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02. März 2016

Ihr Ziel sind weniger Barrieren

VEREINT IM VEREIN: "Lebensraum für alle" testet die Umgebung.

  1. Phil Hensel testet, wie rollstuhlgeeignet die Sparkasse in Zähringen ist, Gabriele Hartmann und Gernot Wolfgang dokumentieren. Foto: Bamberger

FREIBURG/ZÄHRINGEN. Welche Hindernisse gibt’s für Menschen mit Handicaps? Wo klappt was gut? Diesen Fragen spüren die Mitglieder des Vereins "Lebensraum für alle" schon länger nach – und veröffentlichen ihre Ergebnisse sowohl auf Internetportalen als auch regelmäßig im Stadtführer "Freiburg für alle". Jetzt verlagert sich ihr bisheriger Schwerpunkt vom Stadtzentr um in die Stadtteile: Als Erstes wird Zähringen unter die Lupe genommen.

In der Sparkassenfiliale in der Zähringer Straße geht’s los. Phil Hensel rollt problemlos rein – keine Stufe stört. Auch die Eingangstür ist breit genug, Gernot Wolfgang misst nach: 1,35 Meter. Ab einer Breite von einem Meter sei alles gut, sagt er, "und alles drüber ist sehr gut."

Die Höhe vom Lichtschalter geht grade noch: 1,10 Meter. Das sei die äußerste Grenze, ideal seien 85 Zentimeter bis 1,10 Meter. Doch falls Phil Hensel Geld an den Automaten im Eingangsbereich abheben oder seine Kontoauszüge auf dem Bildschirm sehen will, wird es für ihn unbequem: Die Automaten sind nicht unterfahrbar, er kann im Rollstuhl sitzend kaum auf den zu hohen und zu weit entfernten Bildschirm sehen. Die Sparkasse will ihre Zähringer Zentrale bald umbauen – wahrscheinlich ab Sommer, sagt Sparkassen-Mitarbeiter Patrick Thoma. Da passt es gut, dass das "Lebensraum für alle"-Team gerade jetzt sein Zähringen-Projekt startet und auf alles hinweist, was verbessert werden könnte.

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Allerdings werden sich voraussichtlich nicht alle Probleme lösen lassen, deutet Patrick Thoma an: Für große Menschen ohne Gehbehinderung seien Rollstuhlgeeignete niedrige Automaten nicht ideal.

In den kommenden Wochen sollen möglichst viele Geschäfte, Restaurants und Kneipen, Kirchen, Beratungsstellen, Friseursalons, Büros von Anwälten oder Steuerberatern und Praxen von Ärzten, Physiotherapeuten und anderen medizinischen Anbietern getestet werden. Dafür gibt’s Kriterien, die auf dem Fragebogen stehen, den Gabriele Hartmann mit Patrick Thoma schnell durchgeht: Gibt’s einen Behindertenparkplatz? Nein, aber ein öffentlicher ist ein paar Häuser weiter. Wie nah ist die nächste Straßenbahn- oder Bushaltestelle, gibt es genügend Sitzgelegenheiten und bei Bedarf Hausbesuche, wie gut lesbar sind Preisschilder und Infoaushänge für Menschen mit Sehproblemen und im Rollstuhl? Das sind Beispiele – der Fragenkatalog ist lang.

Für das Zähringen-Projekt bekommt der Verein 11000 Euro von der Robert-Bosch-Stiftung, bis zum Herbst sollen die Ergebnisse auf der Homepage und in gedruckter Fassung veröffentlicht werden. Bis dahin ist Zähringen der Schwerpunkt für Phil Hensel, der aber auch sonst beim Verein einen 450-Euro-Job hat, und Gabriele Hensel, die für 16 Stunden in der Woche angestellt und darüber hinaus wie Phil Hensel ehrenamtlich im Einsatz ist. Phil Hensel lebt mit Rollstuhl und studiert an der Katholischen Hochschule Heilpädagogik, Gabriele Hartmann hat Tourismus studiert und früher in Berlin Seminare für barrierefreien Tourismus organisiert. Länger als die beiden dabei ist Gernot Wolfgang, einer der Initiatoren des Vereins, nachdem in den 1990ern der erste barrierefreie Stadtführer entstand, damals unter anderem unter der Regie des Sozialverbands VdK. 2002 startete eine breitere Umfrage zusammen mit der Evangelischen Hochschule, um einen Überblick über die Lage für Menschen mit Handicaps an touristischen Orten und in Hotels zu gewinnen.

Zuerst gab’s die Ergebnisse nur im Internet, doch es wurde bald klar, dass auch eine gedruckte Fassung sinnvoll wäre. Damals hatte Gernot Wolfgang noch seine Werbeagentur, die er 2012 an seine Mitarbeiter verkaufte – sie übernahm den Auftrag. Die Finanzierung durch die Stadt reichte nicht aus, Anzeigen sicherten den Rest. Sie sorgen seitdem für die finanzielle Grundlage der meisten Aktivitäten des Vereins. Kürzlich ist die fünfte Auflage des Stadtführers "Freiburg für alle" erschienen, als eines von etlichen regelmäßigen Angeboten (siehe Infobox).

Lebensraum für alle

Gegründet: 2012.
Mitglieder: 7.
Angebot: Internetportale für Freiburg, Lörrach und die Region; Stadtführer "Freiburg für alle"; Magazinreihe; Schulungen für ehrenamtliche Wohnraumberater; Zähringen-Projekt,...
Mitgliedsbeitrag: 20 Euro/Jahr.
Kontakt: Gernot Wolfgang, Tel. 0761/56317, Internet-Adresse: http://www.lebensraum-fuer-alle.org  

Autor: anb

Autor: Anja Bochtler