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22. Oktober 2017 10:01 Uhr

Neuer Bundestag

SPD-Politiker Erler räumt sein Büro in Freiburg nach 30 Jahren

Die Abgeordnetenzeit von Gernot Erler im Deutschen Bundestag geht am Montag offiziell zu Ende – nach 30 Jahren. Ein wichtiges Amt behält der SPD-Politiker jedoch.

  1. Nach mehr als 30 Dienstjahren als Abgeordneter räumt Gernot Erler sein Freiburger Büro an der Merzhauser Straße. Foto: Thomas Kunz

Wenn am Montag der 19. Deutsche Bundestag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammenkommt, wird Gernot Erler nicht in Berlin sein. Und auch nicht daheim in Freiburg. Nein, der SPD-Politiker wird das Ende seiner 30 Jahre währenden Tätigkeit als Abgeordneter auf Sizilien erleben. In Palermo vertritt er Deutschland als OSZE-Sonderbotschafter bei der Mittelmeerkonferenz. "Es ist noch nicht ganz vorbei", sagt der 73-Jährige, als er sein Abgeordnetenbüro in Freiburg an der Merzhauser Straße räumt. Und doch gebe es, wie er sagt, einen Trennungsschmerz. (siehe auch: BZ-Interview mit Erler vom 16.9.2017)

Dass es mit dem Aufhören nicht so leicht ist, hat vor allem mit seinen Mitarbeitern zu tun. Sechs Leute – vier in Freiburg, zwei in Berlin – haben für den Abgeordneten gearbeitet. Und noch nicht alle wissen, wie es für sie weitergeht. Die Situation sei auch nicht einfach für ihn, weil "Mitarbeiter zu Freunden geworden sind", wie er sagt. Das Büro muss auch deswegen geräumt werden, weil die SPD in Freiburg erstmals seit 30 Jahren keinen Abgeordneten mehr stellt.

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Erlers Themen: Stadttunnel, B31-West, Fessenheim

Die Frage sei, was bewahrt man auf und was nicht, so Erler. Ein paar Regalmeter umfassen allein die 16 Ordner, in denen die wichtigsten Themen aus jeder der 16 Gemeinden des Wahlkreises abgeheftet sind.

Beim Aussortieren kommen noch einmal die wichtigen Themen vor Augen – vom Stadttunnel über die B31-West bis zu Fessenheim. Für die Abschaltung des Atomkraftwerks kämpft Erler schon lange – noch sei das Ziel nicht erreicht: "Aber wir sind auf dem Weg dahin." Hier im Büro in Freiburg ging es auch immer um viele Anfragen und Anliegen von Bürgern. "Dass man das Bürgerbüro gut macht, das ist ganz wichtig für das Vertrauen der Menschen in die Politik."

Wahlkreis Freiburg 820 Kilometer von Berlin entfernt

Volksvertreter sein, das ist ein fordernder Job: Als Abgeordneter habe man oft 18-Stunden-Tage, berichtet Gernot Erler. Und Freiburg liegt 820 Kilometer von Berlin entfernt – nur der Wahlkreis Lörrach liege noch weiter weg von der Hauptstadt. Das hieß zum Beispiel immer wieder freitags: Morgens noch Sitzung in Berlin, dann in den Flieger nach Frankfurt. Von dort mit dem Zug nach Freiburg, abends dann ein Vor-Ort-Termin.

Die ersten zwölf Jahre seiner Abgeordnetenzeit verbrachte Gernot Erler noch in der alten Bundeshauptstadt Bonn. Da sei Willy Brandt noch mit dabei gewesen, als Außen- und Sicherheitspolitiker sei er auch viel mit SPD-Urgestein Egon Bahr unterwegs gewesen. "Berlin ist ein ganz anderes Umfeld als das beschauliche Bonn." Vor allem der Umgang mit den Medien habe sich stark verändert.


"Es ist mehr Hektik im Betrieb." Gernot Erler über die Arbeit in Berlin
In Bonn habe es nur eine Gruppe vertrauter Journalisten gegeben, die über den Parlamentsbetrieb berichtet hätten. Heute gebe es eine viel größere Konkurrenz unter den Medien, die auch das parlamentarische Leben beeinflusse: Man müsse immer eine neue Meldung bieten: "Dieser Druck ist größer geworden", so der SPD-Mann. "Es ist mehr Hektik im Betrieb."

Ein besonderer Höhepunkt seiner Abgeordnetenlaufbahn war, dass er 1998 als erster SPD-Bewerber das Freiburger Direktmandat geholt und es danach drei Mal verteidigt hat. "Natürlich war es schmerzlich, das Direktmandat dann 2013 wieder zu verlieren." Erler hat 16 Jahre in der Opposition verbracht, 15 Jahre hat die SPD mitregiert. Der Regierungswechsel 1998, als Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde – das sei ein ganz besonderer Moment gewesen.

In der ersten Großen Koalition unter Kanzlerin Merkel amtierte er als Staatsminister im Auswärtigen Amt. Daran hat er viele Erinnerungen. Der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier schickte ihn einmal nach Kenia, um in Nairobi nach den Wahlen zwischen verfeindeten Stämmen zu vermitteln, um auch dort eine große Koalition zu schmieden – was auch gelungen sei. Das brachte Gernot Erler auch eine Erwähnung in den Memoiren des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan ein.

Er bleibt fürs Erste Russlandbeauftragter

Er bedauert, dass es in allen Parteien Nachwuchsprobleme im Bereich der internationalen Politik gebe. "Wer es auf Mandatssicherung anlegt, der überlegt es sich drei Mal", sagt er – weil sonst im Wahlkreis schnell gefragt werde: Was macht er für uns? Erler sagt, er habe hier in seiner Heimat immer versucht, die internationalen Themen zu vermitteln.

Dass er in Zukunft – etwa bei einer Stiftung – weiter mit diesen Themen zu tun hat, steht fest. Aber natürlich nicht mehr in Vollzeitbeschäftigung. Es gebe, so sagt er, auch soziale Aufgaben in der Familie für ihn. Und trotzdem: Wenn Gernot Erler jetzt gefragt wird, was er mit seiner Freizeit macht, dann antwortet er: welche Freizeit?

OSZE-Tätigkeit

Bis Jahresende ist er mit Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen ausgebucht. Dann ist da bis Ende 2017 seine OSZE-Tätigkeit. Zudem bleibt er Russlandbeauftragter, bis die neue Regierung einen Nachfolger benennt. Auch wenn der Bundestag am Montag ohne ihn tagt: Fürs Erste hat Gernot Erler weiter ein Büro im Auswärtigen Amt.

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Autor: Joachim Röderer