Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

06. Mai 2010

Hilferuf der Geburtshelferinnen

Auch in Freiburg, wo zahlreiche Kinder daheim oder in Geburtshäusern zur Welt kommen, formiert sich der Hebammen-Protest.

  1. Hebammen im Storchenkostüm: Sie lachen zwar, doch eigentlich ist ihnen nicht danach. Gestern protestierten sie in der Freiburger Münsterstraße gegen stark gestiegene Prämien für die obligatorische Berufshaftpflichtversicherung. Foto: Ingo Schneider

Der Storch klappert mit den Zähnen. Doch Ina Schneider, die in dem Kostüm mit dem orangeroten Schnabel steckt, ignoriert den eisigen Wind. Sie geht auf eine Passantin zu, die neugierig stehen geblieben ist vor dem kleinen Stand in der Freiburger Münsterstraße, und erklärt, warum sie und ihre Kolleginnen hier sind: Es ist internationaler Hebammentag, und die Geburtshelferinnen sehen sich in ihrer Existenz bedroht.

Der Grund: Ab 1. Juli kostet die Haftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen 3689 Euro jährlich, das sind fast 50 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. "Wir sind laut Berufsordnung verpflichtet, diese Versicherung abzuschließen. Da haben wir keine Wahl", sagt Uschi Böcking, seit 23 Jahren Hebamme in Wittnau. Allerdings seien die Verdienstmöglichkeiten nach oben hin begrenzt, da eine Hebamme maximal 25 bis 30 Geburten pro Jahr betreuen könne. "Da kommt es schon einem Berufsverbot gleich, wenn der Staat einerseits die Versicherungspflicht auferlegt, andererseits aber nicht gewährleisten kann, dass die Hebammen genug verdienen, um die auch zahlen zu können", sagt Böcking.

Werbung


Von den schätzungsweise 260 Hebammen in der Region sind 230 Mitglied im Kreisverband Freiburg des Deutschen Hebammenverbandes (DHV). Rund 35 davon arbeiten freiberuflich, sie betreuen also Geburten daheim oder in Geburtshäusern. "Die meisten davon finden Sie in Freiburg ", sagt Ina Schneider von der Hebammenpraxis "Lichtblick". Gemeinsam mit einer Kollegin bringt sie dort jährlich rund 40 Kinder zur Welt. "Das hört sich für den Laien wenig an, aber dazu gehört ja nicht nur die Geburt selber, sondern auch Vor- und Nachsorge", sagt Schneider.

Betreut eine freiberufliche Hebamme eine Geburt im Geburtshaus, bekommt sie dafür 445 Euro brutto, für eine Hausgeburt 537 Euro. Die Geburtspauschale deckt den Zeitraum von elf Stunden vor der Geburt und drei Stunden danach ab.

Ein Hebammen-Hausbesuch wird mit 26,52 Euro honoriert

Zudem kann die Hebamme weitere Leistungen in Rechnung stellen: Für einen Hausbesuch nach der Geburt gibt’s 26,52 Euro, für eine Vorsorgeuntersuchung 22,44 Euro. Für den Geburtsvorbereitungskurs könnte sie je Schwangere und Kurseinheit (60 Minuten) 5,71 Euro berechnen. Könnte. Die meisten freiberuflichen Hebammen haben dafür keine Kapazität, da sie in ständiger Rufbereitschaft sind. Für diesen Standby-Service rund um die Uhr zahlt die Krankenkasse nichts, die werdenden Eltern müssen selbst in die Tasche greifen: 300 Euro kostet die 24-Stunden-Bereitschaft der Hebamme ab drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin bis zur Geburt.

"Wenn ich allein 15 Geburten brauche, um die Haftpflichtversicherung zahlen zu können, nützt aller Idealismus nichts mehr", sagt Hebamme Marie-Anette Trappen. Sie und ihre Kolleginnen sehen schwarz, wenn sich nichts ändert. "Es wird bald keine Hausgeburtshebammen mehr geben. Dann gibt’s keine Alternative mehr zur Klinikgeburt", sagt Schneider. Einzige Chance: Die öffentliche Hand übernimmt zumindest Teile der Versicherungskosten. Um das Thema in den Bundestag zu bringen, hat der DHV eine Online-Petition initiiert. Bis 26. Mai braucht es 50 000 Unterstützer.

Weitere Infos zum Hebammenprotest: http://www.hebammenverband.de.

Autor: Claudia Füßler