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18. März 2017

Freiburger Geschichte

Grabungen im Stadtteil Neuburg fördern älteste Weinpresse Süddeutschlands zutage

Sieben Monate lang haben Archäologen die Baustelle an der Deutschordensstraße dokumentierend begleitet. Dort, wo ein Pflegeheim und Wohnungen gebaut werden sollen, befanden sich früher einige Meter tiefer Brunnen, Gebäude, Friedhof und Siedlungsstraße. Die Grabungen haben sich gelohnt. Eine der überraschenden Erkenntnisse: Neuburg ist älter als bislang gedacht.

  1. Neuburg war schon im 11. Jahrhundert besiedelt. Das Bild zeigt eine Rekonstruktion des Stadtteils. Foto: Hans-Jürgen van Akkeren

  2. Außergewöhnlich große archäologische Grabung an der Deutschordensstraße Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Ein Stück Freiburger Geschichte muss korrigiert werden – die Besiedelung des Stadtteils Neuburg reicht weiter zurück als bisher angenommen. Archäologische Grabungen an der Deutschordensstraße haben Besiedelungsreste aus dem 11. Jahrhundert freigelegt, bisher ging man vom 12. Jahrhundert aus, berichtet Bertram Jenisch vom Landesamt für Denkmalschutz. Gefunden wurden außerdem die älteste Weintrotte Süddeutschlands und der Teil eines Musikinstrumentes aus dem 12. Jahrhundert.

Auf Einladung des Forums Neuburg waren mehr als 150 interessierte Bürger in den Saal der Ludwigsgemeinde gekommen. Der leitende Archäologe erläuterte mit Bildern die Ausgrabungen und deren erste Ergebnisse, auch wenn die wissenschaftliche Auswertung noch nicht abgeschlossen ist. "Wir sind bei dieser umfangreichen Grabung einen wichtigen Schritt weiter gekommen", sagte Jenisch.

Sieben Monate lang hatten die Archäologen im vergangenen Jahr die Bauarbeiten dokumentierend begleitet. Die 3500 Quadratmeter große Fläche ist für eine innerstädtische Grabung außergewöhnlich groß.

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Nachdem es innerhalb der Freiburger Stadtmauern (Marktgründung 1120) für die wachsende Bevölkerung zu eng geworden war, wurde der Stadtteil Neuburg ab etwa 1170 erbaut. Dass der Bereich bereits im Jahrhundert zuvor besiedelt war, konnten nun die Grabungen nachweisen. Die Funde eines Brunnens, Mauerfragmente und einer Siedlungsstraße datiert Jenisch ins 11. Jahrhundert.

Nach der Stadterweiterung im 12. Jahrhundert verfügte Neuburg über eine eigene Pfarrkirche, die Johanniter-Kommende und einen Friedhof. Wie auch in der Kernstadt wurden Bächle, eine Druckwasserleitung und Laufbrunnen sowie eine eigene Stadtmauer gebaut. "Wir konnten nachvollziehen, dass Straßen planmäßig angelegt wurden", berichtet Jenisch. Die Parzellen seien nach einem gleichmäßigen Raster aufgeteilt worden. Auffällig ist beim Abgleich mit historischen Karten, dass die Neuburger innerhalb ihrer Stadtmauern Wein anbauten, obwohl es auch dort bald wieder eng wurde. Laut Jenisch müssen diese Flächen bereits vor dem Bau des Stadtteils landwirtschaftlich genutzt worden sein, und die Bewohner haben offenbar durchgesetzt, diese Flächen beizubehalten. Auch der Fund einer Trotte nördlich des Straßenabschnittes weist auf die hohe Bedeutung des Weinbaus hin. Da der Fundort der Weinpresse zu einer urkundlichen Beschreibung aus dem Jahr 1284 passt, geht der Archäologe davon aus, die älteste Weintrotte Süddeutschlands entdeckt zu haben.

Gefunden wurden außerdem Keramikscherben aus mehreren Jahrhunderten. Jenisch berichtete von Gefäßen und Töpfen aus dem 13. und 14. Jahrhundert, noch unglasiert, aber bereits auf der Drehscheibe hergestellt. Scherben aus dem 12. Jahrhundert stammen von handgefertigten Keramiken. Auch jüngere Scherben wurden gefunden, diese seien bereits glasiert und "von der Verwendung her vielfältiger".

Ein besonderer Fund ist wohl der Teil eines Musikinstrumentes – Jenisch vermutet eine Gambe aus dem 12. Jahrhundert. Aus einem schmalen, etwa sieben Zentimeter langen Stück Rinderknochen wurde ein Saitenhalter geschnitzt. Auch dazu dauert die wissenschaftliche Auswertung noch an.

Immer wieder gab es in Neuburg Phasen des Abrisses, der Aufschüttung, der Planierung. "Da wurde aus dem Erdgeschoss schnell mal ein Keller – wenn sich das eine heutige Stadtverwaltung erlauben würde ...", sagt Jenisch lächelnd. Bis zur Planierung im Jahr 1677 im Zuge des Baus der Vauban-Festungsanlage war der Stadtteil permanent besiedelt. Nach der "Entfestung" 1744/45 und bis ins 19. Jahrhundert stagnierte die Besiedelung.

Das Interesse der Zuhörer galt dem Friedhof und der Grabungstiefe von sieben Metern. Die sei, sagt Jenisch, durch die geplante neue Bebauung vorgegeben gewesen. Die Heiliggeiststiftung errichtet ein Pflegeheim, und die Treubau AG plant 100 Wohnungen. Manche wünschten sich, die gefundenen Strukturen sichtbar zu erhalten, zum Beispiel hinter einer Verglasung im neuen Gebäude. Vor allem die Reste der Weintrotte sollten für alle sichtbar gemacht werden.

Autor: Sarah Noeltner