Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

23. Juli 2010

Hellauf begeistert vom Thema Licht

Ein Kult-Professor und eine Lehrerin stellen eine Arbeitsgemeinschaft für Schülerinnen auf die Beine – und Physik wird zur Show.

  1. Licht aus, Spot an: Die Schülerinnen der Physik-AG stellen das elektromagnetische Spektrum von der Gamma- und der Röntgenstrahlung über die Regenbogenfarben bis zu den Mikro- und Radiowellen auf der Bühne des St. Ursula-Gymnasiums dar. Foto: thomas kunz

  2. Die Regisseure der Lichtspiele: die Schulpraktikerin Claudia Oesterle und Volker Schmidt, Physikprofessor im Ruhestand Foto: Thomas Kunz

Wenn es stinkt und kracht, hat Chemie Spaß gemacht: So einen knalligen Lehrsatz gibt’s für Physik nicht. Einige Schüler finden das Fach furztrocken. Mechanik, Messungen, Formeln scheinen abstrakt und dröge. "Bei uns nicht", sagt Claudia Oesterle. Die Physiklehrerin am St. Ursula-Gymnasium und Volker Schmidt, Professor im Ruhestand, tüftelten ein Konzept aus, das Sechstklässlerinnen dazu bringt, Freude an komplexer Physik zu haben – ohne Formeln pauken zu müssen. Jetzt haben sie alle eine Show über Licht daraus gemacht.

Die Lichtspiele am Ursula. Regie: Claudia Oesterle und Volker Schmidt, nach ihrem Drehbuch der Physik-Arbeitsgemeinschaft. In den Hauptrollen: 18 Schülerinnen, die sich über ein Jahr lang in ihrer Freizeit mit Physik beschäftigt haben. Sie spielen die Lichtreflexion vor, schreiten mit Leuchtstäben in den Händen als Lichtwelle über die Bühne, werden langsamer und drehen ab, als sie auf dichtere Materie treffen, erklären das elektromagnetische Spektrum, zeigen Experimente zur Polarisation. Die ist eigentlich ein Thema für die Oberstufe. Dem Publikum leuchtet gleich ein, wie alles funktioniert.

Werbung


"Die anderen sagen immer: Was, du machst so was freiwillig?!", erzählt Leah Höfflin (12) und kichert. Das Umfeld der Mädchen reagiert ungerührt bis verwundert. "Meine älteren Schwestern fanden Physik trocken", sagt Laura Gehling (12). Sie aber findet es so interessant, dass sie die Sing- und Spielgruppe dafür sausen ließ. Bei den meisten steht das Fach noch nicht auf dem Stundenplan. Der Spaß gipfelt in der Wissensshow. Selbst Teilnehmerinnen vom vergangenen Jahr machen mit. Kein Wunder, denn dafür gibt es eine Erklärung: die Leiter der AG.

Volker Schmidt kann gut und gerne als Freiburger Physik-Papst bezeichnet werden. Seine Weihnachtsvorlesungen für Laien, in denen er es mächtig krachen und seine Haare zu Berge stehen ließ, sind legendär. Als er damit aufhörte, brachte ihn eine Bekannte auf die Idee, mit Jüngeren zu arbeiten; sie war Lehrerin am Ursula. In dem Innenstadt-Gymnasium gibt es in der fünften Klasse das Fach Naturphänomene, Physik erst ab der siebten. Claudia Oesterle, die an der Uniklinik an Kernspintomografie geforscht hat bevor sie Lehrerin wurde, wollte die Lücke gemeinsam mit Schmidt füllen. Die beiden erarbeiteten ein Konzept zum Thema Optik, zogen mit spannenden Versuchen durch die Klassen und damit Neugierige an. Die AG startete 2008, jetzt endet die zweite und vorerst letzte Runde.

Die Herausforderung für Schmidt: den Schülerinnen die teils "recht schwierige Materie erfahrbar zu machen". Ohne Strahlengänge zeichnen und mathematische Gleichungen aufstellen zu müssen, die sie noch gar nicht lösen können. Die Lösung, erklärt Oesterle: einfache Beispiele und viel Zeit. Da spielen die Schülerinnen die Regel "Einfallwinkel gleich Ausfallwinkel" mit einem Ball nach, lenken Licht im Wasserstrahl um die Kurve. Sie können Fragen stellen, bis keine mehr offen sind, es gibt keinen Zeitdruck durch Arbeiten und Bildungsplan. "Das ist sehr entspannt", sagt die Physik- und Mathelehrerin. Die AG ist halb so groß wie eine Klasse, hat aber zwei Lehrkräfte. "Wenn ich das im Unterricht hätte, könnte ich das da auch machen." Der ist viel praktischer und lebensnaher als früher, kann aber nicht mithalten. "Wir hatten jetzt Optik, da ging es eher ums Konstruieren", sagt Elena Radtke (13). Langweilig ist den AG-Schülerinnen trotzdem nicht. "Und ich wette, keine wird je das Gefühl haben, dass etwas Naturwissenschaftliches nicht begreifbar ist", sagt Schmidt.

Frauen entscheiden sich viel seltener für naturwissenschaftliche und technische Berufe. Wie passt das zum Erfolg der AG, spielt der Faktor Mädchenschule eine Rolle? Auch: An gemischten Schulen preschen Jungs in dem Bereich eher vor, sagt Claudia Oesterle. "Hier nicht, und dann machen das die Mädchen auch."

Autor: Simone Höhl