Theater

Kurt Weills und Alan Jay Lerners Musical "Love Life" am Theater Freiburg

ruge

Von ruge

Fr, 08. Dezember 2017

Freiburg

TICKET-INTERVIEW: Dramaturgin Tatjana Beyer zu Kurt Weills Musical "Love Life".

Tatjana Beyer betreut als Musiktheaterdramaturgin im Team des neuen Intendanten Peter Carp Kurt Weills "Love Life" am Freiburger Theater. Zuvor war die 36-jährige Essenerin bei der Ruhrtriennale für Musiktheater und für die Konzertplanung des Ensemble Resonanz in Hamburg verantwortlich. Georg Rudiger hat mit ihr gesprochen.

Ticket: Sie spielen Kurt Weills "Love Life" am Freiburger Theater als deutsche Erstaufführung. Warum hat es so lange gedauert, bis das 1948 am Broadway uraufgeführte Musical eines deutschen Komponisten in Deutschland gelandet ist?
Beyer: Es hat sicherlich verschiedene Gründe, warum das Stück nach 252 Vorstellungen hintereinander in der Versenkung verschwand. Zum einen gab es keine Aufnahme davon, weil zu dieser Zeit die Tontechniker streikten. Zum anderen war auch das Werk umstritten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man in den USA Erfolgsgeschichten hören und keine Stücke, die sich kritisch mit der amerikanischen Vergangenheit beschäftigten und von einem geschiedenen Ehepaar erzählten. Dankenswerterweise hat unser Chefdramaturg Rüdiger Bering das Musical wieder entdeckt, übersetzt und Teile davon im Jahr 2000 mit Studenten an der Universität der Künste in Berlin aufgeführt. Nun haben wir es gleich in unsere erste Freiburger Spielzeit genommen.
Ticket: Um was geht es in "Love Life"?
Beyer: Vordergründig um das klassische amerikanische Ehepaar Sam und Susan Cooper mit den Kindern John und Elizabeth, an dem rund 150 Jahre amerikanische Gesellschaftsgeschichte reflektiert wird – von 1791 bis 1948. Diese vier Menschen altern nicht. Sie erzählen in Rückblicken, wie sich ihre Lebensbedingungen durch die Industrialisierung verändert haben. Angefangen haben Sam und Susan in einer Kleinstadt mit einem Laden. Weil sie von dem Geschäft nicht mehr leben können, heuert er in einer Fabrik an, später bei der Eisenbahn. Die Ehe fängt an zu kriseln, sie engagiert sich in der Frauenbewegung. Die anfängliche Harmonie in der Familie ist zerstört.
Ticket: Das klingt sehr traurig.
Beyer: Das könnte man meinen, aber das Ganze wird mit viel Witz erzählt. "Love Life" ist eine rasante, farbige, kraftvolle Nummernrevue, die die spezielle Form des amerikanischen Vaudevilles hat. Ein Vaudeville war im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ein Varieté, in dem ganz unterschiedliche Nummern präsentiert wurden: Artistik, sentimentale Liebeslieder, derbe Sketche. Viele Hollywoodstars wie Charlie Chaplin oder die Marx Brothers haben in Vaudevilleshows angefangen. In "Love Live" gibt es die Geschichte um Sam und Susan Cooper und dazwischen die kommentierenden Revuenummern, in denen sich Kurt Weill musikalisch austobt. Vom Barbershop-Quartett bis zur Countrynummer mit Banjo, von der Jazzballade bis zum Madrigal, von der Polka bis zum Stepptanz.
Ticket: 1948 war aber die Form des Vaudevilles völlig aus der Mode. Das Radio und der Tonfilm haben spätestens in den 1930er Jahren diese Shows abgelöst.
Beyer: Die speziellen Theater gab es nicht mehr. Aber dieses Varieté als Kunstform zu wählen, wie es Kurt Weill und sein Librettist Alan Jay Lerner gemacht haben, war ganz neu. Interessant ist, dass "Love Life" als Modell diente für ganz berühmte Musicals wie "A Chorus Line", "Chicago" oder "Cabaret", die auch mit einer Rahmengeschichte und eingefügten Shownummern arbeiten.
Ticket: Das neue Team um Peter Carp möchte in Freiburg auch Entertainment bieten. Was ist unterhaltsam an "Love Life"?
Beyer: Eigentlich alles. Allen voran die Musik – jede Nummer ist ein Ohrwurm. Wir haben eine Orchesterbesetzung mit Zusatzinstrumenten wie Banjo, Akkordeon und einer Jazzcombo. Es wird viel getanzt – der Freiburger Opernchor probt seit sechs Wochen an den anspruchsvollen Choreographien und macht das großartig. Die Inszenierung von Juan Anton Rechi ist sehr farbenreich. "Love Life" wird die Produktion mit den meisten Kostümwechseln in dieser Saison. Die Produktion ist auch eine Hommage an das amerikanische Kino. Da kann man fleißig mitraten.

Termine: Freiburg, "Love Life", Theater, Großes Haus, Premiere: Sa, 9. Dez., 19.30 Uhr; weitere Aufführungen: 14., 16., 21., 31. Dez., 14., 31. Jan., 11., 16., 22. Feb., 3., 11. März, 6. April