidende Voraussetzung, dass die Würde von psychisch Kranken nicht verletzt wird. Und Würde ist in diesem Jahr das übergreifende Thema beim Welttag der seelischen Gesundheit – die Veranstaltungen in Freiburg beginnen mit einem Vortrag von Mathias Berger dazu. Die kompetentesten Ansprechpartner sind aber diejenigen, die wissen, was es heißt, psychisch krank zu sein – einige von ihnen waren bei der Vorbereitung des diesmal knapp zweiwöchigen Programms beteiligt, erzählt Ingo Schlotter als Vertreter der Psychiatrie-Erfahrenen. Die Veranstaltungen haben mehrere Schwerpunkte: Besonders wichtig findet es Christine Kubbutat, die Psychiatrie-Koordinatorin vom Amt für Soziales und Senioren, dass alle Interessierten unverbindlich Anlaufstellen wie zum Beispiel die Freiburger Hilfsgemeinschaft kennenlernen können (Tag der offenen Tür am 10. Oktober, 13 bis 17 Uhr, Schwarzwaldstraße 9). Wie immer gibt’s ein Film-Begleitprogramm im Kommunalen Kino (Filmabend am 10. Oktober, 19.30 Uhr, Urachstraße 40, Eintritt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro) – der Film "Andere Welt" zeigt den Alltag in einer Klinik für Forensische Psychiatrie, in "Der Boss ist der Patient" geht’s um Erfahrungen von Psychiatrie-Erfahrenen. Mit dazu gehören auch Veranstaltungen zum Trialog – dem gleichberechtigten Austausch von Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen und professionellen Helfern (15. Oktober, 19 Uhr, Mensa der Hebelschule, Engelbergerstraße 2) und Theateraufführungen der "Lebenskünstler", einer Gruppe von wohnungslosen und psychisch kranken Menschen (17. und 18. Oktober, je 19 Uhr, Kubus, Haslacher Straße 43).

"Die äußere und innere Bedrohung der Würde": Start am Dienstag, 6. Oktober, 19.30 Uhr, mit Mathias Berger, Hörsaal Hauptstraße/Ecke Karlstraße, Eintritt frei. Programm-Infos: http://www.freiburg.de/psyche

Autor: Anja Bochtler