23. Prozesstag

Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft und Sicherungsverwahrung für Hussein K.

Carolin Buchheim (aktualisiert um 13.22 Uhr)

Von Carolin Buchheim (aktualisiert um 13.22 Uhr)

Fr, 09. März 2018 um 07:00 Uhr

Freiburg

Oberstaatsanwalt Eckart Berger hat im Mordprozess gegen Hussein K. Höchststrafe gefordert: Lebenslange Haft, Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und Anordnung der Sicherungsverwahrung.

Der Prozess ist für heute beendet. Er wird am kommenden Montag, 12. März 2018 fortgesetzt. Dann werden Nebenklagevertreter Bernhard Kramer und Hussein K.s Verteidiger Sebastian Glathe ihre Schlussvorträge halten. Das Urteil soll am Donnerstag, 22. März 2018, verkündet werden.

Schlussvortrag der Staatsanwaltschaft

12.50 Uhr Oberstaatsanwalt Eckart Berger beginnt sein Plädoyer an einem Stehpult an seinem Platz stehend. Berger beginnt mit einleitenden Ausführungen. "Ich bin von der Presse oft gefragt worden, wie es sein kann, dass diese Verhandlung so lang dauert", beginnt er. "Es liegt nicht an einer schlechten Anklage, nicht an der Verteidigungsstrategie, nicht an der Verhandlungsführung." Diese sei ruhig und exzellent gewesen. "Es freut mich, dass ich Ihnen das in öffentlicher Verhandlung sagen kann", sagt er in Richtung der Kammer. An Verteidiger Glathe gerichtet sagt er: "Sie haben zu Beginn des Prozesses darauf hingewiesen, dass seine Aussage nicht aus Ihrer Feder war. Das war evident", sagt Berger. "Ich habe Ihnen Respekt auszusprechen, dass Sie sich diesem Verfahren in seiner Gänze gestellt haben." Das hätten nicht viele Verteidiger gewagt.

"Finden Sie die Rückkehr zur Wahrheit. Sie haben in drei Tagen bei Ihrem letzten Wort die Möglichkeit dazu."Oberstaatsanwalt Eckart Berger zum Angeklagten Hussein K.
Warum hat die Verhandlung so lange gedauert? Zum einen hätten die Ermittlungen lange gedauert, die Anklage habe aus Fristgründen erfolgen müssen, bevor etwa das Handy ausgewertet worden sei. Außerdem sei das Verteidigungsverhalten des Angeklagten von Lügen geprägt worden. Berger spricht Hussein K. direkt an: "Das beginnt bei Ihrem Alter, Ihrer Herkunft und persönlicher Geschichte", sagt der Staatsanwalt. "Sie haben zu Ihrem Verhalten, Ihrem Zustand falsche Angaben gemacht. Sie haben sich als betrunken, als Kiffer, als schizophren dargestellt", sagt er. "All das musste widerlegt werden." Berger listet weiter auf: "Sie haben Sozialleistungen in fünfstelliger Höhe erschwindelt, Sie haben Ihre Gastfamilie, die Sie großzügig unterstützt hat, belogen, Daten aus Ihrem Handy gelöscht." All das sei legitim, sagt Berger. "Aber Sie erschweren damit dem Gericht, sie zutreffend zu beurteilen." Die Lügen, die er erzählt habe, würden ihn für die kommenden Jahre verfolgen. "Finden Sie die Rückkehr zur Wahrheit", sagt Berger. "Sie haben in drei Tagen bei Ihrem letzten Wort die Möglichkeit dazu."

Berger beginnt seine Ausführungen zum Fall, beschreibt die Tat noch einmal: Hussein K. habe sich zum Tatzeitpunkt am Tatort aufgehalten, sei zu diesem Zeitpunkt nicht beeinträchtigt gewesen. An der Dreisam habe er Maria L. aufgelauert, vom Fahrrad gezogen, sie sofort gewürgt, zur Dreisam herabgezogen, sie teilweise entkleidet und sexuell missbraucht. Danach platzierte er die noch Lebende so, dass sie ertrinken würde.


