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14. November 2017 07:00 Uhr

Zwölfter Prozesstag

Mordprozess Maria L.: Hussein K. hat erneut einen Suizidversuch unternommen

Am zwölften Prozesstag gegen Hussein K. ist zunächst dessen Verhandlungsfähigkeit erörtert worden. Hintergrund: Der Angeklagte hat in der U-Haft einen weiteren Suizidversuch unternommen.

  1. Am Dienstag wird der Prozess gegen Hussein K. vor dem Landgericht Freiburg fortgesetzt. Foto: dpa

Für den heutigen Dienstag ist der Prozess beendet. Er wird am Donnerstag fortgesetzt.

Fazit

Die Aussage von Biologin Doser zur molekulargenetischen Untersuchung der Spuren am Opfer Maria L. und an Gegenständen vom Tatort dominierten diesen kurzen Verhandlungstag. An vielen Beweisstücken wurde genetisches Material des Angeklagten nachgewiesen. Das gefärbte Haar mit der Asservatennummer 167.001, das im Dornengebüsch am Tatort gefunden wurde, hat Zeugin Doser genetisch eindeutig dem Angeklagten zugeordnet.

Das Wasser hat offensichtlich Spuren abgewaschen

12.15 Uhr: Biologin Doser sagt weiter zur biostatistischen Wahrscheinlichkeit der DNA-Spuren aus. Sie erklärt komplexe Sachverhalte zu Populationsdatenbanken mit deren Hilfe man diese berechnen würde. Setze man in Bezug zur Haarspur 167.001, also dem gefärbten Haar aus dem Dornenbusch, eine Populationsdatenbank schwedischer Forscher mit Menschen aus Afghanistan ein, entstünde eine Wahrscheinlichkeit, dass das Haar zu jemand anderem als Hussein K. gehöre von 1 zu 758 Billiarden.

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Nächstes Thema in Dosers Aussage sind Spuren aus K.s Zimmer, wo eine Vielzahl von Asservaten gesichert wurden. Untersucht wurden dabei vor allem Kleidungsstücke, die K. möglicherweise zur Tatzeit getragen hatte. "Wir haben uns die Videoaufnahmen angeguckt", sagt Doser, "und relevante Kleidung gesucht." Sie hätten unter anderem mehrere Jogginghosen und Jacken des Angeklagten untersucht. Blut sei nicht gefunden worden, auf eine weitere DNA-Untersuchungen sei daher verzichtet worden.

Auch Richterin Schenk hat noch eine Frage zu den Fingernagelabrieben von Maria L., an denen keine DNA von Hussein K. gefunden wurde. "Haben sie eine Erklärung, woran das lag? Lag das am Wasser?" "Ja," sagt Doser. "Die Leiche lag auf der linken Seite im Wasser. Deswegen waren an der rechten Seite die Spuren besser auswertbar. Die Hände waren beide unter Wasser." "Also kam es möglicherweise zu einer Art Abwaschen?", fragt Schenk. Doser bestätigt das. Staatsanwalt Berger will wissen, warum es dann Hautabriebe mit Teilbefunden von Hussein K.s DNA gab. "Die waren über Wasser", so die Sachverständige.

Nebenklagevertreter Bernhard Kramer hat eine Nachfrage zum Rad der Marke Schaub: Wo genau wurde die DNA von K. gefunden? An beiden Seiten des Lenkers, sagt Doser. "Beide Spuren waren Mischbefunde, an beiden konnte ich den Tatverdächtigen nachweisen."

Dann schauen die Verfahrensbeteiligten am Richtertisch noch einige Fotos an, die Doser angefertigt hat. Auf ihnen wurde dokumentiert, wo welche Spuren genommen wurden: am Schal, am Rad, an der Tasche von Maria L. Damit ist Dosers Aussage beendet.

Was verraten die DNA-Spuren vom Tatort?

11.45 Uhr: Die nächste Zeugin ist Dr. Christine Doser. Die 61 Jahre alte Biologin arbeitet als molekulargenetische Sachverständige am Kriminaltechnischen Institut des LKA Baden-Württemberg in Stuttgart. Doser zufolge hat die Polizei Freiburg rund 1000 Asservate in dem Fall eingesendet, mehr als 500 Vergleiche wurden durchgeführt. Darunter sei auch die Kleidung von Maria L. und ihre Tasche gewesen. Diese seien nass gewesen und hätten vor der Untersuchung getrocknet werden müssen.

