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20. August 2009 21:56 Uhr

Polizei und Stadt uneins

Prügelnde Mädchen – Trend oder Einzelfälle?

Hat die Gewalt von Mädchen zugenommen? Nachdem im Hauptbahnhof zwei Mädchen von zwei anderen zusammengeschlagen wurden, wird diese Frage kontrovers diskutiert. Die Polizei sagt: Ja. Die Stadt spricht von Einzelfällen.

  1. Gewalt unter Jugendlichen beschäftigt regelmäßig Polizei und Behörden. Foto: B3734 Tagesspiegel

Während Polizei und Justizbehörden in ihrer täglichen Arbeit einen deutlichen Anstieg weiblicher Gewalttaten erkennen können, wollen städtische Behörden das so nicht bestätigen. Eine Bestandsaufnahme.

Der Fall

Zwei 14 und 15 Jahre alte Mädchen greifen andere Mädchen an – grundlos. So am 6. August im Hauptbahnhof, wo sie, enthemmt von einer Flasche Wodka, zwei Mädchen aus dem Umland anpöbeln, beleidigen und brutal verprügeln; keiner der Passanten hält sie auf. Dann knapp eine Woche später im Stadtteil Bischofslinde, wo sie zwei andere Mädchen an den Haaren reißen, zu Boden werfen, treten und schwer verletzen. Später werden sie bei der Vernehmung gestehen, bereits Anfang Mai jemanden verdroschen zu haben. Die 14- und die 15-Jährige kommen, wie es offiziell heißt, aus "schwierigen familiären Verhältnissen" und sind in der Vergangenheit vom Sozial- und Jugendamt der Stadt Freiburg betreut worden.

Die Folgen

Die Täterinnen haben sich gestellt, nicht zuletzt, weil sie durch das Aufsehen, das die Tat in der Öffentlichkeit erregt hatte, erkennbar wurden. Danach: Haftbefehlseröffnung. Die 15-Jährige darf wieder heim, allerdings unter strengen Auflagen: Sie darf das Haus nur unter Aufsicht von Mutter oder Vater verlassen und nur zur Schule allein gehen. Wenn sie diese Auflagen verletzt, meldet die Polizei dies den Justizbehörden und sie kommt in Untersuchungshaft. Das zuständige Polizeirevier ist informiert.

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Die 14-Jährige wird von den Justizbehörden dagegen ins Frauengefängnis Bühl eingewiesen. Eine heikle Entscheidung, denn Jugendliche haben im Gefängnis nichts verloren. Einen "Notanker" nennt es denn auch Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier: "In diesem Fall mussten die pädagogischen Erziehungsmaßnahmen zum Schutz der Allgemeinheit zurücktreten." Ins Gefängnis kommt sie vor allem, weil es für Mädchen keine geschlossene Einrichtung in Baden-Württemberg gibt, in der sie statt in Untersuchungshaft unterkommen könnten. Der Grund: Bislang war das für Mädchen nicht nötig – im Gegensatz zu straffällig gewordenen männlichen Jugendlichen, die im Heinrich-Wetzlar-Haus in Stutensee bei Karlsruhe Platz finden. Aber auch Oberstaatsanwalt Maier ist mit der vorläufigen Lösung alles andere als zufrieden: "In diesem Fall wussten wir uns nicht anders zu helfen. Doch Strafjustiz ist ultima ratio – man muss an die Ursachen gehen." Voraussichtlich nächste Woche wird es einen weiteren Termin geben, in dem überprüft wird, ob die 14-Jährige in Bühl bleibt oder nicht. Und dann soll so schnell wie möglich der Prozess eröffnet werden.

Mädchen und Gewalt

Der Fall hat viele Menschen beschäftigt, die von ihm gelesen oder gehört haben, bis hin zu Leserbriefen und Kommentaren im Internet. Sicherlich auch, weil man von Mädchen ein derart aggressives Verhalten bislang nicht gewohnt war. "Früher war Gewalt von Mädchen eine Ausnahme, heute erleben wir das immer häufiger", sagt Ulrich Brecht, Pressesprecher der Polizeidirektion Freiburg. Und die Polizei wisse, dass ihr nicht jede dieser Taten auch gemeldet wird: "Teilweise haben die Opfer Angst vor der Rache der Täterinnen."

Kann das stimmen? Bundesweite Zahlen zur weiblichen Jugendgewalt ergeben sich nach Recherchen des Spiegel aus den Daten der polizeilichen Kriminalstatistik: Sie gibt Aufschluss über die Zahl der Tatverdächtigen, bezieht sich auf die Fälle, die angezeigt worden sind. Danach kamen 2008 14 294-mal Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren wegen Körperverletzung mit der Polizei in Kontakt. Das sind fast doppelt so viele Fälle wie vor zehn Jahren. Doch ist der Anteil der gewalttätigen Mädchen immer noch sehr viel geringer als der der Jungen: Nur ein Fünftel der Täter ist weiblich. Zahlen für Freiburg gibt es keine. Aber auch Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier ist sich sicher: "Gewalttaten mit weiblichen Beschuldigten nehmen rapide zu und werden zunehmend heftiger. Das fällt auch uns bei den Justizbehörden auf."

