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21. Februar 2009
"Kinder brauchen die Muttersprache"
BZ-Interview mit Guido Schmitt von der "Forschungsstelle Migration und Integration" zum heutigen "Tag der Muttersprache"
Ob als Muttersprache oder Fremdsprache: Deutsch lernen soll jedes Kind, das hier aufwächst – da sind sich alle einig. Doch was wird aus den vielen anderen Muttersprachen? Sie brauchen genauso ihren Platz an deutschen Schulen, fordert Guido Schmitt, der Leiter der Forschungsstelle Migration und Integration an der Pädagogischen Hochschule, seit zwei Jahrzehnten. Anja Bochtler hat er erzählt, warum er von der aktuellen Bildungspolitik enttäuscht ist.
BZ: Viele sagen: Migrantenkinder sollen in der Schule Deutsch sprechen, ihre Muttersprache lernen sie in ihrer Familie.Schmitt: Darauf antworte ich mit Zahlen der Pisa-Studie vom Jahr 2000, die niemand zur Kenntnis nimmt. In Hessen besuchten damals 62 Prozent der Migrantenkinder mittlere oder höhere Schulen, in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und im Saarland waren es je mindestens 50 Prozent. In Baden-Württemberg 39,1 und in Bayern 33,5 Prozent. Was ist da los? Die Kinder sind erfolgreicher, wo – wie früher in Hessen – die "Gastarbeitersprachen" Pflicht oder, wie in den anderen Bundesländern, die gut abschnitten, Wahlfächer waren.
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Schmitt: Das bestätigen viele Untersuchungen, und es ist längst klar: Kinder brauchen die Sprache, die sie als erste lernen, als Grundlage, um sich die Welt zu erschließen. Wenn sie darin nicht gefördert werden, haben sie es auch mit der zweiten Sprache Deutsch viel schwerer. Nach Erkenntnissen der Hirnforschung unterscheiden sich Kinder, die zweisprachig aufwachsen, in ihrem Lernen von einsprachigen – darum müssen sie anders gefördert werden.
BZ: Dann müsste jede Muttersprache, mit der in Freiburg Kinder aufwachsen, an den Schulen verankert werden. Wie soll das funktionieren?
Schmitt: In Basel werden 60 Sprachen unterrichtet, in Schweden gibt es ein Recht auf Unterricht in der Herkunftssprache. Mit den zwölf am meisten in Freiburg vertretenen Sprachen wären die Sprachen von 90 Prozent der Einwandererkinder abgedeckt. Es ist immer eine Frage des Willens und der Finanzen. Und da sehe ich im aktuellen konservativen Trend in der Bildungspolitik Rückschritte, wenn es immer nur heißt: Deutsch, Deutsch, Deutsch.
BZ: Doch es gibt auch andere Entwicklungen: Vereine wie die türkischstämmige "Akademische Plattform" oder die lateinamerikanische Schule von "Nuestra America" bieten in Freiburg muttersprachlichen Unterricht an.
Schmitt: Das ist der inoffizielle Bereich, die Rückschritte liegen auf der offiziellen politischen Ebene. Größere Migrantengruppen, die seit Jahrzehnten hier leben, werden aktiver und selbstbewusster und nehmen das selbst in die Hand. Aber es ist traurig: Die deutsche Gesellschaft vergeudet wertvolle Kompetenzen, wenn sie die Herkunftssprachen nicht fördert.
Autor: anb
