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13. März 2009
Abschied
Mathilde Roentgen verlässt die Pflasterstub'
Genau zehn Jahre lang hat die Sozialarbeiterin Mathilde Roentgen die Pflasterstub' geleitet. Jetzt nimmt sie Abschied - und nimmt einiges mit.
Bis heute weiß Mathilde Roentgen nicht, warum sie eigentlich nicht viel früher schon mit Menschen ohne Dach überm Kopf gearbeitet hat. Denn: "Von jeher habe ich eine große Leidenschaft für wohnungslose Menschen." Genau zehn Jahre lang kam diese Leidenschaft der Pflasterstub’ zugute, die die Sozialarbeiterin seit 1999 leitet. Jetzt, da sie mit dieser Arbeit aufhört, ist sie sich immerhin sicher: "Die Pflasterstub’ hat meinen Lebensstil total verändert."
Und sie verändert hat sie zusammen mit anderen auch diesen morgendlichen Treffpunkt des Stadtcaritasverbandes für Menschen, deren Leben auf der Straße meist nichts mit Lagerfeuerromantik gemein hat. Vor zehn Jahren kamen am Vormittag 40 bis 60 Gäste zum Frühstücken in den Kellerraum gegenüber der Synagoge. Heute sind es werktags zwischen 7 und 13 Uhr doppelt so viele – und mehr als damals Menschen, die suchtkrank und an der Seele erkrankt sind. Entsprechend hat sich auch die Pflasterstub’ während dieses Jahrzehnts verändert. Gab es anfangs nur einen Arzt und eine Krankenschwester, berät hier nun auch ein Zahnarzt, zwei Fachleute der Suchthilfe bieten ebenso Kontaktzeiten an wie ein Mitarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes und ein Arzt von der Psychiatrischen Institutsambulanz. Und nicht zuletzt bietet eine Fußpflegerin ehrenamtlich ihre Fertigkeiten an. "Ein Superservice für die Menschen, die praktisch Tag und Nacht in ihren Schuhen stecken", sagt Mathilde Roentgen.Werbung
Sie hält es nicht für selbstverständlich, aber für sehr erstaunlich, "dass die Bereitschaft, sich mit Geld, Sachspenden und Zeit zu engagieren, mitgewachsen ist". Das sei schon "eine bewegende Angelegenheit." Etwa dreißig Frauen und Männer arbeiten ehrenamtlich in der Pflasterstub’ mit. Und was deren Leiterin besonders freut: "Es gibt Gäste, die finden diese Einrichtung so gut, dass sie selbst mithelfen." Die 51-Jährige führt das auch auf einen Wandel in der Sozialarbeit zurück: weg vom Erziehen hin zum Respektieren – "es geht um Begegnung". Um Kontakt, aus dem Beziehung, aus der wiederum Vertrauen wachsen kann. Und es geht immer um eine Gratwanderung zwischen "einfach gut sein" und der Gefahr, andere von Hilfe abhängig zu machen. Das Studium jedenfalls, hat Mathilde Roentgen gemerkt, hilft da oft nicht weiter bei denen, die auf der Straße leben.
Wie es dazu kommt (und fast jeden treffen kann) erklärt sie so: Ein Mensch kommt in eine Krise (Scheidung, Arbeitslosigkeit, Tod von Kind, Großmutter) – und in dieser Krise kann es passieren, dass jemand in die Wohnungslosigkeit gerät; die sieht die Fachfrau zudem von gesellschaftlich-strukturellen Bedingungen mitverursacht – durch Arbeitslosigkeit zum Beispiel, durch einen Schulden machenden Umgang mit Geld oder dadurch, wie heute in Beziehungen gelebt wird, nämlich "ex und hopp". Als schmerzlich empfindet die Sozialarbeiterin auch diesen Widerspruch: Einerseits gehört die Stadt allen, andererseits dürfen sich wohnungslose Menschen nicht überall im öffentlichen Raum aufhalten.
Und wenn Mathilde Roentgen jetzt als Geschäftsführerin der Caritas-Konferenzen zum Diözesancaritasverband der Erzdiözese Freiburg wechselt, nimmt sie auf jeden Fall diese Erfahrung mit: "Die Seligpreisungen Jesu sind nicht nur gute Ideen – wenn sie gelebt werden, werden sie Menschen tatsächlich zum Heil." Natürlich sei die Arbeit in der Pfasterstub’ "nackt existenziell" und bedeute oft, mit am Kreuz zu bleiben, aber mit der Ahnung, dass es weitergeht. "Hier habe ich erfahren: Gott fügt, was sich kein menschliches Konzept ausdenken kann."
Autor: Gerhard M. Kirk
