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25. Oktober 2010

Mit der Kamera gegen den Wahnsinn

LEUTE IN DER STADT: Valentin Thurn kämpft gegen die Verschwendung von Nahrungsmitteln.

  1. Valentin Thurn Foto: Rita Eggstein

Von unserem Wunsch nach immer-frischem Brot zur Hungerkrise in der Dritten Welt: Es sind keine schönen Bilder, in denen Valentin Thurn die Zusammenhänge der globalen Nahrungsmittelindustrie offenlegt, aber sie bleiben haften. Am Samstag zeigte der Filmemacher seine neueste Dokumentation "Frisch auf den Müll" auf der Messe "Grünes Geld" im Historischen Kaufhaus .

Das Thema Nahrungsmittelverschwendung scheint einen Nerv zu treffen. Unter dem Titel "Essen im Eimer" war der Film bereits am Mittwoch Abend in der ARD zu sehen, wegen der hohen Einschaltquote wurde er gestern Nachmittag wiederholt: "Das Interesse ist riesig, ich habe schon einen wahren Interview-Marathon hinter mir", erzählt der 1963 bei Stuttgart geborene Thurn. Auch in anderen europäischen Ländern ist der Film ein Erfolg, im kommenden Jahr erscheint er in erweiterter Fassung als Kinoversion und ein Buch ist ebenfalls in Planung.

Ruhig, aber mit missionarischem Anspruch trägt der gelernte Journalist seine Botschaften vor: "Mehr als 50 Prozent aller weltweit produzierten Lebensmittel landen im Müll, oft bevor sie die Verbraucher erreichen. Jedes in Europa weggeworfene Brot verschärft die Hungerkrise in den armen Ländern, weil wir unser Getreide heute auf demselben globalen Markt einkaufen. Ein Drittel aller Treibhausgase wird in der Landwirtschaft erzeugt, wenn man die Entwaldung für ihre Zwecke hinzurechnet."

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Aber Valentin Thurn bleibt nicht stehen beim Aufzeigen der Missstände: "Unser Film besteht zur Hälfte aus Lösungsvorschlägen, die technischen Möglichkeiten sind vorhanden und mit seiner Lebensweise kann jeder einzelne mithelfen, die Verschwendung abzustellen." Doch um den Wahnsinn der globalen Lebensmittelindustrie zu stoppen, braucht es mehr als den bewussten Konsumenten, ist Thurn überzeugt: "Wir versuchen jetzt mit verschiedenen Nichtregierungsorganisationen, Druck auf die Europäische Union auszuüben. Ohne Regularien für die großen Handelsunternehmen sind die Probleme nicht zu lösen." Die Forderung der Kampagne: 50 Prozent weniger Lebensmittelverschwendung in der EU bis zum Jahr 2025.

Ein halbes Jahr lang war Thurn mit seinem Team und seiner Kamera unterwegs. Er drehte unter anderem in europäischen Supermärkten und bei ökologisch ausgerichteten Landgemeinden in den USA, auf einer Bananenplantage in Kamerun und auf einem Großmarkt bei Paris. Sein Lebensthema, wie er sagt, entdeckte der 47-Jährige als Jugendlicher auf einer London-Reise: "Eine Woche vor Ende des Urlaubs ging uns das Geld aus, aber wir wollten noch nicht nach Hause. Dann haben wir eine Woche von dem gelebt, was auf einem Großmarkt abfiel. Es war zwar eine Obstdiät, aber es ging problemlos."

"Frisch auf den Müll" ist noch bis zum 27. Oktober in der ARD-Mediathek im Internet zu sehen.

Informationen zum Thema Lebensmittelverschwendung und Tipps für den Alltag unter http://www.tastethewaste.com

Autor: Martin Küper