Mädchen im Wettbewerb

Elena Lautenschlager und Martha Schillmöller

Von Elena Lautenschlager & Martha Schillmöller

Sa, 24. Juni 2017

Freiburg

Junge Frauen stecken viel Geld und Zeit in die Suche nach dem ultimativen Kleid für den Abiball – keine weiß so recht, warum.

Die Prüfungen sind gelaufen, die Zeugnisse geschrieben. Jetzt wird es ernst: Der Abiball steht an. Wie jedes Jahr laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Es geht um Sponsorenakquise, Programmgestaltung, Speisekarte. Viele Abiturientinnen treibt die Frage aller Fragen um: Was anziehen? Seit einigen Jahren hat sich der altmodische Trend etabliert, sich richtig in Schale zu werfen. Die Suche nach der passenden Garderobe beschäftigt die jungen Frauen lange vor dem Event. Und beschert dem Einzelhandel hübsche Umsätze.

Früher war’s die Zeugnisübergabe, dann wurde daraus die Abschlussfeier. Heute spricht man von Abiball, der den Charakter eines Galaabends hat. "Bei diesem sehr besonderen Ereignis möchte jedes Mädchen das perfekte Kleid tragen." Die Französin Aline Ferrié kennt sich aus. Seit 20 Jahren führt sie die Freiburger Boutique "Paris Passion" an der Herrenstraße in der Nähe des Schwabentors.Täglich berät sie junge Kundinnen bei deren Suche. "Als ausgebildete Modestylistinnen haben wir einen geschulten Blick für verschiedene Figuren." Damit die Mädchen nicht enttäuscht sind, sucht ihnen Ferrié von vornherein ein passendes Kleid heraus.

Die 17-jährige Pia, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, hat dadurch ihr Traumkleid gefunden. Die Abiturientin vom Droste-Hülshoff-Gymnasium wird in einem dunkelblauen, langen Kleid zum Ball schweben. Dafür war sie bereit, recht tief in die Tasche zu greifen. Hingegen war Carolin Ludwig, 19, die ihr Abitur am Ursula-Gymnasium gemacht hat, die Beratung zu intensiv. Sie will lieber stöbern und selber ausprobieren. Sie wurde im Internet fündig. Auf dem Instagram-Account einer Modebloggerin.

Genau das gefällt Aline Ferrié nicht, die als Mittfünfzigerin noch modelt. "Es geht nicht, dass man hier hereinkommt und sich nach Lust und Laune durch die Kleider wühlt." Man teste im Restaurant ja auch nicht erst einmal alle Gerichte. Manchmal verweigert die Ladeninhaberin sogar die Anprobe, wenn sie sieht, dass sich die junge Kundschaft ein Kleid gar nicht leisten kann. Oder sie es billiger im Internet sucht.

Ein anderes Konzept verfolgt das Modehaus Kaiser an der Kaiser-Joseph-Straße. Alexandra Löffler, die seit drei Jahren als Abteilungsleiterin und Einkäuferin tätig ist, legt Wert darauf, dass jede Kundin von sich aus ein Kleid aussucht und anprobiert. "Wir sind da, um den Kunden Alternativen anzubieten, überlassen es aber ihnen, unsere Beratung in Anspruch zu nehmen." Sie könne verstehen, dass sich vor allem junge Mädchen in Ruhe umschauen möchten.

Hauptsache Tüll, Glitzer – und Einzigartigkeit. "Es gibt keine Grenzen", sagt Geraldine Geng, die Stylistin ist und bei Kaiser im Marketing arbeitet. Länger und pompöser müssten die Kleider sein. Nicht nur für die Absolventinnen hat der Abiball an Bedeutung gewonnen, auch Mütter legen Wert auf das Outfit ihrer Tochter und nicht zuletzt auch auf ihr eigenes. "Wir brauchen dieses Kleid. Koste es, was es wolle", bekommt Abteilungsleiterin Alexandra Löffler regelmäßig zu hören. "Vor einiger Zeit haben wir ein Kleid für einen Abiball verkauft, das aussah wie ein schwarzes Hochzeitskleid."

Um Enttäuschungen vorzubeugen, sollten die Beraterinnen ehrlich sein. Doch wie bringt man einer Kundin freundlich bei, dass ihr das Kleid nicht steht? Feingefühl müsse man zeigen und charmant sein, sagt Stylistin Geraldine Geng. Viele probierten zu große Kleider an, weil sie fürchten, sie könnten zu eng aussehen. "Gerade junge Mädchen, deren Körper sich noch in der Entwicklung befindet, reagieren häufig sehr sensibel." Auf jeden Fall, sagt Aline Ferrié von "Paris Passion", dürften die Mädchen nicht verkleidet wirken.

Damit es keine unliebsamen Überraschungen gibt, notieren in beiden Geschäften die Verkäuferinnen, wer welches Kleid für welchen Anlass gekauft hat. "Paris Passion" ordnet die Listen sogar nach Schulen.

"Der soziale Druck kann

auch zu falscher
Selbstwahrnehmung führen."

Stylistin Geraldine Geng
Bisweilen artet die Zeit bis zum Ball zu einer Art Wettstreit aus. Die 18-jährige Abiturientin Nadja Mocnik aus Müllheim berichtet von einer Gruppe im sozialen Netzwerk Facebook, in die viele Mädchen aus ihrer Jahrgangsstufe ein Foto von ihrem Abiballkleid stellen, um zu verhindern, dass andere das gleiche kaufen. Auch am Friedrich-Gymnasium gibt es eine solche Gruppe, erzählt Magdalena Hammen. Dieses Vergleichen wecke das Gefühl, ein noch extravaganteres Kleid finden zu müssen.

"Dieser soziale Druck kann auch zu falschen Selbstwahrnehmungen führen", betont Stylistin Geraldine Geng vom Modehaus Kaiser. Die sozialen Medien spielten dabei eine immer wichtigere Rolle. Die Mädchen verglichen sich zum Beispiel mit Mode-Ikonen auf Instagram, einem kostenlosen Online-Dienst zum Teilen von Fotos und Videos.

Sicherlich könnten Schulsozialarbeiterinnen dazu aus ihrer Erfahrung etwas berichten. Doch die Expertinnen an einem halben Dutzend Gymnasien wollten sich lieber nicht dazu äußern.

"Ich weiß selbst nicht genau, warum der Abend so wichtig ist", sagt die 19-jährige Carolin Ludwig. "Ich denke, dass es der Abschluss eines wichtigen Lebensabschnittes ist – klar möchte man da gut aussehen." Und die Jungs? "Tja, die kaufen ihren Anzug am Tag vorm Ball", weiß Magdalena Hammen vom Friedrich-Gymnasium. Die 17-jährige Abiturientin Elisa Letzer vom Ursula-Gymnasium gehört zu den wenigen, die’s locker sehen: Sie hat sich ums Outfit noch nicht gekümmert. Für sie ist das nicht so wichtig. "Ich werd’ schon noch was finden."