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21. Oktober 2009

In der Welt der Wobbel-Bässe

Dubstep dringt mit urbanen Klängen in die Elektro-Musik-Szene der Regio vor

  1. Dubstep braucht große Bass-Boxen. Foto: Fotolia

  2. Daniel Schmitt - DJ Rusty - Dubstep Foto: N.N.

  3. Daniel Schmitt - DJ Rusty - Dubstep Foto: N.N.

  4. Dubstep Party im White Rabbit Foto: Janos Ruf

Dunkel, basslastig und treibend ist der neue Beat der Nacht, der immer mehr Partys beschallt. Dabei gab es vor fünf Jahren für diese Musik noch nicht einmal einen Namen. Dubstep heißt der Elektro-Sound, der mit brachialer Lautstärke wobbelnde Beats in die Körper der Tanzenden treibt. Von Südengland ausgehend, verbreitet sich Dubstep scheinbar unaufhaltsam. Und beeinflusst immer stärker das Party- und Musikleben der Regio.

Der Freiburger White Rabbit Club ist an diesem Freitagmorgen um 1 Uhr brechend voll. Ohne Stempel kommt keiner mehr rein. Ganz klar: die Digital Dub Jam-Partyreihe ist kein Geheimtipp mehr.

Die Luft ist zum Schneiden dick. Dicht gedrängt tanzen und schwitzen Menschen verschiedenster Couleur. Jamaika-affine Erstsemester lassen ihre Rastalocken unter voluminösen Baumwollmützen hervorlugen. An der Bar bestellt ein Kahlgeschorener Pfefferminztee und verschwindet dann wieder in der tanzenden Menge.

Dort bewegen sich Hiphopper, Hipster, Alternative und Normalos individualistisch zum Sound, der aus den Boxen hallt. Was sie auf der Tanzfläche zusammenhält, sind die treibenden, schweren Bässe, die über die Holzdielen den Weg in ihre Körper finden.

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Beim Digital DubJam wird zu Roots-Reggae, Ragga, Dub und Dubstep getanzt. Während Ersteres noch an die Tradition von Bob Marley, King Tubby und Co. anschließt und beizeiten an Marihuana-geschwängerte Strandpartys auf Jamaika erinnert, ist Letzteres eindeutig elektronische Musik – wenn auch mit organischem Kern. Dringlich und treibend, in der Grundhaltung aber hypnotisch-entspannt und manchmal gar melancholisch wabern und dröhnen die Töne, technisch und urban. Vom nicht tot zu kriegenden, süßlich-melodischen, aufgedreht zirpenden Party-House der Post-Millenium-Jahre, der in Freiburger Clubs eigentlich besonders beliebt ist, ist das unendlich weit entfernt. Unaufgeregt verbreitet sich Dubstep von Süd-London und Bristol ausgehen; ein ungewöhnliches Genre, fern jeder vermeintlich hippen Techno-Elektro-Szene, und auch fern der Großstädte. Kein Neon, kein Glitzer, aber mit einem besonderen Charme, der noch den dunklen Hauch von Underground versprüht.

"Freiburg hat eine kleine aber agile Szene, in der Menschen mit unterschiedlichem musikalischem Background zusammenkommen", sagt Daniel Schmitt, Veranstalter der Digital Dub Jam-Party. "Deshalb gibt’s hier auch keine ganz reinen Dubstep-Geschichten. Damit könnten viele noch herzlich wenig anfangen."

Denn Dubstep irritiert zunächst jeden, der unvorbereitet auf einer Party landet: Wie kann man dazu tanzen? Mit einem Tempo von 140 Beats pro Minute dringen sogenannte Wobbel-Bässe durch den Raum, vorangetrieben von einer Snare-Drum, unterwandert von einem langsamen Subbass und nur gelegentlich ergänzt von Melodien. "Auffällig an der entstehenden Szene in Freiburg ist, dass es hier eher dubbig bleibt und nicht zu so einem sinnlosen Gebretter wird, wie das in anderen Städten zu beobachten ist", sagt auch Jonas Erhardt, Mitbetreiber des White Rabbit. Bestenfalls wird das Ganze auch noch mit einem guten Soundsystem in die Körper der Tänzer gejagt. "In Freiburg gibt es eigentlich noch keine Anlage, die diese Musik würdig wiedergeben kann", sagt Erhardt und lacht.

Auf Dubstep-Partys tanzt jeder für sich, mit wiegendem Oberkörper oder hektisch rudernden Armen – je nachdem, ob er den Wobbel-Bässen oder den Subbässen folgt. Die Bässe erfassen den ganzen Körper, schalten das Denken aus. Dubstep ist keine angenehme oder gar lustige Partymucke. Diese Musik muss man zulassen, sich darauf einlassen. Darin unterscheidet sie sich dann doch wieder kaum vom Techno in all seinen Variationen.

Daniel Schmitt war einer der ersten, der dem Freiburger Publikum vor anderthalb Jahren den Dubstep vor Ohren führte. Er selbst, der unter dem Namen DJ Rusty auflegt, kommt vom Drum ’n’ Bass, was seine Vorliebe für die synthetischere Dubstep-Variante erklärt. Jungle und Elektro stehen ihm näher als Reggae und Dancehall, was auch auf seinem eigenen Dubstep-Label "Dub Bullet Records" deutlich wird. Abgesehen von den vielfältigen musikalischen Einflüssen gefällt ihm insbesondere die Offenheit von Dubstep. "Die Szene hat noch keine verfestigten Strukturen", sagt Schmitt, "Labels und Veranstalter können sich noch durch Qualität behaupten." Kaum anderswo gäbe es zur Zeit derartig große Möglichkeiten, um zu experimentieren. Auf seiner Digital Dub Jam bringt er örtliche DJs wie Treason und Selectah Meph mit internationalen Größen wie DJ Pacheko aus Venezuela zusammen.

Den organischeren Dubstep vertritt in Freiburg zum Beispiel Andreas alias DJ Selectah Easy T Jam vom Esperanza Soundsystem. Der 30-Jährige begann im vorletzten Winter, mit seinen Kollegen auf Reggaepartys Dubstep-Tracks einzuschieben und startete im September 2008 mit "Bass & Offbeat" eine Partyreihe, in der Dubstep die zentrale Rolle spielte. Seitdem legt Andreas mit diesem Konzept unter anderem in der KTS und im White Rabbit auf. Seiner Meinung nach besteht zwischen der Musik auf den Plattentellern und den Menschen, die dazu tanzen, eine enge Verbindung: "Freiburg hat einen sehr lebensfrohen, weichen und warmen Charakter. Wenn wir zum Beispiel in Toulouse oder Leipzig auflegen, spürt man, dass das Arbeiterstädte sind, mit einer raueren Gangart in der Subkulturszene. Das spiegelt sich auch im Hörverhalten der Menschen wider. Dort ist eher der Grime-Elektro Dubstep angesagt."

Und so wird an diesem Abend im White Rabbit zu verhältnismäßig weichen Dubstep-Sounds getanzt, geschwitzt, gefeiert. Eine Szene, die noch in der Entstehung ist. In Süd-London genau so wie in Südbaden.

Autor: Manuel Lorenz und Katharina Wagner