"Kleine Fluchten" mit der Kamera

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Mi, 04. April 2018

Freiburg

"(Un)menschlich – die Depression hat viele Gesichter": Fotos von Andrea Kisslinger in der Meckelhalle der Sparkasse.

FREIBURG. Eine Gitarre: der Hals gebrochen, die Saiten zerrissen. Dahinter, unscharf, der Mann im schwarzen T-Shirt, sein Blick ins Leere gerichtet. "Broken Strings – zerbrochene Töne" ist Fotografin Andrea Kisslinger als Titel für ihr Bild in den Sinn gekommen. Das klinge so ähnlich wie "broken wings", zerbrochene Flügel.

So etwa müssen sich Menschen fühlen, die an einer Depression erkrankt sind: antriebslos, verzweifelt, unfähig zu irgendeiner Art von Freude, wie es Professorin Katharina Domschke von der Psychiatrie der Freiburger Uniklinik bei der Ausstellungseröffnung von "(Un)menschlich – die Depression hat viele Gesichter" in der Meckelhalle der Sparkasse schildert.

Jeder Fünfte im sehr zahlreichen Publikum kann rein statistisch damit rechnen, einmal im Leben davon heimgesucht zu werden. Andrea Kisslinger und Alexander Apprich, "Mensch-Fotograf" aus Ingolstadt, haben Bilder gefunden für die inneren "Fesseln, die depressive Menschen vom Leben und Lieben abhalten" (Domschke). Porträts, Landschaften, der umgekippte und von Wellen umspülte Strandkorb am düsteren Meer, die Herbstrose mit nach unten hängendem Blütenkopf aus dem Garten von Andrea Kisslingers Schwester. Der Kontrast könnte größer nicht sein: Die Schwarz-Weiß-Düsternis der Bilder und die heitere Atmosphäre in der repräsentativen guten Stube der Sparkasse. Besser könnte nicht zum Ausdruck kommen, was das veranstaltende Freiburger Bündnis gegen Depression als seinen Daseinszweck versteht: Depressive Menschen nicht totschweigen.

Aber wie lässt sich bildlich zum Ausdruck bringen, was sich mit Worten kaum sagen lässt? Alles nur inszeniert? Papa Doudou Sidibe, dessen Porträt mit dem Titel "My own personal hell / meine ganz persönliche Hölle" in der Ausstellung zu finden ist, hat sich unters Vernissagenpublikum gemischt. Der 29-Jährige, der auch als Model arbeitet, kennt diese persönliche Hölle nicht, hat aber als Heilpädagoge mit depressiven Menschen gearbeitet. Zu Andrea Kisslinger ist er als Kunde gekommen. Sie hat ihn gefragt, ob er sich für das Ausstellungsprojekt zur Verfügung stelle. "Wir hatten schnell einen guten Draht. Es ist viel Tiefe in seinem Wesen", sagt die nebenberufliche Fotografin, die im Hauptberuf Lehrerin für Deutsch und Englisch – deshalb die englischen Titel – am Freiburger Friedrichgymnasium ist.

Talent zur Kommunikation und zum Kontakte knüpfen

In beiden Professionen dürfte ihr das Talent zur Kommunikation, zum Knüpfen mehr als oberflächlicher Kontakte entgegenkommen. Wie ihr Fotografenkollege Apprich habe sie Menschen in ihrem Umfeld in und nach Krisen begleitet. Daraus sei die Idee zum Ausstellungsprojekt erwachsen. Manche aus ihrem engeren Umfeld habe sie zum Mitmachen gewinnen können. Sie hätten eigene Bild- und Gestaltungsideen eingebracht. "Für viele ist es wie eine Katharsis gewesen."

Die 46-Jährige – schwarze Kleidung, schwarze lange Haare und damit selbst ein wandelndes Schwarz-Weiß-Bild – besteht darauf, dass die Bilder "authentisch" sind, selbst wenn sie "gestellt" sind. "Es kommt darauf an, genau im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken." Der melancholische Blick, die niedergeschlagenen Augen, das in die Hände vergrabene Antlitz – das lässt sich offenbar so nicht verordnen.

Am Anfang war es ein Hobby, erzählt die Fotografin. Schon ihre Mutter habe gerne fotografiert. Dass ihre Fotos ankamen im Bekanntenkreis, hat Andrea Kisslinger Mut gemacht. Mit dem Zusammenspiel von Blende, Belichtungszeit, ISO-Empfindlichkeit und anderen technischen Parametern hat sie sich mit der Zeit immer vertrauter gemacht. Existenziell wurde das Fotografieren für sie, als ihr Mann schwer erkrankte. Mit der Kamera begab sie sich auf "kleine Fluchten" aus dem Pflegealltag. Im oberschwäbischen Bad Saulgau geboren, kam sie nach Freiburg zum Studieren. Es kam, wie es kommen musste: "Ins Bächle gedappt, einen Freiburger geheiratet."

Die "broken strings" übrigens hat sie auf dem Müll gefunden und das Kaputte in Kunst verwandelt.

Die Ausstellung ist noch bis zum 17. April in der Meckelhalle der Sparkasse, Kaiser-Joseph-Straße, montags und donnerstags von 9 bis 18 Uhr, dienstags, mittwochs und freitags von 9 bis 17 Uhr zu sehen. Der Erlös aus dem Verkauf der Bilder kommt dem Freiburger Bündnis gegen Depression zugute.