Die Gutachterin erklärt in ihrer hochkomplexen Aussage zunächst die Methodik. Sie habe nicht nur die autosomale DNA-Methode verwendet, sondern gezielt Merkmale gesucht, die nur auf dem Y-Chromosom lägen, um die DNA des Opfers und die des mutmaßlichen Täters besser unterscheiden zu können. Doser geht anhand ihres Gutachtens eine Vielzahl von Spuren durch – darunter Blutspuren an Maria L.s Körper, Wattestäbchenabstriche von ihrem Oberkörper, aus ihrem Genitalbereich und einem Thermometer, mit dem die Temperatur der Leiche bestimmt worden war. An einer Vielzahl dieser Spuren von Marias Leiche habe sie Mischspuren festgestellt – also DNA-Material des Opfers vermischt mit dem genetischen Material des tatverdächtigen Hussein K.

Auch Gegenstände des Opfers seien untersucht worden. Doser zufolge wurde DNA von K. beziehungsweise Teile davon an Maria L.s Unterwäsche und Jeans gefunden sowie an einem braunen Schal des Opfers, an dem zudem drei Brandlöcher entdeckt wurden.

Keine DNA-Spuren von Hussein K. unter Marias Fingernägeln

Staatsanwalt Eckart Berger hakt nach: Wurde an Maria K.s Fingern und Fingernägeln DNA des Angeklagten gefunden? "Nein", sagt Doser. "Auch Sperma wurde nicht gefunden?", fragt Berger. "Nein."

Die Sachverständige hat zudem diverse Spuren vom Rad, das der Angeklagte vor und nach der Tat benutzt haben und dann stehen gelassen haben soll, untersucht. An dem auffälligen Rad der Marke Schauff hat Zeugin Doser an mehreren Stellen am Lenker, unter anderem an der Gangschaltung, sowohl die DNA von Täter und Opfer gefunden.

Unter der Leiche habe ein schwarzer Schal im Wasser gelegen. An dem stellte die Gutachterin an mehreren Stellen mögliche DNA-Treffer mit Hussein K. fest; diese seien jedoch an der Nachweisgrenze gewesen.

Haar aus dem Dornengebüsch kann eindeutig Hussein k. zugeordnet werden

Die Zeugin sagt auch zu den Dornzweigen aus dem Brombeergestrüpp aus, die die Polizei an der Dreisam entfernt hatte. Diese wurden zunächst auf Fasern und "Antragungen" untersucht, also etwa auf Blut. Aus den Abschnitten direkt oberhalb des Leichenfundorts wurden schwache Spuren gefunden, die zum Teil Maria L. nachgewiesen werden konnten.

In dem Dorngestrüpp wurden auch zwei Haare gefunden. Eine Spezialgruppe am Institut habe diese untersucht. Das Asservat mit der Nummer 166.001, 18,5 Zentimeter lang, an der Basis dunkelbraun, oben blond gefärbt "konnte Hussein K. vollständig zugeordnet werden". Das Haar mit der Nummer 167.001 konnte zum Teil Maria L. zugeordnet werden.

Doser sagt auch zur biostatistischen Wahrscheinlichkeit aus, dass die Spuren von Hussein K. stammen. Sie stellt dabei bezüglich einer einzelnen Spur zwei Hypothesen gegenüber: Stammen die Mischspuren von Maria L. und K. oder von L. und einem anderen Täter?

Doser stellt klar: Es sei 246 Billiarden wahrscheinlicher, dass die Spuren von Maria L. und Hussein K. stammen, als dass sie von Maria L. und einem anderen Menschen stammen würden. Bei einer Spur an einer Socke von L. läge die Wahrscheinlichkeit bei 1 zu 218,1 Milliarden. Die Wahrscheinlichkeit beim im Dornenmaterial gefundenen Haar von K. beträgt laut Doser 1 zu 2,4 Trillionen.

Ist doch Kontakt zu K.s Familie möglich?

10.30 Uhr: Als nächstes will Richterin Kathrin Schenk einen Sachverhalt klären, der sich nach dem letzten Verhandlungstag ergeben hatte. K. habe ihr durch seinen Verteidiger einen Zettel mit einer Adresse zukommen lassen. "Von wem ist die Adresse?", fragt Richterin Schenk. Das Format sei ihr nicht offensichtlich, auch eine Google-Recherche habe ihr nicht geholfen. "Wer wohnt da, ihre Mutter?" K. sagt mit Hilfe seines Übersetzers aus, dass seine Mutter dort gewohnt habe, es handele sich um die Adresse des Bruders, der mittlerweile jedoch auch verzogen sei. Die Adresse befinde sich im Großraum Teheran im Iran.

