Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

25. Mai 2009

Party statt Altkleidersack

Die erste Kleidertauschaktion im Klub Kamikaze war ein voller Erfolg – und für einen guten Zweck.

Er war ein Geschenk von Mama, lieb gemeint, nicht gerade billig, aber unbrauchbar: der orange-weiß-gestreifte Blazer im klassischen Uniformschnitt. Alexa Reisinger hat ihn ein einziges Mal getragen, bei einem Familienfest. Dann hat er jahrelang den Kleiderschrank verstopft. Für solche und ähnliche Problemfälle bot der Freitagabend die perfekte Lösung: Im Klub Kamikaze in Oberlinden hieß es: "Feiern, Tanzen, Kleidung Tauschen".

Das orangene Ungetüm ist Alexa Reisinger los: Es hängt neben anderen ungeliebten Kleidungsstücken an einer Wäscheleine und wartet auf eine neue Besitzerin, während die alte einen Cocktail schlürft. Von der Idee der Klamottentausch-Party ist die 31-Jährige begeistert: "Jeder macht mal einen Fehlkauf oder sieht sich an Kleidungsstücken satt", meint sie: "Sie zu einer Party mitzubringen und gleichzeitig selbst auf die Suche nach einem schönen Teil zu gehen, ist praktisch und macht Spaß."

Der Spaßfaktor stand auch bei der Planung der Party im Mittelpunkt: Die Idee, ein karitatives Projekt zu organisieren, kam den Initiatoren bei einem feuchtfröhlichen Abend in der Kneipe. Einer von ihnen ist Sascha Klemz, der in Freiburg den Laden "Zündstoff" für fair gehandelte Kleidung aus Bio-Baumwolle betreibt. "Durch meine Arbeit beschäftige ich mich viel damit, wie Kleidung hergestellt wird und was dann damit passiert", erzählt er: "Ich würde gern erreichen, dass die Leute mehr über ihr Konsumverhalten nachdenken, bewusster einkaufen und vielleicht mal etwas mehr ausgeben, um sozial und ökologisch nachhaltig zu handeln." Dass der moralische Zeigefinger bei den meisten nichts nutzen würde, war den Organisatoren klar; es mit einer Party zu versuchen, schien da realistischer. Statt wegzuschmeißen wird getauscht, und was am Ende übrig bleibt, wird dem Umsonstladen in der KTS gespendet.

Werbung


Das Konzept funktioniert: Innerhalb kürzester Zeit hat sich die Diskothek in einen Second-Hand-Laden verwandelt: Menschen bringen Plastiktüten voller Kleidung, wühlen in Kisten, probieren an und tauschen ein – und das alles bei lauter Musik und mit einem Getränk in greifbarer Nähe. Nach einigen Stunden Klamottentausch ist der Geruch im Kamikaze etwas muffig geworden. Die Cousinen Irene und Katharina Schäfer stört das nicht: Wenn einem etwas gefällt, kann man es ja zu Hause waschen. Und dass das Kleidungsstück schon von jemand anderem getragen wurde, gehört dazu, finden die beiden. "Das macht eigentlich erst den Reiz aus", sagt Irene Schäfer: "Hier gibt es keine H&M-Massenware, sondern jedes Teil hat eine einzigartige, geheimnisvolle Geschichte." Die 24-Jährige hat ein schwarzes Kleid gefunden, das sie sich umnähen will. Ihr Freund hat sich für einen gebrauchten roten Ringelpullover entschieden – von H&M.

Alexa Reisinger ist derweil beim T-Shirt-Druck-Stand angekommen, einer weiteren Komponente der Projektidee: Hier liegen bunte Motive bereit, die man sich gegen eine Spende auf mitgebrachte oder eingetauschte Kleidungsstücke drucken lassen kann. Sie hat sich für eine große grüne Kassette entschieden, die nun mitten auf ihrem grauen T-Shirt prangt. Vom anderen Ende des Raums kommt ein Freudenschrei: Ein Gast hat genau die blauen Wollsocken gefunden, die er schon immer gesucht hat. Was der eine wegwerfen würde, macht den anderen überglücklich.

Dass Kleidung recycelt und aufgewertet wird, ist nicht der einzige gute Zweck der Veranstaltung. Der Erlös des Abends soll an das Nachbarschaftswerk gehen. "Das ist ein gemeinnütziger Verein, der in Weingarten, Haslach und im Stühlinger gute Quartiersarbeit macht", erklärt Jens Vogel aus dem Initiatorenteam. Da die Klamottentauschparty gut anzukommen scheint, kann er sich eine Fortsetzung der Aktion und damit eine dauerhafte Unterstützung des Nachbarschaftsvereins gut vorstellen: "Ich glaube, das Konzept hat Potenzial: Die Leute haben Spaß und helfen, fast ohne es zu merken."

Autor: Veronika Keller