clemens maria heymkind

LESESTOFF: Heilung eines Traumas

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 13. Mai 2018

Freiburg

Sein Pseudonym steht für das Schicksal von schätzungsweise 1,2 Millionen Kindern, die zwischen 1949 und 1975 in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen in Westund Ostdeutschland gequält wurden, und es steht für seine Identität als Überlebender: Der Freiburger Clemens Maria Heymkind (52), der 2015 in seinem Buch "Verloren im Niemandsland" die Grausamkeiten geschildert hatte, die er in einem von Franziskanerinnen geführten Kinderheim im bayerischen Mallersdorf erdulden musste, hat nun sein zweites Buch vorgelegt. Unter dem Titel "Schattenkind, vergiss mein nicht" berichtet er von den verstörenden Auswirkungen des Missbrauchs und von der Überwindung seines Traumas. Die Geschichte beginnt mit seiner Ankunft im Pestalozzi-Kinder- und Jugenddorf in Stockach-Wahlwies am Bodensee. Der Zwölfjährige ist unberechenbar und rücksichtslos, immer wieder gerät er in einen "apokalyptischen Zustand" der Angst, Wut und Ohnmacht, er lügt, stiehlt, schlägt und leidet. In seinem Buch schildert er mit Verwunderung und Dankbarkeit, mit welcher Güte und Strenge, Offenheit und Geduld ihm seine Hauseltern begegnen, und erzählt, wie er beim Theaterspielen, Trompetelernen und der Sorge um die Tiere in der anthroposophischen Einrichtung langsam zu einer nie gekannten Unbeschwertheit findet. "Aus Wunden werden Wunder", schreibt Heymkind. Auch an anderen Stellen scheut der praktizierende Buddhist, der in der Steuerberatung arbeitet, das Pathos nicht, bleibt dabei aber glaubwürdig und schont sich selbst nicht. Den Höhepunkt und Schluss des Buches bildet die Wiederbegegnung mit der Nonne, die ihn als Kind gequält hatte und die ihn jetzt als gebrochene Greisin um Verzeihung bittet. Und es könnte sein, dass der Autor seiner Lebensgeschichte bald ein weiteres Kapitel hinzufügen kann: Der Missbrauchsbeauftragte des Bistums Regensburg, in dessen Einzugsbereich das Kloster der Mallersdorfer Schwestern liegt, habe sich bei ihm gemeldet und ein Treffen mit Bischof Rudolf Voderholzer vorgeschlagen, berichtet Heymkind: "Es sieht ganz so aus, als ob seitens der katholischen Kirche etwas in Bewegung kommt." Das Geld, das er aus einem Entschädigungsfonds bekommen soll, stehe für ihn dabei nicht im Vordergrund. "Es geht mir um Liebe, Achtsamkeit und Vergebung – und um Aufklärung", sagt er. sir
Clemens Maria Heymkind: Schattenkind, vergiss mein nicht – Die Überwindung eines Traumas, Urachhaus, 301 Seiten, 22 Euro. Lesung: Freitag, 18. Mai, 20 Uhr, im Cafè Cello, Rieselfeldallee 33, Freiburg. Eintritt frei.

Info: http://www.heymkind.de