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20. Februar 2016 15:57 Uhr

Auszeichnung

Stadt Freiburg ehrt mutige Menschen für ihre Zivilcourage

Per Herzmassage ein Leben gerettet, oder einen Taschendieb festgehalten: Der Verein Sicheres Freiburg und die Stadt haben 19 mutige Menschen mit Zivilcourage geehrt. Die Geschichten der Helden.

  1. Freiburgs Bürgermeister für Kultur, Jugend und Soziales und Integration, Ulrich von Kirchbach, Zweiter von rechts, nahm im Historischen Ratsaal die Ehrung vor. Foto: Rita Eggstein

Alle paar Jahre zeichnet der Verein "Sicheres Freiburg" Menschen aus, die Zivilcourage bewiesen haben. Dadurch, dass sie anderen Menschen geholfen und sogar deren Leben gerettet haben. Dadurch, dass sie Straftaten verhindert oder maßgeblich zu dessen Aufklärung beigetragen haben.

Wo andere Passanten lediglich gedacht haben: "Man sollte doch...", "Man müsste doch...". Da sind sie aktiv geworden. Am Freitagabend wurden 19 dieser "Helden des Alltags", wie sie Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach in einer Feierstunde im Historischen Ratssaal nannte, geehrt.

Ihr Handeln trage viel zum allgemeinen Sicherheitsempfinden bei. "Ich hoffe auf einen Nachahmeeffekt", sagte von Kirchbach – und erinnerte daran, dass man bei aller Zivilcourage dennoch immer zuerst an sich selbst denken solle. Die meisten seien so bescheiden, dass sie, angesprochen auf ihr beherztes Eingreifen, sagten: "Das war doch nichts Besonderes."

Polizei: Zusammenarbeit mit Bevölkerung wichtig

Die Geehrten bekamen eine Urkunde, Blumen, Bildbände und Gutscheine fürs Kino und einen Selbstverteidigungskurs überreicht. Der stellvertretende Polizeipräsident Alfred Oschwald hob in seiner Laudatio die Bedeutung der mutigen Bürgerinnen und Bürger hervor: "Ein ganz wichtiger Erfolgsfaktor für die Polizei ist die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung. Es ist à la bonheur, dass Sie das getan haben."

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"Ich hoffe auf einen Nachahmeeffekt." Ulrich von Kirchbach

Schnelle Verfolger

Es ist der 21. Januar 2014, als sich Matthias Hummel, Bülent Özbalikci und die Arbeitskollegen Ivo Heisler und André Mergener alle zufällig in ihrer Mittagpause am Holzmarkt aufhalten. "Ich habe einen Schrei gehört und jemanden flitzen sehen", erinnert sich der damalige Medizinstudent und heutige Arzt Hummel. Automatisch nimmt er die Verfolgung auf, denn "wenn einer flitzt, hat er Unrecht".

Alle vier Männer verfolgen den Flüchtenden in die Rempartstraße in Richtung Mensa. Kurz davor, in der provisorischen Universitätsbibliothek (UB) links neben der Mensa, verschwindet der Flüchtende erst im Innenhof und dann im UB-Gebäude. Das Verfolgerquartett geht in den Eingangsbereich, einer sichert die Tür, zwei suchen die Räume im Erdgeschoss nach dem Mann ab, der am Holzmarkt – das erfuhren sie erst später – einen anderen Mann mit einem Messer am Oberschenkel verletzt hat. Just in dem Moment, als die herbeigerufene Polizei eintrifft, kommt der Täter im Innern die Treppe herunter – und läuft der Polizei quasi direkt in die Arme.

Die Lebensretter

Am 1. April 2015 steht Inga Tröller vor dem Cinemaxx-Kino, um dort mit Ehemann und Tochter einen schönen Abend zu verbringen. Sie raucht vor der Vorstellung noch eine Zigarette, als sie in der Bertoldstraße einen älteren Mann am Boden liegen sieht. Neben ihm kniet eine Frau, die bereits den Notruf gewählt hat. Plötzlich läuft der zirka 60 Jahre alte Mann blau an. Ein Mitarbeiter der Rettungsleitstelle fragt per Telefon, ob jemand weiß, wie eine Herzmassage geht. Inga Tröller nimmt kurzerhand allen ihren Mut zusammen. "Ich wusste, wo ich ansetzen muss." Und das, obwohl es mehr als 30 Jahre her ist, dass sie einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hat.

