Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

19. Juni 2009

Nachhilfe: Wenn es in der Schule klemmt

Nachhilfeschulen machen in Freiburg den Angeboten von Studenten Konkurrenz / Verbraucherschützer skeptisch

  1. Mathematik ist das gefragteste Nachhilfefach. Foto: Ingo Schneider

  2. Studienkreis-Nachhilfelehrer Mario Schommer (rechts) erklärt Miriam Behrndt und Johannes Riesterer Matheaufgaben. Foto: ingo schneider

Wenige Wochen bevor es Zeugnisse gibt, wächst der Leistungsdruck an den Schulen. Diese Zeit ist Hochsaison für Nachhilfeinstitute, die in Freiburg schwer im Kommen sind. Angesichts dieser Konkurrenz haben es Studenten, die Nachhilfe erteilen, schwer. Verbraucherschützer sehen diese Entwicklung skeptisch. Sie empfehlen, sich an die Schulen zu wenden, die auch in Freiburg Nachhilfelehrer vermitteln.

In Freiburg bieten rund zehn Nachhilfeinstitute ihre Dienste an. Die Nachfrage ist groß: Das Berliner Institut für Bildung und Sozialökonomie (Fibs) schätzt, dass derzeit bundesweit etwa jeder achte bis zehnte Schüler Nachhilfe bekommt. Etwa jeder Dritte hat irgendwann einmal während seiner Schulzeit Nachhilfestunden erhalten. Institute, in Freiburg beispielsweise die Marktführer ZGS Schülerhilfe GmbH und Studienkreis GmbH, aber auch Kumon, Zebra, Lernstudio Bruhns, Fair-Lernzirkel, sind die wohl einfachste Möglichkeit, sich Nachhilfe zu organisieren. Angeboten werden Einzel- und Gruppenunterricht sowie Vorbereitungskurse auf spezielle Prüfungen.

Der Zusatzunterricht ist nicht billig: 30 Euro verlangt etwa der Studienkreis in Freiburg für eine Einzelstunde. Das Institut an der Kaiser-Joseph-Straße besuchen laut Geschäftsführerin Edda Rössel bis zu 200 Schüler. Betreut werden sie von rund 15 Lehrern, darunter ausgebildete Pädagogen, überwiegend jedoch von Lehramtsstudenten. Abgeschafft hat der Studienkreis Verträge mit langer Laufzeit, "bei uns ist jeder Vertrag monatlich kündbar", betont Rössel.

Werbung


Knebelverträge mit langen Laufzeiten sind ein Grund, weshalb Verbraucherschützer vielen Nachhilfeinstituten skeptisch gegenüberstehen: "Die versuchen ihre Kunden meist mit langfristigen Verträgen zu binden", sagt Werner Kinzinger vom Stuttgarter Verein Bildungsinformation. Er rät Eltern, verschiedene Verträge zu vergleichen. "Besonders auf Laufzeiten und Kündigungsfristen ist zu achten", so Kinzinger. Auch sollten sich Eltern die Räume der Institute ansehen und dort mit Lehrern und Kindern sprechen, "sich einfach ein Bauchgefühl verschaffen".

Als Orientierungshilfe bei den Preisen hält Kinzinger bei Einzelstunden bis zu 20 Euro pro Stunde für angemessen, wobei beachtet werden sollte, wie lange eine Unterrichtsstunde dauert. Deutlich billiger sollte die Einzelnachhilfe sein, wenn ganze Pakete (etwa ein 100-Stunden-Block) abgenommen werden müssen. Bei Gruppennachhilfe sollte der Gesamtpreis unter Berücksichtigung der angegebenen Schülerzahl auf eine Stunde umgerechnet werden. "Mehr als 50 Euro pro Stunde für das Institut sind bei Gruppenunterricht unangemessen", sagt Kinzinger.

Günstiger und ohne Vertragsbindung bieten in Freiburg Studenten oder ältere Schüler Nachhilfe an, oft schon ab 10 Euro die Stunde. Zeitungsannoncen und Aushänge in den Schulen sind eine Möglichkeit, Kontakte herzustellen. Aber auch das Internet hilft weiter: Auf Seiten wie nachhilfenet.de, tutoria.de, betreut.de oder nachhilfe.org finden sich für Freiburg viele Treffer. Genutzt wird diese Möglichkeit aber offenbar wenig: "Es ist schwierig, auf diesem Weg Schüler zu finden", sagt Benjamin Doth aus Freiburg. Der 23-jährige Theologie- und Geschichtsstudent bietet schon seit Jahren im Internet Nachhilfe in Spanisch, Englisch und Deutsch an. "Das Studium finanzieren kann man meiner Meinung nach mit Nachhilfe nicht, wenn man nicht bei einem der großen Anbieter als Nachhilfelehrer arbeitet", sagt er. Gerade hat einer seiner Schüler, den er drei Jahre lang betreut hat, das Abitur abgelegt. Jetzt sucht Doth neue Schüler, weshalb er vor zwei Monaten neue Onlineannoncen geschaltet hat – aber Antworten hat er noch keine, obwohl 60 Minuten bei ihm nur 10 Euro kosten. Ursache der mangelnden Nachfrage könnte sein, dass Doth nur Sprachen anbietet: Das Zentrum für empirische pädagogische Forschung der Uni Koblenz-Landau hat herausgefunden, dass 80 Prozent aller Nachhilfe im Fach Mathematik erteilt wird.

Neuerdings gibt es sogar die Möglichkeit, die Nachhilfe online zu beziehen. Davon hält Verbraucherschützer Kinzinger aber nichts: "Ich bin ein Anhänger der direkten Pädagogik", sagt der Lehrer, fragende Blicke wären über eine Internetkamera nur schwer zu interpretieren. Außerdem lauerten auch hierbei allerlei Fallstricke bei den Verträgen.

In Schulen lernen jüngere Schüler von älteren
"Ich rate immer, zunächst in der Schule nachzufragen", sagt Kinzinger. Lehrer könnten Empfehlungen geben und viele Schulen würden auch eine Vermittlung anbieten. So läuft das auch in Freiburg. Am Friedrich-Gymnasium in Herdern gibt es etwa die Aktion "Schüler ohne Sorgen", bei der sich Schüler gegenseitig Nachhilfe erteilen. "Am Berthold-Gymnasium fahren wir drei Schienen", berichtet der stellvertretende Schulleiter Alf Schwörer: Es gibt Aushänge mit Nachhilfeangeboten, eine Mappe mit Kontaktdaten von Nachhilfelehrern im Lehrerzimmer und die schulinterne Aktion "Schüler helfen Schüler", ein internes Nachhilfenetzwerk für die Oberstufe. Die Stunde kostet hier oft weniger als 10 Euro. Auch am Kepler gibt es eine interne Vermittlung. Dennoch steht Schulleiter Rolf Behrens diesen Angeboten skeptisch gegenüber: "Wenn die Schüler das Angebot der Schule richtig nutzen, ist Nachhilfe meist nicht notwendig."

Autor: Stefan Merkle