Natur

Im Stadtwald stehen Bäume aus mehr aus 60 Ländern

Nicola Schwannauer

Von Nicola Schwannauer

Mi, 29. Oktober 2014

Freiburg

Australier, Neukaledonier, Kanadier, Japaner und viele, viele mehr – im Günterstäler Arboretum stehen Bäume aus mehr aus 60 Ländern in friedlicher Koexistenz.

Zuerst sind da nur graue Stämme, die aufragen wie ein trotziges Heer und die Sicht ins Tal verstellen. Sie reichen schlank bis zum Himmel und ächzen ab und an verhalten im Wind. Zur Sicht gesellt sich der Geruch: Tannennadeln, morsche Rinde, Moos, Erde.

Bäume aus der ganzen Welt behaupten sich hier im Freiburger Stadtwald. Australier, Neukaledonier, Kanadier, Japaner und viele, viele mehr aus 60 Ländern stehen in friedlicher Koexistenz. Mammutbäume, Douglasien, Kastanien, Ginkgos, Buchen, Eiben, Tannen sind nur einige von über 1000 Arten. Und Waldmagnolien. Sie zeigt Hubertus Nimsch als erstes.

Hubertus Nimsch ist der ehemalige Günterstäler Revierförster und hat das Arboretum, die Baumsammlung, vor vielen Jahren initiiert. Vor kurzem ist es offiziell 25 geworden, aber gesammelt haben Nimsch und seine Vorgänger viel länger. Schon Ende des 19. Jahrhunderts erprobte man nicht-heimische Arten zur Bereicherung des Waldbilds und aus wirtschaftlichen Gründen. Zu dieser Zeit begann auch der Siegeszug der Douglasie, wirtschaftlich betrachtet ein Sechser im Lotto für das Freiburger Forstamt.

Hubertus Nimsch ist Dendrologe, also Baumkundler. Seit Jahrzehnten reist er in die Welt und bringt Samen und Setzlinge nach Hause. Vor mehr als 30 Jahren, bei einem Streifzug in Neukaledonien, hat er selbst eine neue Art entdeckt, einen tropischen Nadelbaum. "Eigentlich", sagt er, "bringe ich es kaum fertig, zu verreisen und nicht an Bäume zu denken." Er probiert exotische Arten in Freiburg aus, wenig scheidet von vornherein aus. Das Prinzip heißt Versuch und Irrtum, und Hubertus Nimsch ist gut damit gefahren.

Inzwischen sind es 1200 Arten, und das meiste überlebt, selbst Arten, die als nicht winterhart gelten und auf der Südhalbkugel gedeihen wie die Araukarie, die oft als stachliger Wächterin in Freiburger Vorgärten zu sehen ist. Unzählige Samen und Setzlinge hat er gesammelt, sammeln lassen und im Arboretum kultiviert. Vieles probierte er zuerst im eigenen Gewächshaus aus. Manches ging wieder ein, erfror, überlebte halbwegs und zerrupft – aber vieles gedieh und prägt den Wald auf faszinierende Weise, wenn man erst einmal genau hinschaut.

Einige Besonderheiten weist das Arboretum auf, die sich von der Masse abheben, meist dank ihrer schieren Größe. Hubertus Nimsch prescht in seinem Auto ein Stück vor, hält an der Luisenstraße hinter dem Waldhaus und deutet auf den ersten Baum der Rundfahrt: die Waldmagnolie. Erst im Alter von 20 bis 30 Jahren bildet sie Blüten, hoch oben an der Spitze. Kein Spaziergänger könnte die von unten sehen. Deshalb hat Hubertus Nimsch eine Gruppe von ihnen einfach in die Senke gepflanzt, tief in den feuchten Schatten. Damit die Leute oben am Weg im Frühjahr die Blüten sehen können.

