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12. März 2009

"Meine Ohren brausen"

Musikprojekt "Der Schrei": SWR-Sinfonie-Orchester probt erstmals mit allen 200 Jugendlichen.

FREIBURG/KREIS EMMENDINGEN. Das Musikprojekt "Der Schrei" des SWR-Sinfonieorchesters mit Jugendlichen aus ganz Baden nimmt weitere Konturen an. Start des Mammutwerks war im September. Nun probten die 200 Jugendlichen mehrere Tage lang mit den SWR-Orchestermusikern im Konzerthaus. Am Freitag spielten erstmals Profis und alle Nachwuchsmusiker gemeinsam. Fünf Aufführungen sind für Juni und Juli geplant.

Vollkommene Stille im Rolf-Böhme-Saal. Vorne sitzt das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden Freiburg, am Pult steht sein Chefdirigent Sylvain Cambreling, dahinter, etwas weiter unten, Werner Englert (Emmendingen), der Leiter des Jugendensembles. Die 200 Jugendliche haben sich rechts und links der Bühne platziert – mit Geigen, Flöten, Saxofonen, Keyboards, unterschiedlichen Percussioninstrumenten, Akkordeons, Mundharmonikas, Melodikas...

Die Stille hält an. Plötzlich ein Hüsteln, dann ein lautes Husten. Erste Pfiffe und "Anfangen"-Rufe. Es wird unruhiger und lauter unter den Jugendlichen. Alles nur Show. Die gespielte Unruhe ist Teil der Inszenierung. Dann endlich beginnt das SWR-Sinfonieorchester, den ersten Satz von Beethovens 5. Sinfonie zu spielen – fulminant, dramatisch, aufwühlend. Plötzlich bricht das Orchester ab. Beethoven hat Pause, die jungen Musiker sind an der Reihe – atonal, kraftvoll, wild, witzig. Dann ist wieder das Orchester dran. Das Wechselspiel geht weiter. Den Jugendlichen kommt dabei der Part zu, die Schicksalssinfonie zu unter- und aufzubrechen: Sie grooven, flüstern, rauschen, ploppen, säuseln, heulen, schreien, trommeln, klacken, klatschen, rasseln.

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Es gibt Gesangseinlagen, Rap, elektronische Sounds, Funk – Beethoven reloaded. Einmal tritt die 17-jährige Helen Reichardt ans Mikro und lässt den Komponisten sprechen: "Dein Beethoven lebt sehr unglücklich, wisse, dass mir der edelste Teil, mein Gehört, sehr abgenommen hat", rezitiert sie, "nun ist es immer ärger geworden, meine Ohren sausen und brausen Tag und Nacht fort, ich bin taub." Am Ende brechen alle, Dirigent, Orchester, und Jugendliche, in Lachen aus. Auch das ist Teil der Inszenierung.

Die Probentage im Konzerthaus bilden den Abschluss der zweiten von drei Arbeitsphasen des Musikprojekts. "In der zweiten Phase hat sich unendlich viel verändert", sagt Theaterregisseur Dieter E. Neuhaus (Emmendingen), neben Cambreling und Englert Mitglied des künstlerischen Leitungsteams. Ideen wurden verworfen, neue geboren. Wie gut der einzelne Jungmusiker spielt und singt, sei nicht entscheidend. "Wir finden für jeden eine angemessene Aufgabe." Als "Der Schrei" im vergangenen Sommer angekündigt wurde, rechneten die Initiatoren zunächst mit bis zu 1000 Jugendlichen, eine Zahl, die sich als zu hoch entpuppte. Zum Jahresende machten 260 Jugendliche mit, mittlerweile sind es 200, darunter auch 21 geistig Behinderte. Den Schrumpfungsprozess auf die jetzige Größe hält Regisseur Neuhaus für normal. "Dieses Projekt verlangt Beständigkeit und Einsatz", weiß er. Die Jugendlichen haben bislang in 18 Teams in Freiburg, Lörrach, Offenburg und Karlsruhe geprobt, zuletzt haben sie sich intensiv mit Beethovens 5. Sinfonie beschäftigt. Was daraus am Ende wird, ist noch offen.

Die 17 Jahre alte Anna Lena Möller vom St.-Ursula-Gymnasium und der 16-jährige Steffen Peters vom Deutsch-Französischen Gymnasium sind begeistert vom Projekt. "Das ist was ganz anderes als im Schulorchester", sagt Querflötistin Anna Lena. Bassist Steffen gefällt das Improvisieren: "Noten sind hier tabu", freut er sich. "Ab und zu wird es chaotisch. Dann zählt man halt noch mal an." Wie es ist, mit dem SWR-Sinfonieorchester zu spielen? "Da geht’s ab" lacht Steffen und eilt zur Probe.

Info: Die Freiburger Aufführung des "Schrei" findet am 20. Juni im Konzerthaus statt.

Autor: Frank Zimmermann