Sprache als Perspektive

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 09. Dezember 2018

Freiburg

Der Sonntag Verein "Bildung für alle" erhält Freiburger Integrationspreis.

Zum siebten Mal hat die Stadt Freiburg gestern ihren Integrationspreis vergeben. Er ging an den von einem Staufener Schreiner gegründeten Verein "Bildung für alle". Dieser bietet geflüchteten Menschen kostenlose Deutschkurse an und gibt ihnen somit eine Perspektive.

2014 staunte Gerd Schneider nicht schlecht. Der 40-jährige Schreiner war händeringend auf der Suche nach Fachkräften für seine Werkstatt in Staufen. Monatelang tat sich nichts. Dann meldete sich Bubacarr Sowe. Die Bewerbung war in gutem Deutsch gehalten. Doch die Freude währte nur kurz. Zum Gespräch erschien der geflüchtete Gambier nämlich in Begleitung seiner deutschen Freundin, die auch die Bewerbung geschrieben hatte. Sowe selbst sprach damals noch kein Wort Deutsch.

Schreinermeister Schneider, der in der Gerberau seine Möbel verkauft, entschied sich, den Gambier dennoch einzustellen. "Er sollte 70 Prozent auf der Stelle arbeiten und die anderen 30 Prozent nutzen, um Deutsch zu lernen", erzählt Schneider. Nach Monaten aber hatte sich nichts getan. Schneider hakte nach. Und stieß auf ein zentrales Problem. "Es gibt Geflüchtete verschiedener Klassen", berichtet er. In der Fachsprache kommen diese aus A-, B- oder C-Herkunftsländern. Nur die wenigsten haben Anspruch auf kostenlose Deutschkurse. Genau da setzte Schneider an. Er organisierte, dass ein guter Freund, der Lehrer war, Sowe unterrichtete.

Damit war der Grundstein für den Verein "Bildung für alle" gelegt. Und die Entwicklung verlief rasant: 240 Menschen lernen mittlerweile von 100 ehrenamtlichen Lehrern und sieben Hauptamtlichen bei "Bildung für alle". Jüngst wurde auch eine Kinderbetreuung eingerichtet, 35 Kinder werden versorgt. Dadurch können auch Frauen die Bildungsangebote wahrnehmen: Die Frauenquote in den Kursen liegt bei ungewöhnlich hohen 30 Prozent.

Weil das Wachstum derart rasant war, sucht Schneider inzwischen nach einem Schreiner, der seine Firma übernimmt. Er will sich vollends dem Verein, der sich über Stiftungs- und Fördergelder finanziert, widmen. Dieser wurde gestern von der Stadt Freiburg mit dem Integrationspreis ausgezeichnet. Auch für die Ehrung für bürgerschaftliches Engagement am morgigen Montag wird der Verein hoch gehandelt.

Alleine arbeitet "Bildung für alle" jedoch nicht. "Wir versuchen, sogenannte Wirkungsketten herzustellen", erklärt Sandra Megahed. Sie ist verantwortlich für die Servicestelle Integration beim Bildungswerk der baden-württembergischen Wirtschaft. Auftraggeber ist der Arbeitgeberverband Südwestmetall. Durch eine Zusammenarbeit der Wirtschaft und der Ausbildungsstätten sollen lückenlose Lernketten entstehen. "Bildung für alle liefert da Idealbedingungen", sagt Megahed.

Ein blinder Idealist ist Schneider nicht. Jüngst musste er sich einmal mehr mit drohender Finanzknappheit auseinandersetzen. "70 Prozent unserer Schüler kommen aus dem Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald", berichtet er. Seit 2015 sponserte eine große Stiftung 160 Monatsfahrkarten. Diese drohen nun wegzufallen. Schneiders Einfallsreichtum ist einmal mehr gefragt. Einer Illusion will er sich ohnehin nicht hingeben. "Schnell", sagt er, "geht beim Thema Integration nichts."