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14. März 2016

Landtagswahl 2016

Gegensätzliche Gefühlsregungen auf den Wahlpartys in Freiburg

Überschwängliche Freude, verhaltenes Schulterklopfen und Wundenlecken – bei den Wahlpartys der Parteien und derjenigen des SWR war die ganze Bandbreite der Nachwahl-Gefühlsregungen zu besichtigen.

  1. FDP-Kandidat Jens-Arne Buttkereit (links) im Gespräch mit dem Kreisvorsitzenden Sascha Fiek. Foto: Thomas Kunz

  2. Gutes Ergebnis in Freiburg, aber nicht im Landtag: Lothar Schuchmann (links) und Gregory Mohlberg Foto: Rita Eggstein

  3. Wahlanalytiker bei der Veranstaltung von SWR und BZ (von links): BZ-Chefredakteur Thomas Hauser, Politikwissenschaftler Wolfgang Jäger, Ökonom Lars Feld und Studioleiter Rainer Suchan. Foto: Michael Bamberger

  4. Die CDU hat in Freiburg ihr landesweit schlechtestes Ergebnis eingefahren: Kandidat Klaus Schüle (links) und Parteivorsitzender Peter Kleefass können es kaum fassen. Auch die SPD leckt ihre Wunden. Gabi Rolland (stehend) ist die Enttäuschung anzusehen. Immerhin kann sie ihr Mandat über die Zweitauszählung behalten. Foto: Fotos: Thomas Kunz, Rita Eggstein, Michael Bamberger

  5. Enttäuscht: SPD-Kandidatin Gabi Rolland (stehend) Foto: Michael Bamberger

Schock im Studio

Bei der traditionellen Wahlparty von SWR, BZ und der Landeszentrale für politische Bildung im Freiburger SWR-Studio ist der Schock über das gute Abschneiden der AfD spürbar. "Viele wissen nicht, was sie da gewählt haben", sagt Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach im Gespräch mit BZ-Chefredakteur Thomas Hauser und SWR-Studioleiter Rainer Suchan. Wie tief die SPD noch sinken kann, will Suchan vom SPD-Bundestagsabgeordneten Gernot Erler wissen. Der gratuliert erst mal den Grünen zum Erfolg und sagt dann: "Ich hätte mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass wir hinter der AfD einziehen könnten." Das sei ein "politisches Erdbeben". Ebenfalls zu Wort kommen der Freiburger Wirtschaftsweise Lars Feld und der ehemalige Unirektor Wolfgang Jäger. Für ihn sei das eine "kleine Bundestagswahl" gewesen. Das löst bei einigen Zuhörern im Studio Gelächter aus.

Grüne: Verhaltene Freude

Jubel um 18 Uhr, als die erste Prognose aus Stuttgart kommt: Freiburgs Grüne feiern den Höhenflug ihrer Partei. Das Vorderhaus ist voll und brummt, es dominiert die Trendfarbe Grün – vom Halstuch bis zum Strickpulli. Auf das Ergebnis warten unter anderem Oberbürgermeister Dieter Salomon mit seiner Frau Helga Mayer-Salomon, Stadträte wie Ibrahim Sarialtin und Maria Viethen, SC-Schatzmeister Henry Breit und Kabarettist Matthias Deutschmann. Während in der TV-Übertragung die grüne Wahlparty in Stuttgart zu sehen ist, wird bei der Freiburger Wahlparty debattiert: Wie könnte es noch reichen für Grün-Rot? Obwohl immer wieder gejubelt wird, ist die Stimmung nicht überschäumend. Dann kollektives Aufstöhnen beim Blick auf die Prozente der AfD im Land. "Ein trauriges Ergebnis", findet OB Salomon. Dennoch: Die Grünen haben Grund zu feiern. "Alle drei Direktmandate", ruft’s von der Bühne. Reinhold Pix hat Freiburg-Ost geholt, Bärbl Mielich erstmals den Breisgau und Edith Sitzmann Freiburg-West. Die Fraktionschefin der Landtagsgrünen wird via Skype aus Stuttgart zugeschaltet: "Wer hätte gedacht, dass wir stärkste Kraft im Land werden können?", fragt Sitzmann und hebt ihr Sektglas: "Prost Euch allen auf ein sensationelles grünes Wahlergebnis!"

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cdu: SCH...

Bei der Prognose um 18 Uhr entfährt dem CDU-Bundestagsabgeordneten Matern von Marschall ein leises "Ach du Sch..." Wenig später analysiert er schon wieder sachlich das Ergebnis. Dass es schwierig werden würde, war allen in der Union klar. "Es ist schwer, wenn der Trend dein Gegner ist", sagt Finanzbürgermeister Otto Neideck (CDU). Die Spannung in der Lobby des Kolping-Stadthotels Freiburg, wo sich rund 50 Unionsmitglieder und Sympathisanten versammelt haben, hält sich genauso in Grenzen wie die Enttäuschung. Matern von Marschall und Neideck sehen bei den Koalitionsverhandlungen noch nicht aller Tage Abend: "Wir schauen in den nächsten Tagen, ob die heutigen Sieger auch tatsächlich die Gewinner sind", sagt Neideck. Zur AfD fällt ihm nur ein: "Furchtbar, einfach furchtbar. Das sollte alle demokratischen Parteien zum Nachdenken bringen." Die Kandidaten Johannes Baumgärtner (Freiburg-West) und Klaus Schüle (Freiburg-Ost), die es beide nicht geschafft haben, liegen sich um zehn nach acht in den Armen und bekommen viel Applaus. Baumgärtner erschüttert mehr als das eigene Ergebnis ("Traurig, schade, aber so ist das Votum des Wählers") das der AfD. "Das hätte ich mir in den kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Das ist verheerend."

