Schock, Schuld, Scham

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Fr, 08. Dezember 2017

Freiburg

Andrang bei einer Veranstaltung über Traumata von Flüchtlingen mit dem Experten Jan Ilhan Kizilhan.

Der Film über die Massaker des Islamischen Staats im nordirakischen Dorf Kojo von 2014 läuft nicht lang – dann schluchzt jemand. Jan Ilhan Kizilhan stoppt den Film und erkennt die weinende Frau unter den mehr als 300 Menschen im Publikum im E-Werk: Es ist eine Patientin. Der Traumaexperte, der ein Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie im Nordirak gründete und am baden-württembergischen Programm zum Schutz von 1100 Jesidinnen beteiligt ist, war einer von vier Gästen bei der Veranstaltung "Interkulturelles Verstehen".

Alle im Saal sind betroffen – kurz erleben sie am Mittwochabend mit, was psychische Traumatisierung für viele der aus unvorstellbar schlimmen Situationen geflüchteten Menschen bedeutet. Jan Ilhan Kizilhan beruhigt die Frau, später sagt er ihr: "Ich bin stolz auf Dich, es ist toll, dass Du hier bist." Es sei wichtig, dass jesidische Frauen das Tabu von Schuldgefühlen und Scham durchbrechen.

Das können sie nur, wenn die Grundbedingung erfüllt ist, die psychisch traumatisierte Menschen zur Bewältigung ihrer Erlebnisse brauchen, betont er: Sicherheit, um wieder Vertrauen fassen zu können. Von Heilung spricht er nicht – Forschungen mit Holocaust-Überlebenden zeigten, dass sich Trauma-Folgen bis in die vierte Generation auswirken. Ziel sei, dass das Geschehene irgendwann als Teil der eigenen Biografie akzeptiert werden könne. Ansonsten drohen vielfältige Symptome, von Ängsten, Schlafstörungen, Leere und Entfremdung bis zu psychosomatischen Schmerzen.

Dass sich viele, die in Freiburg ehrenamtlich oder professionell mit geflüchteten Menschen arbeiten, mehr Wissen wünschen, zeigt der Andrang, fast alle rund 320 Plätze sind belegt. Die Initiative ging von Hiltrud und Bernd Hainmüller aus, einem eigentlich pensionierten Lehrerpaar, das im Herbst 2015 nochmal in den Schuldienst zurückkehrte, um an der Walter-Rathenau-Gewerbeschule mit großem Engagement Flüchtlinge zu unterrichten. Sie singen zudem im "Südufer-Chor", einem Projekt für geflüchtete und nicht geflüchtete Menschen.

Familiennachzug als Voraussetzung für Integration

Als sie den Freiburger Neurowissenschaftler, Psychotherapeuten und Autor Joachim Bauer um Unterstützung baten, sagte er zu, ebenso Jan Ilhan Kizilhan. Der BZ-Redakteur Stefan Hupka moderiert die immerhin dreistündige Veranstaltung, in der sich dennoch nur ein Bruchteil der Aspekte unterbringen lässt – das ohnehin komplexe Thema wird durch die kulturellen Unterschiede noch umfassender: Joachim Bauer deutet einige Knackpunkte an – die meisten der geflüchteten Menschen stammen aus gemeinschaftsorientierten Strukturen, sie brauchen andere Zugänge als individualisierte Deutsche. Er plädiert für "kultursensible Kommunikation": Diese setzt voraus, dass nicht die deutsche Kultur als "normal" angesehen werde. Was könnte ein solch sensibler Umgang auf der politischen Ebene bedeuten – zum Beispiel beim Thema Familiennachzug?

In den Herkunftsländern der Menschen habe die Familie eine viel größere Bedeutung, gibt Stefan Hupka zu bedenken. Für Jan Ilhan Kizilhan ist die Antwort dann auch klar: "Ohne psychische Gesundheit ist keine Integration möglich. Ohne Familie trauern die Menschen."

Das bestätigt Hiltrud Hainmüller, die bei ihren jugendlichen Schülern erlebt, wie dringend sie sich nach ihren Angehörigen sehnen: "Dass die nicht da sind, ist das Allerschlimmste." Die Hainmüllers fordern zudem ein Umdenken in der Schulpolitik: Durch die geflüchteten Schüler träten die ohnehin vorhandenen Probleme im System nur stärker zutage, die Pädagogik müsse generell "zulegen".

Für psychologische Behandlungen könnten sich Jan Ilhan Kizilhan und Joachim Bauer dagegen, um den Bedarf zu decken, den Einsatz von Studierenden vorstellen – zum Auffangen. "Für die Verarbeitung sind aber Experten nötig", sagt Jan Ilhan Kizilhan.