Massieren, massieren, massieren, selbst wenn eine Rippe dabei bricht – an diese Worte ihres einstigen Rettungskursleiters erinnert sich Inga Tröller in diesem Moment. Dann kommt Jan Böhm hinzu. Er verleiht Inga Tröller Sicherheit. Der junge Mann hat eine Beatmungsfolie dabei, mit der er den Bewusstlosen beatmet. "Seitdem habe ich auch so eine Folie dabei", sagt Inga Tröller und zieht ein Exemplar aus ihrer Handtasche. Einer der Rettungsärzte hat Inga Tröller später bescheinigt: "Der Mann wäre ohne Ihre Reanimation verstorben."

Angriff in der Stadtbahn

Tamrat Gebreyesus aus Äthiopien lebt seit fünf Jahren in Freiburg. Der 29-Jährige ist am 27. Mai 2015 in der Stadtbahnlinie drei Richtung Vauban unterwegs, als am Holzmarkt ein Fahrkartenkontrolleur in der Bahn von einem Mann angegriffen wird. Der Kontrolleur wird ins Gesicht geschlagen und mit dem Messer am Bein verletzt, Stiche in Richtung Bauch und Hals verfehlen nur knapp das Ziel. Der Krankenpfleger Tamrat Gebreyesus hält die Hand fest, in der der Angreifer das Messer hat – so lange, bis die Polizei eintrifft. Auch Fahrgast Nils Poenicke verhindert Schlimmeres, indem er einen anderen Fahrgast daran hindert, im Affekt auch noch ins Geschehen einzugreifen.

Taschendieb gestellt

Eveline Maria Huber beobachtet am 20. Mai 2015, wie in der Straßenbahn Richtung Littenweiler ein älterer Mann einer Frau den Geldbeutel stiehlt. Geistesgegenwärtig gibt sie nicht nur der Bestohlenen Bescheid, sondern entreißt dem Täter auch noch die Beute. Da schreitet auch Fahrgast Akim Saoudi ein. An der Haltestelle Oberlinden drückt er den Dieb draußen an eine Hauswand. Der will wieder einsteigen. Doch der 37 Jahre alte Akim Saoudi, der den Bahnfahrer gebeten hat, die Polizei zu rufen, hindert den Täter daran, sich aus dem Staub zu machen – bis die Polizei kommt. Sie findet bei dem Festgenommenen ein Dutzend weiterer gestohlener Geldbörsen.

Weitere mutige Menschen

Friseur Wolfgang Frerich aus Herdern wollte am 6. Februar 2015 einer verängstigte Frau, die sexuell belästigt worden war, von seinem Salon nach Hause begeleiten, als er von einem Mann so sehr auf den Kopf geschlagen bekommt, dass er noch heute an den Folgen der Tat leidet (die BZ berichtete).
Günther Erhart
und Michael Frohnwieser verfolgten am 18. September 2014 in der Innenstadt drei Männer, die ein Juweliergeschäft ausgeraubt hatten, und verständigten die Polizei. Das Trio wurde gefasst.

Theresia Ziegler sah am 20. Oktober 2014 auf der Stadtbahnbrücke, wie jemand einen am Boden liegenden älteren Mann überfiel. Sie schrie so laut um Hilfe, dass ein Passant aufmerksam wurde und hinzukam, so dass der Angreifer die Flucht ergriff.
Uli Sebastian Nädelin
hielt am 17. November 2014 zusammen mit einem weiteren Passanten an der Stadtbahnhaltestelle Lindenwäldle einen Messerstecher, der seine ehemalige Freundin lebensgefährlich verletzt hatte, solange fest, bis die Polizei eintraf. Der 32-jährige Täter wurde im Juli 2015 zu einer siebenjährigen Gefängnisstrafe verurteilt und in der Psychiatrie untergebracht (die BZ berichtete).

Maria und Christine Hauber
retteten am 30. November 2014 einem Obdachlosen das Leben: Mit ihrem Anruf beim Rettungsdienst verhinderten sie, dass der völlig unterkühlte Mann nachts erfror.

Umberto Salvino
schlug am 12. Februar 2015 bei seinem Nachbarn die Tür von dessen brennender Wohnung ein und rettete ihn. Später erlag der gerettete 80-Jährige allerdings seinen Verletzungen.

Joachim Kolodzej
hielt am 9. März 2013 einen Fahrraddieb fest, bis die Polizei kam.

Autor: Frank Zimmermann