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28. März 2009

Kein "Stempel Migrationshintergrund"

Drei Gemeinderats-Kandidaten mit nicht-deutschen Wurzeln im Gespräch über"Freiburgs Zukunft"

Bisher kandidierten sie meist irgendwo weit hinten. Und erst zwei schafften tatsächlich den Sprung in den Gemeinderat. Doch diesmal gibt’s bis auf die FDP bei allen Listen Menschen mit Migrationshintergrund, die Stadträtinnen und -räte werden wollen. Drei von ihnen diskutierten am Donnerstagabend im BZ-Haus mit BZ-Redakteur Uwe Mauch.

Machen Menschen mit Migrationserfahrung andere Politik? Roberto Alborino (Platz 12 bei der SPD) mag sich nicht über seinen italienischen Pass definieren: "Ich bin ein Mensch mit einer Lebensgeschichte, das macht mich aus – nicht der Stempel Migrationshintergrund." Zwar gibt’s Gemeinsamkeiten in den Lebensgeschichten von Roberto Alborino aus Italien, Ibrahim Sarialtin (Platz 4 bei den Grünen) aus der Türkei und Sylvie Nantcha (Platz 9 bei der CDU) aus Kamerun – aber auch mindestens ebenso viele Unterschiede. Roberto Alborino und Ibrahim Sarialtin verbindet, dass sie in ihrer Kindheit jahrelang "Gastarbeiter"-Väter in Deutschland hatten, die ihre Familien kaum sahen. Und genau wie Sylvie Nantcha haben sie irgendwann in ihrem Leben in einem fremden Land neu angefangen: Ibrahim Sarialtin Mitte der 1970er als Neunjähriger in Bayern, der vor allem in seinem Fußballverein eine neue Heimat fand. Sylvie Nantcha Anfang der 1990er als 17-jährige Germanistik-Studentin, der in ihrer christlichen Gemeinde und im Studentenwohnheim schnell der Anschluss gelang. Und Roberto Alborino Anfang der 70er als Sozialpädagogik-Student, der staunte, dass es in Freiburg eine Studenten-, aber keine Schülerbewegung gab, die ihn in Italien schon als 15-Jährigen geprägt hatte.

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Den deutschen Pass hat Roberto Alborino nie gebraucht, um seine Umgebung mitzugestalten – anders als Sylvie Nantcha, die großen Wert auf ihre deutsche Staatsangehörigkeit legt, selbst wenn ihr der Wechsel nicht leicht fiel. An diesem Punkt hat sie nichts gemeinsam mit Roberto Alborino und Ibrahim Sarialtin, die für ein "Wahlrecht für alle" unabhängig vom Pass eintreten. Da liegt Sylvie Nantcha ganz auf der Linie ihrer Partei: Wer mitreden will, soll sich einbürgern lassen. Protest auf dem Podium und aus dem Publikum: "Schwachsinn" , schimpft Ibrahim Sarialtin. Zumal Freiburg beim Tempo der Bearbeitung von Einbürgerungsanträgen landesweit an letzter Stelle stehe, kritisiert Roberto Alborino.

Und Kurden würden von vornherein vom Verfassungsschutz als "verdächtig" eingestuft und bekämen den deutschen Pass kaum, sagt ein kurdischer Zuhörer, der seit 19 Jahren hier lebt. Eine "Ungerechtigkeit", die weniger auf kommunaler sondern auf der Bundesebene liege, sagt Roberto Alborino – wie meist, wenn es um Migranten geht. Was für ihn nicht heißt, sich Problemen nicht kommunal zu stellen: Zum Beispiel wenn Kinder ohne legalen Aufenthalt hier nicht zur Schule gehen können oder Familien bis zu 15 Jahre in Flüchtlingsunterkünften leben: "Diese Kinder haben keine Chance."

Autor: Anja Bochtler