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25. November 2014

Sieben Sommer in Sils Maria

BUCHLADENLESE I: Der Freiburger Autor Ludger Lütkehaus liest aus seinem Nietzsche-Buch "Ruhe, Größe, Sonnenlicht" .

  1. Wo sich Wasser und Berg vermählen: der Silser See, von der Halbinsel Chasté Foto: a.t.schaefer

  2. Ludger Lütkehaus Foto: ingo schneider

Wer schon einmal in Sils Maria war, weiß: Dem Zauber dieses Ortes, 1800 Meter über dem Meer gelegen, in einem Hochtal, das zu den schönsten Europas gehört, kann man sich nicht entziehen. Es mag an der ätherischen Bergluft liegen, am klaren Licht, das bei wolkenlosem Himmel die Umrisse der Alpenriesen mal gleißend schimmern, mal messerscharf hervortreten lässt, an der Erhabenheit der Landschaft zwischen Wasser – drei Seen zwischen Sankt Moritz und Maloja – und Gebirge: Nicht nur Friedrich Nietzsche, der Philosoph, der in der Oberengadiner Höhe Linderung seines Leidens, unerträgliche Migräneanfälle, suchte, ist dem bis heute von den Auswüchsen des Alpentourismus verschonten Ort verfallen.

Aber natürlich ist das Wissen um seine sieben Sommer in Sils Maria für heutige Reisende mit Bildungshintergrund ein Grund mehr, das mondäne St. Moritz links liegen zu lassen und sich im Dunstkreis der Halbinsel Chasté niederzulassen: An ihrer äußersten Spitze ist das berühmteste Gedicht des musikalischsten aller Philosophen in einen Stein graviert: "Oh Mensch! Gieb Acht! /Was spricht die tiefe Mitternacht?" Sie spricht: "Weh spricht: Vergeh! / Doch alle Lust will Ewigkeit –, /– will tiefe, tiefe Ewigkeit."

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Der Freiburger Geisteswissenschaftler und Autor Ludger Lütkehaus, einer der größten Nietzsche-Kenner unserer Zeit, Mitherausgeber der beim Stroemfeld Verlag erscheinenden Werkausgabe Letzter Hand, ist natürlich auch auf dem "Dach Europas" (der Essayist Iso Camartin über das Engadin) gewesen und ist die Wege gegangen, die auch Nietzsche gegangen ist. Man weiß ja, dass der frühpensionierte Basler Professor ein großer Spaziergänger und Wanderer war; von ihm ist der Ausspruch überliefert: "Nur die ergangenen Gedanken haben Wert."

Dieser philosophischen Landschaftserfahrung hat Lütkehaus einen sehr schön gestalteten, mit den atmosphärischen Fotografien von A. T. Schaefer angereicherten kleinen Band gewidmet, der in drei Kapiteln der Beziehung Nietzsches zu seinem sommerlichen Flucht- und Rückzugsort nachgeht. Der herausragende Befund: In Sils Maria überfiel Nietzsche der Gedanke der ewigen Wiederkunft, "diese höchste Formel der Bejahung"; er überfiel ihn, wie er berichtet, "bei einem mächtigen, pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlej" am Silvaplaner See, der als "Zarathustra-Stein" in die Kulturgeschichte eingegangen ist.

Ein Ausnahmegedanke an einem Ausnahmeort: So könnte man Lütkehaus’ Bewertung dieses – für die späteren Schriften, besonders den "Zarathustra" zentralen Denkereignisses – zusammenfassen: "In Sils-Maria, das – weiß Gott! –, in der Welt’ und ,von dieser Welt’, aber gewiss nicht ,wie alle Welt’ ist, erlebt Nietzsche eine Art von mystischer Initiation, die die Bejahung auch von Weh und Schmerz (...) intendiert, aber sich einer schlechthinnigen Ausnahmesituation verdankt."

Für die Berechtigung von Nietzsches "Höhenjubel", dem die Welt die Geburtsstunde des Propheten Zarathustra verdankt, liefert der Essay von Lütkehaus vielerlei Belege. Er führt dem Leser etwa die Besonderheiten von "Zarathustras Lärchenwald" vor Augen: Die Arve – wie der Baum dort heißt – prägt mit ihrer herbstlichen Verfärbung die Landschaft unterhalb von Geröll, Felsen und – in der Zwischenzeit stark abgetauten – Gletschern. Nietzsche hat dem Ort selbst das schönste Kompliment gemacht: "Sils ist wirklich wunderschön; in gewagter Latinität das, was ich Perla Perlissima nenne." Einige Monate nach diesem Bekenntnis bricht der Philosoph in der Ebene – in Turin – zusammen. Für immer.
– Ludger Lütkehaus: Ruhe. Größe. Sonnenlicht. Friedrich Nietzsche in Sils-Maria. Libelle Verlag, Lengwil 2014. 96 Seiten, 18,90 Euro. Lesung: Der Autor liest am 29. November um 20 Uhr in der Buchhandlung Walthari, Freiburg, Bertoldstraße 28.

BUCHLADENLESE

Diese Initiative passt zum Jahr des Kampfes des deutschen stationären Buchhandels gegen den Online-Konzern Amazon: Bei der ersten Freiburger Buchladenlese präsentieren sich unter dem organisatorischen Dach des Literaturbüros vom 27. bis zum 29. November neun Buchhandlungen der Stadt mit besonderen Angeboten und Lesungen zu Belletristik, Comics und Musik, Wissenschaft und Kinderbüchern Mit dabei sind: Rombach, Herder & Thalia, Klingberg, Schwarz, Jos Fritz, Walthari, der Comicladen X für U, die Kinder- und Jugendbuchhandlung Fundevogel und Das Landkartenhaus. Hier kann überprüft werden, was der Journalist Kurt Kister schreibt: "Bücher sind Leben und davon kann man nie genug haben."

Nähere Informationen unter http://www.literaturbüro-freiburg.de
 

Autor: bs

Autor: Bettina Schulte