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18. Juni 2010
Niemand ist gegen Ethik
Fachgespräch der Grünen zum Thema Ethikunterricht findet einen kleinsten gemeinsamen Nenner.
Am Ende ist Edith Sitzmann zufrieden. "Es gibt offenbar keine Einwände gegen Ethikunterricht von der ersten Klasse an", zieht die Freiburger Landtagsabgeordnete der Grünen Bilanz aus einem Fachgespräch, zu dem sie Vertreter der Schulen und Kirchen geladen hat. Das ist allerdings nur der kleinste gemeinsame Nenner. Ob Ethik nur Ersatzfach sein soll für alle, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, oder als gleichberechtigtes Wahlpflichtfach neben Religion, wie die Grünen es gerne eingeführt sähen, bleibt umstritten.
Das Thema gewinnt an Freiburger Schulen an Brisanz: An der Karoline-Kaspar-Grundschule im Vauban etwa nehmen 53 Prozent der Schülerinnen und Schüler nicht am Religionsunterricht teil, weil sie Buddhisten, Muslime, Juden oder ganz ohne Konfession sind. "Die "Heidenkinder’ währenddessen vom Hausmeister betreuen zu lassen" zeugt für Winfried Kretschmann, kirchenpolitischer Sprecher und Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, von "wenig Weitblick". In einer pluralistischen Gesellschaft, so der überzeugte Katholik, könnten Staat und Kirche nicht länger das Monopol der christlichen Religionen aufrechterhalten.Werbung
Eine Werteerziehung für alle hält Edith Sitzmann andererseits für "notwendiger denn je". An der Karoline-Kaspar-Schule haben die Eltern deshalb zur Selbsthilfe gegriffen und auf eigene Kosten eine Philosophie-AG organisiert. Anna Ignatius, eine Mutter, sieht damit den Anspruch ihrer Kinder auf ethische Bildung und Werteerziehung vom Land nicht erfüllt und hat Klage eingereicht (die BZ berichtete). Schulleiterin Uta Stehle sieht sich außerstande, ein Ersatzangebot aus dem Ergänzungsbereich abzudecken, wie ihr vom Schulamt empfohlen worden sei. Auch eine Reihe von Kolleginnen möchten Religion und Ethik mit einem größeren Stellenwert an ihrer Schule verankert sehen statt das Fach aus stundenplantechnischen Gründen stets an den Rand drängen zu müssen. Am liebsten wäre Ilse Kühn ein Wahlpflichtfach von der ersten Klasse an, bei dem die Eltern sich bewusst entscheiden müssen für eine Religion oder Ethik. Das, so hofft die Schulleiterin der Lotzingschule, die selbst Religion unterrichtet, würde ihr den Unterricht erheblich erleichtern.
Christina Doerjer,
Leiterin der Hebelschule
Melitta Menz-Thoma, katholische Freiburger Schuldekanin, hat beobachtet, dass die Flucht aus dem Religionsunterricht vor allem ein "Phänomen der Stadt" sei. Gleichwohl seien die Kirchen daran interessiert, auch jene Kinder versorgt zu wissen. Allerdings nur mit Ethik als Ersatzfach. Ihre Vorrangstellung bliebe der Religion erhalten. Für den evangelischen Schuldekan Manfred Jeub ist das zwar fern der Lebenswirklichkeit. Dennoch hält er diesen Weg verfassungsrechtlich und um kirchliche Ängste zu dämpfen für "pragmatischer". Uwe Hauser, Sprecher der evangelischen Schuldekaninnen und –dekane in Südbaden, wirbt für einen "sehr guten Religionsunterricht. Dann haben die Schülerinnen und Schüler gute Gründe, hinzugehen."
RELIGIONS- ODER ETHIKUNTERRICHT
Religion gilt in Baden-Württemberg als ordentliches Unterrichtsfach. Wer keiner oder einer anderen als der christlichen Religion angehört, muss daran nicht teilnehmen. (An einigen Standorten wird neuerdings auch islamischer Religionsunterricht angeboten). Für solche Kinder und Jugendliche soll ersatzweise das Fach Ethik eingerichtet werden. Allerdings gilt das erst ab der 7. oder 8. Klasse. Wer Ethik wählt, muss sich aus Gewissensgründen vom Religionsunterricht abmelden. In den unteren Klassen besuchen oft konfessionslose oder Kinder anderer Konfessionen den evangelischen oder katholischen Religionsunterricht einfach mit. Oder sie haben frei. Religionsunterricht wird deshalb oft auf die letzte Stunde gelegt. Wäre Ethik Wahlpflichtfach von der ersten Klasse an, müsste das Land 600 neue Lehrerdeputate einrichten.
Autor: arü
Autor: Anita Rüffer