Auf die Frage, warum er diesen Zettel übergeben habe, antwortet K.: "Mein Anwalt wollte das." Verteidiger Sebastian Glathe erläutert diese Aussage. Er habe seinen Mandanten nach den Aussagen zu den Altersgutachten gefragt, ob es noch weitere Erkenntnisquellen gäbe. Da habe sich K. an die Adresse seines Bruders erinnert. Richterin Schenk fragt nach weiteren Kontaktmöglichkeiten: "Können Sie über die sozialen Medien Kontakt aufnehmen? WhatsApp? Facebook?" K. gibt an, eine Telefonnummer seiner kleinen Schwester sei in seinem Handy gespeichert. Über diese Nummer soll er noch rund eine Woche vor der Festnahme mit der Familie Kontakt gehabt haben. Seine Mutter habe kein eigenes Telefon und sei Analphabetin.

Polizist beschreibt Hussein K. als gelassen bei der Festnahme

9.40 Uhr: Als erster Zeuge des Tages sagt ein Polizist des Revier Freiburg-Süd aus, der Hussein K. festgenommen hat. Bei einem Routineeinsatz in der Hammerschmidstraße bemerkte er K. am Straßenrand. Als er ihn angesprochen habe, sei er angespannt gewesen, so der Polizist. "Mir war klar, dass ich jemandem entgegentrete, der eine schwere Straftat begangen hat. Doch K. reagierte gelassen. Er hat freundlich geschaut und fast gelächelt."

Dann beschreibt der Beamte den Ablauf im Polizeiposten in Littenweiler. K. sei weiterhin gelassen gewesen und erkennungsdienstlich behandelt worden. Erst bei der ersten Konfrontation mit dem Festnahmegrund habe K. gesagt: "Das müsst ihr mir beweisen." Den Tatvorwurf habe ihm die Kriminalpolizei dann beschrieben. Nebenklagevertreter Bernhard Kramer fragt, ob K. nach den Auswirkungen auf das Asylverfahren gefragt habe. "Zu keiner Zeit", sagt der Beamte.

Hussein K. hat einen Suizidversuch unternommen haben

9.15 Uhr: Der Prozess beginnt mit Verzögerung. Hussein K. hat am vergangenen Sonntag einen Suizidversuch unternommen, deshalb hört das Gericht zunächst einen Gutachter zu Hussein K.s Verhandlungsfähigkeit. (Anm. d. Red.: Bereits an Weihnachten vergangenen Jahres soll Hussein K. versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Ein Justizbeamter habe das bemerkt und ihn davon abgehalten, berichtete Bild.de Anfang März. Der Angeklagte wurde daraufhin nach Hohenasperg verlegt. Dort soll es einen weiteren Suizidversuch gegeben haben. Damit würde es sich jetzt um den dritten handeln.)

Die Aussage erfolgt durch Dr. Hartmut Pleines, der Hussein K. am Dienstag auf seine Verhandlungsfähigkeit untersucht hat. Drei Bereiche müssen dabei laut dem Sachverständigen geprüft werden: die körperliche Fähigkeit, den Prozess durchzustehenm, die geistige Leistungsfähigkeit, dem Prozess zu folgen und seine eigenen Interessen vernünftig wahrzunehmen, sich also dem Prozess entgegen zu stellen. Auch die affektive Seite, eine stabile Stimmung, um widerstandsfähig zu sein, sei wichtig.

Pleines hat K. am Morgen begutachtet. Körperlich sei er nicht beeinträchtigt, sagt der Sachverständige. Eine Wundnaht an der linken Hand sei versorgt. K. habe im Gespräch Beschwerden geschildert, die durchaus einer depressiven Beeinträchtigung entsprechen würden. "Hier ist ein Maß an subjektiver Bedrängnis, leidvoller Wahrnehmung gegeben", sagt Pleines.

Bei ihm lägen aber keine psychopathologischen Erkrankungen vor, die seine Verhandlungsfähigkeit beeinträchtigen könnten. Sein Zustand sei dem eines Angeklagten in einem Mordprozess entsprechend und er dementsprechend verhandlungsfähig. Fragen zur Aussage des Sachverständigen gab es nicht.

Rückblick

In der vergangenen Woche war es im Verfahren um Altersgutachten und den Ablauf des Angriffs auf Maria L. gegangen. Hussein K. wird vorgeworfen, im Oktober 2016 die 19-jährige Maria L. vergewaltigt und ermordet zu haben. K. hat die Tat bereits zu Prozessbeginn gestanden.

Autor: Carolin Buchheim