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20. Oktober 2012

"Jüdische Kultur ist auch die Lust auf Leichtigkeit"

BZ-INTERVIEW mit der Kulturreferentin der Israelitischen Gemeinde, die zwei Wochen Non-Stop-Kulturprogramm auf die Beine gestellt hat.

  1. Myri Turkenich Foto: Thomas Kunz

Zum allerersten Mal finden in Freiburg Jüdische Kulturtage statt. Von Samstag, 20. Oktober, non stop bis zum 4. November. Ein weit gespanntes Programm, wie Freiburg es bislang noch nicht erlebt hat: Jüdische Kultur und Kunst in einer enormen Spannbreite unter dem Titel "Dem Leben zugewandt". Julia Littmann sprach mit der Kulturreferentin der Israelitischen Gemeinde, Myri Turkenich, die über ein Jahr lang an diesen zwei Wochen getüftelt hat.

BZ: Frau Turkenich, als Chorleiterin muss man öfter Vielseitigkeitsprüfungen bestehen, aber solch ein riesiges Kulturprogramm hat vermutlich alles getoppt?
Myri Turkenich: Es war eine sehr besondere Aufgabe, das stimmt, aber ähnlich große Veranstaltungen habe ich auch früher schon auf die Beine gestellt. Zum Beispiel als Künstlerische Leiterin für den Breisgauer Sängerbund. Damals hatte ich allerdings immer ein Organisationsteam zur Seite. Die Jüdischen Kulturtage bekamen diese Ausstattung erst spät: Für die Wochen vor und während der Kulturtage steht mir jetzt auch ein tolles Team bei.

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BZ: Wie entsteht denn so ein dichtes Programm? Wie findet man den roten Faden?
Myri Turkenich: Es gibt Veranstaltungsreihen, die von einem Thema geprägt sind, zum Beispiel von einem Komponisten. Für unsere ersten Kulturtage wurde mir schon früh klar, dass wir einige Leitideen brauchen würden. Einige Aspekte, denen wir mit großer Vielfalt Rechnung tragen wollen, um damit eben auch weithin sichtbar abzubilden, dass jüdische Kultur im Jahr 2012 ganz Vieles und auch ganz Unterschiedliches ist.
BZ: Wird das so eine Art Potpourri?
Myri Turkenich: Um Himmels willen, nein! Das klingt so beliebig! Nein, die Jüdischen Kulturtage fädeln sich deutlich erkennbar entlang vier wesentlichen Punkten auf. Punkt eins: Ich will zeigen, dass die zweite und dritte Generation von jüdischen Einwanderern aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ein gewachsenes Selbstverständnis hat. In den deutschen jüdischen Gemeinden haben Migranten ihre Integrationserfahrungen gemacht – Fremdheit war gestern.
BZ: Welcher Programmpunkt zeigt das?
Myri Turkenich: Mehrere! Einen hochspannenden Beitrag dazu leistet sicherlich die großartige junge Autorin Olga Grjasnowa mit der Lesung aus ihrem Buch "Der Russe ist einer, der Birken liebt". Olga ist 1984 in Aserbeidschan geboren, im Kaukasus aufgewachsen und 1995 nach Deutschland gekommen. Im Gespräch mit der Leiterin der Stadtbibliothek, Elisabeth Willnat, wird ihr junges bewegtes Leben verständlich werden. Im Übrigen ist mir aber auch Punkt zwei der Leitideen im Programm sehr wichtig: Dass wir bewusst nicht auf die sonst übliche Vergangenheitsbewältigung zielen, und doch zeigen wollen, dass wir mitten in der Gegenwart und mit unserer Geschichte leben.
BZ: Zählt zu diesem Aspekt auch die Lesung vom Israeli Benny Barbasch?
Myri Turkenich: Ja, auf jeden Fall! Er liest aus seinem neuen Buch, das eine urkomische Parabel auf das heutige Israel ist, sehr abgründig, sehr politisch. Und apropos komisch: Humor würde ich als Punkt drei setzen. Diese Lust auf Leichtigkeit. Die jüdische Kultur hat ja auch die Tradition des sehr Humorvollen: alles mit einem Augenzwinkern nehmen.
BZ: Die komischen Beiträge lassen sich relativ leicht ausmachen...
Myri Turkenich: Ich bin mir sicher, dass nicht nur der sehr witzige Autor Michael Wuliger mit seinem "Der koschere Knigge" für den jüdischen Humor steht. Oder der Kabarettist Alexej Boris. Beide sind umwerfend und zeigen ein sehr offenherziges und humorvolles Bild von der heutigen Begegnung zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Menschen. Aber auch die Erzählung von Chassidischen Legenden, musikalische Abende, überhaupt etliches von unserem Programm hat mit Witz und liebevollem Humor zu tun.
BZ: Und was ist der vierte Punkt, den Sie mit Ihrem Programm umsetzen wollten?
Myri Turkenich: Das ist, einen Einblick in die Vielfalt des heutigen Judentums – auch in Freiburg – zu geben. Der Rabbiner bietet zwei "Nächte der offenen Synagoge" an. Einmal geht es um jüdische Medizinethik, einmal um die Rolle der Frau im Judentum. Das ist jeweils ein weiter Bogen, der da gespannt wird. Zumal den Auftakt für die Jüdischen Kulturtage am Samstagabend die herausragende Kantorin Svetlana Portnyansky aus den USA bestreitet. Eine Kantorin? Das ist eine Position, die orthodoxe Gemeinden für gewöhnlich nur mit Männern besetzen!
BZ: Klingt nach Ankommen in der Moderne – ist das die Botschaft?
Myri Turkenich: Eine Botschaft in diesem Sinne habe ich nicht. Zwar trägt das Festival meine Handschrift – immerhin ist mir die künstlerische Leitung übertragen – aber ich kann nicht für die Jüdische Gemeinde sprechen. Da reichen die Meinungen weit auseinander – und das ist ja nur normal. Aber: Ich würde sagen, man kann erkennen, dass wir in Bewegung sind. Und dafür stehen auch die sehr guten Konzerte, Vorträge, bemerkenswerte Workshops in Schulen, Filme, die wir anbieten. Und dass jüdische Künstler hier in Freiburg viel hervorbringen, und zwar heute, zeigt zum Beispiel das Auftragswerk von Gilead Mishory, das bei der Abschlussveranstaltung uraufgeführt wird: "Haus-Psalmen" – komponiert für das Jubiläum zum 25. Jahrestag der Synagogeneinweihung.

Ausführliche Informationen zum kompletten Programm der Jüdischen Kulturtage gibt es im Internet auf der Seite http://www.jg-fr.de

ZUR PERSON : MYRI TURKENICH

wurde in Argentinien geboren, wuchs in Israel auf und lebt seit vielen Jahren in Freiburg. Sie ist studierte Flötistin und Dirigentin – und leitet mehrere Chöre. Im erweiterten Vorstand der Israelitischen Gemeinde in Freiburg wurde sie zur Kulturreferentin gewählt.  

Autor: lit

Autor: lit