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13. März 2009

"Mein Kind, du wirst dich verändern"

"Generation XY ... ungelöst": Am Theater Freiburg erforschen Jugendliche, was die Jugend von heute so auszeichnet.

Die Jugend von heute – wie sieht sie aus? Wer gehört dazu? Was unterscheidet sie von der Jugend von vor 10 oder 20 Jahren? Was zeichnet die Jugend von heute aus? Mode? Musik? Ein bestimmter Style? Ein bestimmtes Lebensgefühl? Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene, seien es nun Emos, Rapper, Raver, Yamakasis, Grunger, Punks, Hippies, LAN-Gamer oder Goths? Am Theater Freiburg gehen Regisseurin Ina Annett Keppel und Theaterpädagoge Michael Kaiser diesen Fragen gemeinsam mit 30 Schülerinnen, Schülern und Studierenden nach.

Die Idee des Projekts: 10- bis 13-Jährige blicken in die Zukunft, erzählen, was sie von ihrer nahenden Teenagerzeit erwarten und was sie befürchten. "Teilweise", sagt Michael Kaiser, "haben sie Angst davor, was mit ihnen passiert. Verändert sich ihr Charakter? Werden sie neue Freunde haben? Fangen sie an zu trinken und zu rauchen?" Im Gegensatz dazu blicken 20- bis 30-Jährige zurück auf ihre Jugend: auf Freundschaften, die sich in der Pubertät verändert haben, auf Auslandsaufenthalte, Tanzschulerlebnisse, Musik- und Modetrends. Das Ergebnis von "Generation XY ... ungelöst" ist erstmals am Samstag im Werkraum des Theaters zu sehen. Das Projekt ist mehr als ein Puzzle, sagt Kaiser. Drei der am Projekt beteiligten Twentysomethings, die Freiburger Studentinnen Eva Oberbusch und Marie Luise Büngeler und Spanisch-Doktorand Mario Willersinn erinnern sich.

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MARIO WILLERSINN

Wenn Mario Willersinn – 29 Jahre alt, Romanistik-Doktorand (Thema: "Das spanische Theater"), Thekenkraft und DJ im "Schlappen", Mitglied der Band "The Props" – an seine Jugend denkt, überkommt ihn zuerst eine tiefe Traurigkeit. Mario war 14, als sein acht Jahre älterer Bruder bei einem Unfall ums Leben kam – "das hat mich und natürlich auch meine Familie geprägt". Bald darauf, am 5. April 1994, starb Kurt Cobain, ein Beispiel der Selbstzerstörung par excellence. Spätestens von da an haben Tod, Melancholie und Tristesse Mario sehr beschäftigt. Er wurde Kurt-Cobain-Fan, verehrte den Hit "Smells like Teen Spirit" der Grungeband Nirvana und Songs von Pearl Jam: "Das waren wichtige Bands", erinnert er sich. "Einen Cobain hat die Generation von heute nicht." In der Musik von Tocotronic – "schlechter Punk mit verkannten Texten" – entdeckte er ein Lebensgefühl wieder: "Wir waren Grunger." Man trug Trainingsjacke und das Grunger-typische Holzfällerhemd und sparte ewig auf ein paar Adidas, erzählt Mario. "Die Idee ist gut, nur die Welt ist nicht bereit", lautete das Motto. Für Mario spielte das Dagegensein eine große Rolle.

Mario hat als Teenager aber nicht nur getrauert, sondern war auch ausgelassen und spaßig. Die Jugend, das waren für ihn auch MTV (damals noch frisch und hipp), komische Talkshows im Privatfernsehen und Filme wie "Singles, gemeinsam einsam". "Es wurde gefeiert. Ich hatte kein Geld, aber irre Freundschaften. Es war toll, wir haben uns selbst Gitarren gebaut." Die Zeit, als Mario in seinem Heimatort, dem pfälzischen Kurstädtchen Bad Bergzabern, seine Lieblingssongs mit dem Kassettenrekorder aus dem Radio aufnahm, sind natürlich längst vorbei. "Ich fühle mich noch jung, weil ich zum Teil heute noch Sachen mache, die ich damals gemacht habe", sagt Mario und schränkt dann ein: "Die Jugend ist schon toll. Das Üble ist, dass man nicht mehr Teil davon ist."
MARIE LUISE BÜNGELER

"Ja, eine gewisse Naivität behält man sich bei, auch wenn man älter wird", hat Marie Luise Büngeler, Jurastudentin im zweiten Semester, beobachtet. In manchen Dingen findet sie sich heute noch genauso wie in ihren Teenagerjahren – unvernünftig, verletzlich und empfänglich für Dramatisches. "Ich finde das toll. Ich will auch gar nicht so rational sein, auch nicht mit 20." Wenn Marie, aufgewachsen in Bonn, an ihre Jugend denkt, dann denkt sie an weite Klamotten ("ich war sehr retro") und ihre Zeit im Sportverein. "Ich bin sieben Tage die Woche gerudert – das war mein Leben." Was Marie mit ihrer Jugend verbindet? Zunächst das schreckliche Wort Pubertät – "das habe ich gehasst". Genauso wie den Satz der Mutter, die immer gesagt hat "Mein Kind, du wirst dich verändern." Marie verneinte vehement. Heute gibt sie zu: "Es ist genauso gekommen."

Und was bleibt von der Jugend in Erinnerung? "Meine Auslandserfahrung" – mit 16 ging Marie nach Adelaide in Australien, für ein Jahr. "Danach hatte ich eine andere Weltsicht."

EVA OBERBUSCH
"Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt – das", sagt Eva Oberbusch, 20 Jahre alt und aufgewachsen in Wiehl nahe Köln, "trifft das Lebensgefühl meiner Jugendjahre am besten." Tagebuch hat sie als Kind geschrieben, und sie tut es immer noch, von Hand. Zwölf Bände sind mittlerweile zusammengekommen. "Teilweise habe ich beim nochmaligen Lesen geheult und teilweise gelacht, da war alles dabei."An was denkt Eva, wenn sie in diesen Büchern blättert? An einen Jungen, in den sie so richtig verliebt war – nicht ein oder zwei Wochen oder ein paar Monate, sondern eine Ewigkeit, quasi die ganze Pubertät hindurch – zwischen ihrem 11. und 17. Lebensjahr. Erst viel später hat sie erfahren, dass es einmal einen Punkt gab, an dem der Angebetete auch in sie verliebt war. "Oh mein Gott", seufzt Eva, wenn sie daran denkt, und sofort wird einem klar: Da wurde nie etwas draus. Jugend – das ist für Eva nicht nur unerfüllte Liebe und Melancholie, sondern auch Santanas "Samba Pa Ti" und die Liebe zu Adidas-Turnschuhen in den verschiedensten Farbkombinationen.

Die Jugend von heute, stellen alle drei fest, lässt sich nicht genau definieren. "Und die großen Themen", glaubt Mario, "sind bei der Jugend von heute am Ende die gleichen wie bei uns damals."

"Generation XY ... ungelöst": Theater Freiburg, Werkraum, 14., 15., 20. und 22. März, jeweils 18 Uhr; Tickets kosten 7 Euro. Infos über Jugendkulturen auf http://www.jugendszenen.com Blog zum Theaterprojekt:

http://theaterlabor.wordpress.com

Autor: Frank Zimmermann