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15. Oktober 2015

Arbeit, die Hilfe bietet

Genossenschaft Sages schafft Perspektiven für Langzeitarbeitslose

Wenn Birgitta Bombardi (53) zu Rüdiger Eiche (51) ins Blindenheim kommt, gibt’s viel tun: einkaufen, kleine Reparaturen, begleiten zu Ärzten oder zur Bank. Birgitta Bombardi hilft ihm bei allem, was ansteht – rund neun Stunden in der Woche, seit mehr als zwei Jahren. Früher war Birgitta Bombardi arbeitslos und Rüdiger Eiche unzufrieden, weil seine Haushaltshilfen ständig wechselten. Zusammengefunden haben die beiden über die Genossenschaft Sages, die seit zehn Jahren mit der Vermittlung von haushaltsnahen Diensten Perspektiven für Langzeitarbeitslose schafft.

  1. Alles muss organisiert sein: Ramona Wagner, Volker Theis, Rüdiger Eiche, Birgitta Bombardi (von links). Foto: kunz

  2. Einkaufen für Hilfsbedürftige ist eine der typischen Tätigkeiten der Sages-Mitarbeiter. Foto: Ingo Schneider

Hier sind die unterschiedlichsten Karrieren möglich: Auch der Sages-Chef hat einst als Arbeitsloser angefangen. Als Volker Theis aus gesundheitlichen Gründen 2003 seinen Job im Vertrieb aufgeben musste, hatte er es als 50-Jähriger schwer – da halfen ihm auch seine 34 Jahre Berufserfahrung nicht. "In einem Jahr habe ich mehr als 60 Bewerbungen geschrieben", erinnert er sich – es sei eine deprimierende Zeit gewesen. Doch er stieß auf andere im ähnlichen Alter und in derselben Situation, und zusammen beschlossen sie, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Drei Jahre lang hat Volker Theis damals die Dienstleistungsgenossenschaft Sages mit aufgebaut, alles ehrenamtlich, er lebte zunächst weiter mit Hartz IV. Sein Ziel war klar: Er wollte für sich und andere Arbeitsplätze schaffen.

Auch Nicht-Arbeitslose waren von Anfang an engagiert

Im Mai 2008 wurde Volker Theis schließlich als Geschäftsführer bei Sages eingestellt. Bis dahin hatte er mit vielen anderen die Grundlagen etabliert. Auch Nicht-Arbeitslose machten – weil sie die Idee überzeugte – von Anfang an mit und sind weiter im ehrenamtlichen Vorstand engagiert, zum Beispiel der einstige SPD-Europaabgeordnete Dietrich Elchlepp und der Volkswirt und Soziologe Burghard Flieger.

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Die Sages-Genossen wollen auf zwei Herausforderungen reagieren, zum einen auf die Perspektivlosigkeit vieler Langzeitarbeitsloser, zum anderen auf den steigenden Bedarf von haushalts- und pflegenahen Dienstleistungen in einer alternden Gesellschaft. Bisher haben rund 180 Kunden den Sages-Service genutzt, aktuell sind es 45. Von mittlerweile insgesamt 60 Sages-Mitarbeitern sind derzeit 14 beschäftigt, davon drei als Festangestellte und elf in geringfügigen Minijobs. Für Ramona Wagner (46) ist der Sages-Job nur ein kleines Zubrot, sie arbeitet Vollzeit in der Immobilienbranche und will nebenher etwas Soziales machen. Früher hatte sie ein altes Paar bis zum Tod der beiden gepflegt, danach vermisste sie etwas. Bei Sages arbeitet sie rund drei Stunden in der Woche, immer bei älteren Menschen.

Bei Birgitta Bombardi ist es anders, sie hat früher als medizinisch-technische Assistentin gearbeitet, Fortbildungen zur Altenpflegehelferin und zur rechtlichen Betreuerin angeschlossen und war dennoch arbeitslos, bis sie zu Sages fand. Inzwischen schlägt sie öfter mal Angebote mit besserer Bezahlung in der Pflege aus, weil sie nicht im Minutentakt in einem Pflegeheim arbeiten, sondern ihre Arbeitszeit frei einteilen und Zeit für die Menschen haben will.

Die Bezahlung der Sages-Mitarbeiter ist nicht die beste: Derzeit liegt das Stundenhonorar bei elf Euro brutto. Mehr sei nicht möglich, weil zwei Euro in die Organisation fließen, sagt Volker Theis– das sichert zusammen mit den Genossenschaftsanteilen der 80 Mitglieder die Grundlagen der Arbeit, zu der viel Organisation gehört. Die Kunden von Sages bezahlen die Dienstleistungen teils selbst, das unterscheidet sie von üblichen Kunden gemeinnütziger Nachbarschaftshilfe, die Wohlfahrtsverbände anbieten.

Doch bei dem blinden Rüdiger Eiche springen die Pflegekassen und das Sozialamt ein. Er schätzt an Sages im Unterschied zu den Anbietern, mit denen er früher zu tun hatte, die Kontinuität. Ihm ist sehr wichtig, dass immer Birgitta Bombardi zu ihm kommt, weil er ihr vertraut. Anders als die knapp bemessene und extern finanzierte Nachbarschaftshilfe wolle Sages auch noch andere Schwerpunkte setzen, so Burghard Flieger. Im Angebot sind etwa auch Gartenpflege, Haushüten oder Reisebegleitung für Menschen, die allein nicht mehr reisen können.

Das werde bisher noch wenig genutzt, soll aber ausgebaut werden. Genau wie die Bereiche Pflege und Betreuung durch selbständige Pflegekräfte, die sich von Sages zu ihren Einsatzorten vermitteln lassen. Immer mehr arbeitet Sages auch mit Pflegeeinrichtungen zusammen, deren Kunden oder Bewohner oft Bedarf an haushaltsnahen Hilfen haben.

Insgesamt werden laut Volker Theis bei Sages bisher Putz- und Haushütedienste am häufigsten nachgefragt, gefolgt von Einkäufen und Besorgungen und der Begleitung zum Arzt.

Autor: Anja Bochtler