Bahn schweigt

Leiche fährt sieben Stunden lang im Zug zwischen Offenburg und Basel mit

Sina Schuler

Von Sina Schuler

Do, 07. Dezember 2017 um 21:58 Uhr

Freiburg

Ein Drogenabhängiger spritzt sich auf einer Zugtoilette eine Überdosis Heroin und stirbt. Sieben Stunden fährt seine Leiche in dem Regionalzug zwischen Basel und Offenburg mit. Die Tür war nicht abgeschlossen – bemerkte ihn wirklich niemand?

Eine gruslige und zugleich traurige Vorstellung: Ein Drogenabhängiger spritzt sich in der Zugtoilette eine Überdosis Heroin und stirbt. Dort liegt er etwa sieben Stunden lang, bis ihn jemand bemerkt und die Polizei verständigt. Dies hat sich Ende November tatsächlich in einem Regionalzug zwischen Basel und Offenburg zugetragen.

Warum die Leiche des 28-Jährigen stundenlang hin und her fahren konnte, ohne dass ein Fahrgast oder Bahnmitarbeiter aufmerksam wurde, ist unklar – zumal die Toilettentür nicht abgeschlossen war. Die Deutsche Bahn äußert sich dazu nicht.

Zuvor war das Opfer wohl im Zentrum für Psychiatrie Emmendingen

Der Vorfall ereignete sich am Mittwoch, 29. November. Die Polizei nimmt an, dass der 28-Jährige um 13.18 Uhr in Emmendingen in die Regionalbahn nach Offenburg gestiegen ist. Nach BZ-Informationen befand er sich zuvor im Zentrum für Psychiatrie Emmendingen. Das ZfP mache zu Patienten grundsätzlich keine Angaben, wie die Einrichtung mitteilt. Kurz darauf soll der Mann laut Polizeisprecherin Laura Riske eine Zugtoilette betreten und sich Heroin gespritzt haben. Die Überdosis brachte ihn um.

Gefunden wurde seine Leiche Stunden später, gegen 20 Uhr beim Halt am Freiburger Hauptbahnhof. Offenbar hatte ein Reisender das Zugpersonal zur Hilfe geholt. Notarzt sowie Bundes- und Kriminalpolizei waren vor Ort, die Kripo nahm Ermittlungen auf. Es gebe keine Hinweise auf ein Fremdverschulden, so Riske.

Die Bahn schweigt

Der genaue Weg und wie oft die Leiche hin und her gefahren ist, lässt sich nicht konstruieren, nicht ohne Angaben der Bahn. Die schweigt. Ein Sprecher, der nicht namentlich genannt werden will, erklärt nicht einmal, wie genau die Deutsche Bahn ihre Züge einsetzt. Die ändern offenbar ihre Zugnummern: Eingestiegen war der 28-Jährige in den RE 17018, seine Reise endete im RE 17039.

Warum hat die Leiche stundenlang keiner bemerkt? Warum hat den ganzen Nachmittag über keine Reinigungskraft in der Toilette vorbeigeschaut? Warum fällt den Bahnmitarbeitern nichts auf, zumal sich potenzielle Schwarzfahrer dort aufhalten können? Fiel doch jemandem etwas auf? Die Bahn beantwortet mit Hinweis auf das laufende Verfahren keine Fragen. Laut Polizei war noch nicht einmal die Tür abgeschlossen. Die war Riske zufolge aber auch für die Beamten schwer zu öffnen, da der Körper des Mannes dagegen lehnte.

"Ich gehe davon aus, dass mehrere Zugpassagiere in ihrem Versuch, die Toilette zu besuchen, gesehen haben müssen, dass sich darin ein Mensch befindet." Zeuge
Nach Angaben eines Augenzeugen, der anonym bleiben möchte, war der Zug am Abend stark frequentiert. "Ich gehe davon aus, dass mehrere Zugpassagiere in ihrem Versuch, die Toilette zu besuchen, gesehen haben müssen, dass sich darin ein Mensch befindet", so der Zeuge. Ihm zufolge konnte man die Tür so weit öffnen, dass man in die Kabine hätte hineinsehen können. Die Polizei habe dafür keine Anhaltspunkte, so Riske. Auch für unterlassene Hilfeleistung gebe es keine Hinweise.

Weiterfahren konnte der Zug nach der Entdeckung vorerst nicht. Bis die Kripo Spuren wie eine Spritze gesichert hatte und die Leiche abtransportiert worden ist, war es fast Mitternacht. Solange blockierte die Regionalbahn Gleis 4. Die Polizei hat ihre Ermittlungen laut Riske mittlerweile abgeschlossen und legt ihre Ergebnisse nun der Staatsanwaltschaft vor.