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15. November 2008

Mit den Widersprüchen leben gelernt

zu gast in freiburg: Friederike Weltzien lebte als Pfarrerin im Libanon und hat ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben

  1. Friederike Weltzien Foto: ingo schneider

Wer an Beirut denkt, hat Bomben und Hisbollah im Kopf. Aber Skifahren und ein Ferienhaus in den Bergen? Friederike Weltzien kennt alle Facetten. Vor allem: Beirut muss ein Jungbrunnen sein. So viel glatte Haut und so wenig graue Haare mit 51: "Das Klima scheint der Haut gut zu tun." Neun Jahre "Dauersauna" in einem geschundenen Land liegen hinter ihr. Erst im Sommer ist sie mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn Simeon nach Stuttgart zurückgekehrt, weil der Vertrag mit der Evangelischen Kirche Deutschlands ausgelaufen ist. Gemeinsam hatte das Pfarrerehepaar die deutsche evangelische Gemeinde in Beirut betreut.

"Ich war noch nie so lange an einem Ort", sagt sie. "Zum ersten Mal im Leben habe ich mich verwurzelt." Wobei der Samen schon in der Kindheit gelegt wurde: Zweimal drei Jahre hatte der Vater, der an der amerikanischen Universität lehrte, die Familie mitgenommen in die "Schweiz des Nahen Ostens". Friederike Weltzien hat erleben müssen, was der Bürgerkrieg daraus gemacht hat. Eine "Stehaufmännchen-Kultur" schreibt sie der Bevölkerung zu, die ihr unüberhörbar ans Herz gewachsen ist.

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Seit dem Krieg von 2006, als Israel den Libanon bombardierte, ist diese Kultur wieder einmal gefragt. Friederike Weltzien hatte sich und ihren Sohn in Sicherheit bringen müssen und flüchtete nach Wien zur ältesten Tochter, die heute 24 ist. Mit Israel tut sich die Pfarrerin schwer, obwohl sie sich Mühe gegeben hat. Mehrmals sei sie dort gewesen und jedes Mal krank geworden. "Ich bin zu Hause in der arabischen Welt. Israel ist kein Ort für mich. Das besteht als Tragik in mir." Sie weiß und hat es doch nicht akzeptieren wollen: "Dieser Krieg wird nie enden. Es gibt keine Lösung."

Mit ihrem Mann hat sie sich in Beirut Beruf und Haushalt geteilt: "Man kann viel auf die Beine stellen, wenn man es zusammen macht." Wer so denkt, hat das Talent, Netzwerke zu knüpfen. Das tat die Mutter von vier Kindern schon in Berlin beim Theologiestudium, wo sie nicht nur ihren Mann kennen lernte, sondern auch in die Frauenbewegung hineingewachsen ist. Nicht als kämpferische Feministin, sondern als eine, die selbstbewusst genug war, ihren eigenen Stil zu entwickeln. Zum Beispiel auf ihrer ersten Pfarrstelle in Künzelsau, die sie als erste Frau im Kirchenbezirk antrat. "Es gab keine Vorbilder. Ich musste nicht sein wie ein Mann." Nirgends freilich hat sie das Frausein schöner erlebt als im Libanon. "Die Frauen werden unglaublich in ihrem Frausein geachtet." Wie bitte? "Das kapiert keiner", weiß sie. Denn da gab es ja auch noch Fidaa, die sich eines Tages voller Panik in das deutsche Gemeindezentrum geflüchtet hatte. Drei Monate später waren sie und ihre Mutter tot, ermordet vom Vater, der damit die Familienehre zu retten meinte. Diese Erfahrung war für die Theologin und Tanztherapeutin der Auslöser, ein Netzwerk zu knüpfen, um Mädchen und Frauen in ähnlicher Not helfen zu können. Denn es kamen viele. Und "wir haben erstaunlich viel Einfluss nehmen können".

Friederike Weltzien kannte die andere Kultur gut genug, um sie von innen heraus zu verstehen. Folglich kam sie nicht mit westlicher Arroganz daher, sondern ging "den in dieser Gesellschaft üblichen Weg mit". Sie klemmte sich hinter die religiösen Oberhäupter der Gemeinschaften, die die üblichen Familiengerichte abhielten, bei denen sie vermittelnd dabei sein konnte.

Alle schlimmen Erfahrungen mit einem archaischen Moralkodex können sie nicht davon abhalten, vom "Reichtum" dieses Landes in Gestalt seiner Menschen zu schwärmen,  weshalb sie sogar ein Buch darüber geschrieben hat. Mit den Widersprüchen hat sie leben gelernt: "Wer in zwei Kulturen aufgewachsen ist, für den ist die Welt kein gesichertes Gebäude mehr."

Friederike Weltzien liest am Montag, 17. November, um 20 Uhr in der Katholischen Akademie aus ihrem Buch "Zwischen Gottesdienst und Ehrenmord. Mein Leben mit den Frauen von Beirut", Herder-Verlag 2008

Autor: Anita Rüffer