Aufmerksamkeitsproblem

Helga Schmitt, die Leiterin der Jugendgerichtshilfe bei der Stadt Freiburg, ist da skeptisch. Bei der Jugendgerichtshilfe, einer Abteilung des städtischen Jugendamtes, ist der Fall der 14-Jährigen als Ersttäterin nun gelandet; Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe begleiten das Mädchen durch den Instanzenweg. "Diese Fälle sind Einzelfälle", ist Schmitt im Gegensatz zu Polizei und Justiz überzeugt. "Körperverletzungsdelikte sind nicht typisch für weibliche Kriminalität."

Die Statistik der Freiburger Jugendgerichtshilfe gibt ihr Recht. Dort sind in Sachen Gewaltdelikte bei Mädchen die abgeschlossenen Verfahren der Jahre 2004 bis 2008 dokumentiert – und da stiegen die Zahlen gerade mal von 55 auf 65 Fälle in vier Jahren. Über Jahre hinweg zeigt ein stabiler Wert, dass von aller Jugendkriminalität in Freiburg nur ein Viertel von Mädchen kommt – also drei Viertel von Jungen –, und bei Gewaltdelikten bleibt die Mädchenquote stabil bei 18 Prozent. "Mit Statistiken muss man sauber umgehen", sagt Schmitt, "in der Polizeistatistik sind alle Tatverdächtigen erfasst, das kann auch heißen, dass einfach mehr Anzeigen erstattet wurden. Bei uns dagegen werden die abgeschlossenen Fälle gezählt."

Das Problem, findet Schmitt, ist eher, dass die öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber weiblichen Gewalttätern wächst: "Mädchen dürfen Kosmetik klauen, aber sich nicht die Nase einhauen." Tun sie es doch, ist ihnen Aufmerksamkeit sicher – was die Leserbriefe und Kommentare im Internet eindrucksvoll dokumentieren.

Bestandsaufnahme

"Aus Jugendhilfesicht hat Gewalt bei Mädchen zugenommen", sagt wiederum Franz Heyers vom Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) des Sozial- und Jugendamtes. Der ASD bietet gefährdeten Familien Erziehungshilfe an, zum Beispiel ein Anti-Gewalt-Training für Mädchen. Gewalt, sagt Heyers, könne viele Ursachen haben: desolate Familienverhältnisse, in denen sich die Eltern nicht groß um ihr Kind kümmern, der schlechte Einfluss einer Clique, Alkohol, das Gefühl, gerade in der Pubertät allein zu sein und nicht respektiert zu werden. All das kann dazu führen, dass Mädchen irgendwann mal losschlagen, so wie sie es bei Erwachsenen gesehen haben, und merken: Hoppla, auf einmal bin nicht mehr ich das Opfer. Eine bizarre Art von Emanzipation könnte man das nennen: "Früher haben sich die Mädchen selbst verletzt und die Arme aufgeschnitten", sagt Helga Schmitt, "heute kehren sie diese Gewalt nach außen."

Der Anstoß, nun eine solide Freiburger Bestandsaufnahme in Sachen Mädchengewalt zu machen, kam vergangenes Jahr von der Jugendhilfe der Waisenhausstiftung. Dort hatte man festgestellt, dass in den Wohngruppen der Jugendhilfe Gewalt von Mädchen zunahm. Wie damit umgehen? Verschiedene Jugendhilfeorganisationen (In Via, Jugendgerichtshilfe, die Jugendhilfe der Waisenhausstiftung) sowie die Evangelische Fachhochschule setzten sich zusammen und organisierten eine Untersuchung zu Mädchengewalt in Freiburg. Der Abschlussbericht liegt jetzt vor und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Die Diskussion über ein rasantes Ansteigen der Gewalttaten, die von Mädchen und jungen Frauen begangen werden, ist nicht durch seriöse statistische Daten abgesichert. Gewalttätiges Verhalten von Mädchen habe zwar zugenommen, aber lange nicht so stark wie in den Medien beschrieben.

Was tun?

"Mädchen brauchen Ansprechpersonen, die für sie da sind und ihnen auch Grenzen aufzeigen", sagt Franz Heyers, "Erziehung ist nicht nur Elternsache. Erziehung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe." Und es ist eine langwierige Sache, im Kleinen wie im Großen.

Nächste Woche wird ein Mitarbeiter des ASD die 14-Jährige im Frauengefängnis zum Haftprüfungstermin begleiten. "Wir werden intensiv mit ihr in Kontakt bleiben", sagt Franz Heyers. Und Anfang November werden sich die Experten der Freiburger Jugendhilfe zu einer Fachtagung zusammensetzen. Thema: "Wie können wir besser auf Gewaltphänomene reagieren?"

Autor: si