Betreuung

In der Hirschen-WG in Ebnet leben Menschen mit Demenz zusammen

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 07. Februar 2019 um 11:13 Uhr

Ebnet

Sie sollen so selbstbestimmt leben, wie möglich: Seit 15 Jahren gibt’s die "Hirschen-WG" in Ebnet für Menschen mit Demenz, der Verein "Labyrinth" sorgt für die Rahmenbedingungen.

Als Karoline Riemenschnitter (91) vor zwei Jahren in die "Hirschen-WG" für Menschen mit Demenz einzog, war das eine Umstellung: "Meine Mutter war immer sehr selbständig", sagt ihre Tochter Karin Riemenschnitter-Blau. Nun ist Karoline Riemenschnitter die Älteste der sechs Bewohnerinnen und zwei Bewohner. Die Familienpflegerin Gabi Hoferichter vom Pflegeteam findet es toll, dass sie sich ihre Selbstbestimmtheit bewahrt hat – denn die WG will so individuell wie möglich auf die Einzelnen eingehen. Das prägt den Alltag seit 15 Jahren.

Manchmal versammeln sich fast alle am großen Tisch im Gemeinschaftsraum – so wie jetzt, als die Ergotherapeutin Cornelia Spadaro Notenbücher verteilt. Kurz danach singen sie: "Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus". Hans Hagemann (90) sitzt mittendrin, er lebt seit einem Dreivierteljahr in der WG. "Und es gefällt mir sehr", sagt er. Er liebt Sport und die Bundesliga, außerdem theologische Bücher von Hans Küng und Karl Rahner, die er früher gelesen hat – die hat er kürzlich den anderen gezeigt.

Früher habe er sich auch für geflüchtete Menschen im Kirchenasyl engagiert und den Spielern des Gelsenkirchener Fußballclubs Schalke 04 beim Training zugeschaut, erzählt er. Seine Tochter hat ihn nach Freiburg geholt. Der andere der zwei WG-Männer bleibt lieber auf Distanz. Er kam gerade von einem Spaziergang mit Cornelia Spadaro zurück und beobachtet das Geschehen von einem Sessel aus, weit hinten im Raum, in dem auch eine Sitzecke, ein Bücherregal und ein Fernseher untergebracht sind.
Kosten und Mitarbeit

Für die Bewohnerinnen und Bewohner oder ihre Angehörigen gelten folgende Eigenanteile: Beim Pflegegrad 2 sind es 3552,13 Euro im Monat (2648,10 Euro für den Pflegeanteil nach Abzug der Leistungen der Pflegeversicherung, 654,03 Euro für Miete und Betriebskosten, 250 Euro Haushaltsgeld). Beim Pflegegrad 3, 4 oder 5 liegen die Kosten wegen des höheren Zuschusses der Pflegeversicherung bei insgesamt 2943,13 Euro monatlich. Wenn das Geld nicht reicht und die Bewohner aufs Sozialamt angewiesen sind, fällt dort die Entscheidung, ob die WG akzeptiert wird oder auf ein günstigeres Pflegeheim ausgewichen werden muss. Die "Labyrinth"-Engagierten fordern, dass alle sich frei entscheiden können sollten – nicht nur Wohlhabende. Die Angehörigen arbeiten auch mit: Drei Mal im Monat übernehmen sie WG-Dienste, alle acht Wochen den Einkauf. Jeden Monat sind Angehörigen-Sitzungen, vier Mal im Jahr Angehörigen-Team-Sitzungen.

Es ist spätnachmittags, die Kaffeezeit gerade vorbei, in der Küchenzeile hinter der Theke bereiten Susanne Albrecht und Agnes Martin schon das Abendessen vor. Sie schneiden Gurken und Paprika, dazu wird es Brot geben und Suppe, die beim Mittagessen übrig blieb. Die beiden gehören zum Pflegeteam, doch in der ambulant betreuten "Hirschen-WG" gilt, dass alle alles machen, vom Wäschewaschen bis zur Einzelbetreuung – auch wenn immer mindestens eine examinierte Pflegefachkraft in den tagsüber zuständigen, wechselnden Dreierteams dabei sein muss. Am Wochenende sind nur zwei Mitarbeiter im Einsatz und dafür verstärkt Angehörige da (siehe Info-Box), nachts gibt’s eine Nachtwache und bei Bedarf Verstärkung.

Immer sind aber auch andere Gäste willkommen. An diesem Nachmittag hat eine der jungen Mitarbeiterinnen im "Freiwilligen Sozialen Jahr" ihre Freundin mitgebracht, beide sitzen am Tisch und singen mit. Nicht alle können wie Karoline Riemenschnitter klar mitteilen, was sie wollen. Wenn jemand nicht mehr spricht, geht’s darum, sich möglichst gut einzufühlen und alle Regungen richtig einzuordnen. Die Bewohner suchen sich aus, wem sie vertrauen: "Sie finden immer jemanden, mit dem sie klarkommen", sagt Gabi Hoferichter. Obwohl die wenigsten früher jemals in einer WG gewohnt hätten, würden sie sich nur selten allein in ihre Zimmer zurückziehen.

Der Verein "Labyrinth" sucht neue Engagierte

Dafür, dass alles so weiter laufen kann, wie es vor 15 Jahren eine Gruppe von Angehörigen und Pflegekräften geplant hat, sind Menschen wie Norbert Gehlen und Nicola Haupt nötig: Die Schwiegermutter von Norbert Gehlen, die in einer mit der "Hirschen-WG" verknüpften WG in Kirchzarten gewohnt hat, und die Mutter von Nicola Haupt, die in Ebnet war, sind tot – doch Norbert Gehlen und Nicola Haupt arbeiten weiter im Vorstand des Vereins "Labyrinth" mit. Er bietet den Rahmen für alles, von finanziellen Fragen bis zur Öffentlichkeitsarbeit. Es werde schwerer, die Angehörigen zum Mitmachen zu bewegen, weil viele überlastet oder weit weg seien, sagt Norbert Gehlen. Deshalb suchen sie dringend neue Engagierte. Auch bei den Pflegekräften – die vom Pflegedienst "Ich und du", einem ambulanten Dienstleister, kommen – schlagen sich aktuelle Entwicklungen wie der Fachkräftemangel nieder.
Jubiläumsveranstaltungen: Freitag, 8. Februar, 19.30 Uhr, Film "Vergiss mein nicht" von David Sieveking und Publikumsgespräch (mit Vertretern der "Hirschen"-WG und des Vereins Labyrinth) im Kommunalen Kino, Urachstraße 40. Eintritt: 7 Euro, ermäßigt 5 Euro. Infos zu drei weiteren Veranstaltungen bis Mai: http://www.labyrinth-freiburg.de