Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
23. Juli 2011
Südbaden hilft
Interview: Dieter Salomon und seine Eindrücke aus Haiti
BZ-INTERVIEW mit OB Dieter Salomon über seinen dreitägigen Besuch im haitianischen Léogâne, das mit Spendengeldern von "Südbaden hilft" unterstützt wird.
Drei Tage lang hat eine Delegation von "Südbaden hilft" Haiti besucht. Ziel der Reise war, sich ein Bild vom Wiederaufbau nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 zu machen und insbesondere den Stand der Arbeiten im Zentrum St. Vincent de Paul in Léogâne zu begutachten. In das Behinderten- und Altenzentrum mit angegliederter Schule fließen die Spendengelder der Hilfsaktion von Stadt Freiburg, Badischer Zeitung, SWR-Studio Freiburg und Caritas international. Über seine Erfahrungen vor Ort in Haiti berichtet Oberbürgermeister Dieter Salomon im Gespräch mit Thomas Fricker.
BZ: Herr Salomon, drei Tage Haiti – welchen Eindruck haben Sie gewonnen, was bleibt haften?Salomon: Bedrücktheit. Ein Stück weit hat man auch das Gefühl, vom schieren Ausmaß des Elends erschlagen zu werden. Man fährt durch das Land und schätzt den Fall Haiti unweigerlich als aussichtslos ein. Aber dann gibt es doch immer wieder Erlebnisse, die hoffen lassen.
BZ: Wo steht Haiti Ihrer Einschätzung nach beim Wiederaufbau, anderthalb Jahre nach dem Erdbeben?
Werbung
BZ: Wer ist verantwortlich für die Armut, die Bevölkerung selbst oder die Politik?
Salomon: Ich glaube, dieses Land ist von der Weltgeschichte 200 Jahre lang vergessen worden. Die unterschiedlichsten Kräfte haben es nach Strich und Faden ausgebeutet – gerade auch nach dem Freikauf von der Sklaverei. Die Haitianer heute sind zwar einerseits stolz, Haitianer zu sein. Andererseits fehlt ihnen das Selbstbewusstsein, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Das ist eine ganz merkwürdige Mischung.
BZ: Gibt es auch positive Zeichen?
Salomon: Ja, durchaus. Eines davon ist bestimmt das Asile St. Vincent de Paul. Schwester Claudette, die das Zentrum leitet, ist eine wunderbar resolute, starke Persönlichkeit. Wie sie die Schule aufbaut, wie sie den Kinder Spaß am Lernen vermittelt – das ist eine Hoffnung für dieses Land.
BZ: Beim Asile handelt es sich um eine kirchliche Einrichtung – ein Zufall?
Salomon: Nein. Man muss einfach sagen, der haitianische Staat existiert nur noch rudimentär. Weder die Ministerien funktionieren noch die staatlichen Einrichtungen vor Ort. Stellen Sie sich vor, in weiten Teilen Haitis gibt es weder Strom noch Straßen noch Müllabfuhr, von einer Post ganz zu schweigen – wie soll da soziales Leben möglich sein? Hilfsorganisationen sind neben der Katholischen Kirche offenbar das Einzige, was funktioniert, und die Kirche ist so etwas wie das soziale Rückgrat der Gesellschaft. Trotzdem kann selbst sie dieses Elend natürlich nicht einmal in Ansätzen auffangen.
BZ: Wie ist die Lage in Léogâne?
Salomon: Die Stadt hat 200 000 Einwohner, aber ich habe weder städtische Strukturen noch irgendwelche Infrastruktur bemerkt. Léogâne besteht aus einer Aneinanderreihung von Wellblechhütten und Zelten, oft von Hilfsorganisationen bereitgestellt. Wir hatten die Ehre, beim Beigeordneten Bürgermeister im Rathaus zu Besuch zu sein. Dieses Rathaus wäre bei uns wegen Baufälligkeit gesperrt. Es besteht aus einem Raum im ersten Obergeschoss, in dem ein Tisch steht mit zehn Stühlen. Das ist die Stadtverwaltung von Léogâne. Da kann ich nur sagen: Wo nichts ist, kann auch nicht regiert werden.
BZ: Im Asile sieht es weniger baufällig aus. Die zerstörten Unterkünfte der Alten und Behinderten wurden provisorisch stabilisiert, mehrere Schulgebäude wurden erdbebensicher erneuert und sind so gut wie fertig. Haben Sie das Gefühl, dass das Geld gut eingesetzt worden ist?
Salomon: Ja, unbedingt. Was Schwester Claudette mit ihren Mitschwestern in den vergangenen 25 Jahren gegen vielerlei Widerstände auf die Beine gestellt hat, ist bemerkenswert. Ich bewundere diese Frau zutiefst, wie sie mit eisernem Willen für Menschen kämpft, um die sich in Haiti wirklich niemand kümmert, nämlich Alte und Behinderte. Da wird der Gedanke der Caritas sichtbar: die bedingungslose Nächstenliebe. Und wie sie mit großem Engagement Kindergarten und Schule erweitert, das ist außergewöhnlich. Wir waren ja bei der Einweihungsfeier der Schule. Da hat man den Stolz gespürt auf das Erreichte, und man hat den Kindern angesehen, wie viel Freude sie an Tanz und Ballett hatten, wie gern sie lernen und was für ein Glück für diese Kinder diese Schule ist. Das sind Zeichen der Hoffnung.
BZ: Welche Lehre nehmen Sie mit nach Deutschland?
Salomon: Ich glaube, Haiti ist das, was man einen failed state nennt, einen gescheiterten Staat. Hier wird nicht regiert, hier fehlen alle Voraussetzungen, um staatlicherseits irgendetwas voranzubringen. Es gibt vielleicht zwei Prozent der Bevölkerung, denen nichts fehlt, und 98 Prozent fehlt es an allem. Wie man so etwas auch nur mittelfristig ändern kann, vermag ich ehrlich gesagt nicht zu sagen. Aber wenn man wiederum sieht, dass die Haitianer trotz allem ein fröhliches Völkchen sind und die Kinder in diesem Elend Lieder singen und munter durch die Pfützen springen und durch den Schlamm waten, darf man auch selbst die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht ist es ja so, dass das, was wir unter Humanität verstehen und menschenwürdigem Dasein, hier einfach fünf Stufen tiefer anfängt. Aber auch dafür muss sich die Weltgemeinschaft engagieren. Aus eigener Kraft wird Haiti es meiner Meinung nach nicht schaffen.
Autor: thf