SPD: Katastrophe

Katastrophal, niederschmetternd, enttäuschend – das sind die meistgehörten Worte bei der Wahlparty der SPD im "Schützen" in der Oberwiehre, für die so etwa 15 Sekunden nach 18 Uhr der Begriff "Party" gestrichen werden muss. Der Balken für die Wahlprognose bleibt für die SPD bei 13 Prozent stecken. Und wenig später wird die Traditionspartei dann auch noch von der AfD überflügelt. "Das einzig Positive, was von diesem Sonntag in Erinnerung bleiben wird, ist der 3:1-Sieg des SC in Frankfurt", sagt knapp drei Stunden später Gernot Erler, Bundestagsabgeordneter und Freiburger SPD-Urgestein. Da ist die Wahlschlacht endgültig geschlagen. Jetzt bloß keine Koalition mit CDU und FDP, mahnt Erler,und es gibt riesigen Beifall. Und dann bekommen die Genossinnen und Genossen an diesem bitteren Abend doch noch ein Erfolgserlebnis. Gabi Rolland, Kandidatin im West-Wahlkreis, hat über die Zweitauszählung ihr Landtagsmandat gerettet, immerhin. "Wir machen weiter, jetzt erst Recht", sagt Gabi Rolland, auf das erste Entsetzen folgt Trotz. Ihr Ost-Kollege Walter Krögner fügt hinzu: Die SPD habe gute Arbeit geleistet und lasse sich nun nicht wie ein alter Hund vom Hof jagen.

FDP: Freude und Staunen

Freude, Staunen und Spannung: bei den Liberalen und ihren Anhängern in der Ganter-Gaststätte am Münsterplatz ist die Stimmung am Wahlabend "nicht euphorisch, aber sehr zufrieden", wie es der Stadtverbandsvorsitzende Sascha Fiek auf den Punkt bringt. Beifall gibt es immer dann, wenn an den Bildschirmen die Hochrechnungen für die FDP eingeblendet werden. "Super, 8 Prozent!" strahlt Jens-Arne Buttkereit, Kandidat für den Freiburger Ost-Wahlkreis, und sieht zwei Gründe für den Erfolg "Wir haben einen hoch engagierten Wahlkampf geführt, und wir haben von vielen Leuten gehört, dass ihnen die FDP im Bund als politische Kraft fehlt". Doch ob die wieder erstarkten Liberalen nun im Land ein entscheidendes Wort werden mitreden können? "Die Regierungsbildung wird schwierig" sagt auch Patrick Evers. Der Stadtrat erinnert daran, das die Freiburger Liberalen die Festlegung der Landespartei auf eine CDU-geführte "Deutschlandkoalition" nicht teilten.

Afd: Schulterklopfen

Schulterklopfen bei der AfD: "Wir sind sehr erfreut über das Vertrauen der Wähler", sagt Wolfgang Ott, Kandidat im Freiburger Westen, auf der Wahlparty im SWR-Studio. "Wir wollen eine wachsame und lautstarke Opposition sein." Mit einem guten Abschneiden seiner Partei habe er gerechnet. Bei einem Spaziergang am Nachmittag mit seiner Frau habe er fast vergessen, dass Landtagswahl ist. Nach den ersten Hochrechnungen bekommt er das Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht. 10,7 Prozent heißt es für Ott am Ende – "total prima", findet er. Auch Volker Kempf (Wahlkreis 48) und Andreas Juschkat (Wahlkreis Freiburg-Ost) sind ins SWR-Studio gekommen, beobachten die Hochrechnungen und beglückwünschen sich. Danach geht’s zum Feiern nach March – nach einigem Hin und Her.

Linke: AChtungserfolg

Wieder nicht im Landtag. Es war kein guter Sonntag für die Linke, aber ein sehr schöner Achtungserfolg für die Freiburger Kandidaten Gregory Mohlberg und Lothar Schuchmann: Die Linke holte in Freiburg 8,4 Prozent, das sind 3,8 Prozentpunkte oder fast 50 Prozent Wähler mehr als letztes Mal – und es ist das beste Ergebnis für die Linke im Land. Gefeiert wurde im Wahlkampfbüro an der Karlstraße.

AUCH DAS NOCH: Peinliche Statistikpanne

Das war allerbestes Kraftfutter für Verschwörungstheoretiker. Auf dem Statistik-Portal der Stadtverwaltung standen am Freitag und Samstag vermeintliche Ergebnisse der Landtagswahl online – alle 186 Bezirke, ausgefüllt bis ins letzte Detail, inklusive einer Wahlbeteiligung von 52 Prozent. Ein FAZ-Autor witterte eine Enthüllungsstory, FAZ.net machte gleich damit auf, AfD-Chefin Beatrix von Storch postete aufgeregt auf Facebook. Dabei gab’s eine harmlose Erklärung: Am Freitag, so berichtete Rathaussprecher Walter Preker, war das Statistiksystem einmal komplett getestet worden. Wie vor jeder Wahl. Danach habe man die Daten gelöscht – nur nicht für die neue App-Variante des Statistik-Portals, gedacht etwa für Smartphones. "Ein blöder Fehler", so Preker. Am Samstag, kurz nach 17 Uhr, war alles wieder gelöscht. Und die Ergebnisse am Sonntag, um 18 Uhr, dann doch ganz anders.  

Autor: dal

Autor: sge