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02. Oktober 2010
"Mit Vollkasko-Mentalität kommen wir nicht weit"
LEUTE IN DER STADT: Rupert Neudeck las aus seinem Buch.
Ruanda, Mauretanien, Afghanistan, Uganda, Palästina, Kongo: Allein dieses Jahr war Rupert Neudeck in Ländern unterwegs, in die viele Menschen wohl nicht so leicht einen Fuß setzen würden. Oder höchstens aus der sicheren Entfernung einer Busreise. Vollpension, all inclusive – das ist nicht Neudecks Art. Ende der 1970er Jahre machte der in Danzig geborene Journalist mit der Aktion "Cap Anamur" weltweit Schlagzeilen: Mehr als 10 000 vietnamesische Flüchtlinge, die in ihren maroden Booten auf dem Chinesischen Meer trieben, konnte er gemeinsam mit seinem Team vor dem Ertrinken und Verhungern retten.
Ob Schulen errichten oder zerstörte Dörfer wiederaufbauen: Heute ist das immer noch Rupert Neudecks Aufgabe. Bei seinem Besuch in Freiburg, einer Lesung aus seinem Buch "Die Kraft Afrikas" in der Max-Weber-Schule, erzählt er von der korrupten Regierung Kenias mit ihren 94 Ministern, den Kindersoldaten aus dem Kongo, die kaum Perspektiven haben, den mehr als 300 Millionen Afrikanern, die sich zwar ein Handy leisten, es aber in den ländlichen Gegenden fast nirgendwo aufladen können – und von der sinnlosen Entwicklungspolitik made in Europe: "Wir müssen endlich mit diesem Gießkannen-Prinzip aufhören", sagt der 71-Jährige.
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"Wenn wir die Länder jedes Mal belohnen oder bestrafen, wenn sie etwas aus unserer Sicht richtig oder falsch machen, bleiben die kolonialen Muster weiter bestehen." Stattdessen würde es ausreichen, wenn sich zum Beispiel Deutschland um zwei oder drei Länder kümmern würde – dafür aber gezielt und intensiv. Und die Devise lautet: helfen, wo es geht. Schnell und unbürokratisch. "Mit der typisch deutschen Vollkasko-Mentalität kommen wir in Afrika nicht weit. Diese Arbeit bedeutet, dass man sich nicht immer absichern kann. Aber wenn man den Menschen helfen will, muss man auch etwas riskieren."
Gerne erzählt Neudeck von Projekten, die er mit den "Grünhelmen", dem von ihm 2003 mitbegründeten Friedenscorps, auf der ganzen Welt durchführt. Wie in Pakistan zum Beispiel, wo er vor ein paar Tagen unterwegs war. Ein Lehrer, Bücher, Hefte, Bleistifte und zwei fünf mal fünf Meter große Zelte: In einem Notlager in Hyderabad, in dem Hunderte Menschen nach der Überschwemmung untergebracht sind, haben die Grünhelme eine provisorische Schule für 50 Kinder organisiert. 370 Euro kostet es, dieses Projekt für die nächsten drei Monate zu finanzieren. Dann werden die meisten wohl wieder in ihre Dörfer zurück können. Die Grünhelme sind schon in Bewegung: Für zwanzig Familien bauen sie gerade Häuser: richtig solide, mit Fundament und Ringanker. "Je früher die Menschen aus dem Lager heraus können, desto besser", sagt Neudeck "Man darf ihnen nicht die Fähigkeit nehmen, für sich selbst sorgen zu können."
Autor: Rimma Gerenstein