Der Förster sitzt schon wieder im Auto auf dem Weg zum nächsten Baum. Hinter den knirschenden Reifen des Jeeps wirbeln gelbe Blättern im Fahrtwind. Jetzt hält er an einer mächtigen Douglasie. Die nordamerikanischen Nadelbäume sind die wirtschaftlich bedeutsamsten Gehölze im Stadtwald, "beim Forstamt schreiben wir nur dank ihrer schwarze Zahlen", sagt Hubertus Nimsch.

Dem Zufall ist hier

wenig überlassen

Aus der Mitte der Douglasien entstammt ein Promi, "Waldtraut vom Mühlwald", etwa eine Stunde Fußmarsch vom Waldhaus entfernt. Die inzwischen 101-Jährige gilt mit gut 63 Metern Höhe als höchster Baum Deutschlands. Eine Infotafel und eine Ruhebank hat man ihr geschenkt, nach der amtlichen Vermessung im Jahr 2008. Die bescheidene Riesin mit den kleinen Zapfen fügt sich perfekt in die nahe Verwandtschaft ein und fällt kaum auf zwischen den anderen stolzen Douglasien im Distrikt Illenberg. Im Auftrag des Forstamts klettern Zapfensammler hoch bis in die Krone und holen Samen für die nächste Baumgeneration.

Hubertus Nimsch geht weiter und weist auf "ein dreistufiges Waldbild" hin: "Cunninghamia" im Vordergrund, dann Thuja, im Hintergrund die Douglasien. Dem reinen Zufall ist hier wenig überlassen. Gebirgsmammutbäume, sechs Hektar, lassen den Günterstäler Wald stellenweise wie einen amerikanischen Nationalpark aussehen. Ein mächtiges Exemplar, um die 40 Meter hoch, steht am Jägerbrunnenweg neben den Tipis der Kinder aus dem Waldkindergarten.

Nicht weit davon, dort wo der Wald wieder zu beiden Seiten des Wegs wächst und es dunkler wird, steht ein stachliges dürres Tropengewächs in Dunkelgrün: die Araukarie. Als Tropenbaum braucht sie Unmengen Wasser und Drainage und scheint ein begehrter Vorgartenschmuck zu sein: "Nach drei Wochen war die erste geklaut", sagt Hubertus Nimsch, "da haben wir die nächste unterirdisch festgebunden." Aber auch daran wurde gezerrt. Er selbst hält sich zurück mit Urteilen über die Ästhetik einzelner Bäume, und zur Araukarie sagt er nur: "Abstrakt."

Das Arboretum wirkt unerschöpflich. Hier wachsen Exoten neben vermeintlich heimischen Bäumen: Die Kastanie haben die Römer gebracht, erfährt man. Genau genommen ist sie kein heimischer Baum, ebenso wenig wie der Nussbaum. Für den Förster ist das nicht nur eine Sammlung um der Sammlung willen. Ihm geht es um den Erhalt gefährdeter Arten und um den Erhalt aussterbender heimischer Arten. "Man muss immer in Waldgenerationen denken als Förster", sagt Nimsch, "eine Erderwärmung um vier Grad werden Ahorn und Fichte zum Beispiel nicht aushalten, da muss man Alternativen holen und prüfen." Eine Waldgeneration? 100 bis 120 Jahre.

Unter den Wedeln

ist es finster

Einen Baum will Hubertus Nimsch am Schluss noch zeigen, einen heimischen diesmal: die Eibe, laut Infotafel der "schattenliebende, beerentragende Urbaum". Ein stattlicher Bestand von 1000 Stück wächst in der Nähe der Günterstaler Straße, eng und dicht, unter den Wedeln ist es finster. Die Eibe gehört zu den Bäumen, die wegen ihres langsamen Wachstums für Forstleute nicht mehr interessant sind und vielerorts von der schneller wachsenden Buche verdrängt wurde. Im Arboretum pflegt und hegt man sie noch, so wie den Speierling, die Mehlbeere oder die Elsbeere. Die Eibe lässt sich Zeit – und das darf sie hier auch.

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