"Es ging ihm an den Abend darum, sexuelle Erfahrung zu haben."Eckart Berger
"Er wollte sein Opfer töten", sagt Berger. "Es war ihm gleichgültig, ob der Tod schon durch die Drosselung oder erst nach der Vergewaltigung geschah." Es sei ungewöhnlich und sehr nützlich gewesen, dass es aus der Tatnacht Videoaufnahmen des Angeklagten gebe, die ihn bis 45 Minuten vor der Tat zeigten. Diese zeigten, dass K. nicht so beeinträchtigt gewesen sei, wie er es gesagt habe. "Es ging ihm an den Abend darum, sexuelle Erfahrung zu haben", sagt Berger. Dann geht er die Aussagen der Zeugen aus der Innenstadtbar durch, in der Hussein K. kurz vor der Tat feierte. Diese beschrieben K. als nicht auffällig betrunken oder "betrunken spielend". Die Aussage eines Zeugen, der K. als deutlich betrunken beschrieb, der sogar hingefallen sei, sei durch Videoaufnahmen widerlegt worden.

Schon in der Bar habe K. versucht, sexuelle Kontakte anzubahnen. Berger zitiert aus der Aussage einer Zeugin, die von K. fordernd angebaggert und auch begrabscht worden sei. Auch in der Tram, die er um 1.57 Uhr betreten habe, sei er zielstrebig bemüht gewesen, Kontakt zu der Zeugin aufzunehmen. Die Videoaufnahmen zeigten "waches, konzentriertes, aufmerksames Verhalten". Die Zeugin saß 37 Sekunden neben ihm, bevor sie den Platz wechselte, "aus Sorge um sich selbst", sagt Berger. "Es ist offensichtlich, dass er es schon vor dem Betreten der Straßenbahn auf sie abgesehen hatte", sagt Berger. "Sein Auftreten sei durchaus als aggressiv und fordernd bezeichnet worden." Nichts hätte auf die Anbahnung einer konsensualen Beziehung hingedeutet. K. habe sie etwa nicht angesprochen. "Die Aussage der Zeugin ist absolut zuverlässig", sagt Berger. Dann habe K. in der Tram die koreanische Studentin ins Auge genommen. "Für mich besteht kein Zweifel, dass sie eine Begegnung mit dem Angeklagten beschrieb." Ob K. diese Zeugin habe vergewaltigen und töten wollen, sei unklar, aber letztendlich auch nicht wichtig, die Aussage des Zellengenossen sei widersprüchlich gewesen. "Mehrfach in der Nacht sind Sie in dieser Nacht bei Frauen abgeblitzt", resümiert Berger in Richtung des Angeklagten, und listet die Namen der Zeuginnen auf.

"Er wusste zu diesem Zeitpunkt, dass er Maria vergewaltigen und töten wollte."Eckart Berger
Sein plan- und kraftvolles Tatgeschehen zeige, dass er handlungsfähig gewesen sei. Ohne sich viel zu bewegen, habe K. an der Dreisam verharrt und gewartet. "Schon deswegen ist seine Einlassung absurd, er habe Maria angegriffen, ohne zu wissen, dass sie eine Frau sei." Die Lichtverhältnisse seien in der Vollmondnacht gut gewesen, nach Aussage des Zeugen zu den Lichtverhältnissen hätte er wohl etwa drei Sekunden ihr Gesicht sehen können. Körpergröße, Gestalt und Frisur wären eindeutig gewesen: "Maria war keinesfalls als Mann zu verkennen", sagt Berger. "Sie müssen so nicht zugeben, Maria planvoll angegriffen zu haben. Möglicherweise erscheint Ihnen das für Ihre Verteidigung als günstiger."

Berger geht nun näher auf den Angriff ein, resümiert die Bewegungsaufzeichnungen von Hussein K.s Smartphone, das sein Hoch- und Heruntergehen an der Dreisamböschung registrierte. Dann fasst er die Aussage zum Fahrradangriff zusammen, spricht über die Verdrehung des Radvorbaus durch den Griff an den Lenker des sich in Bewegung befindlichen Rads. Dann spricht er über den Vorsatz. "Er wusste zu diesem Zeitpunkt, dass er Maria vergewaltigen und töten wollte", sagt Berger. K. sei klar gewesen, dass Maria L. ihn würde wiedererkennen können. "Ihm war klar, dass er sie nicht lebend am Tatort zurücklassen könnte." Er habe sie unmittelbar nach dem Angriff fest gepackt, ihr den Mund zugehalten, sie gedrosselt und zum Ufer gezogen.

Berger referenziert die Aussage von Rechtsmediziner Pollak zusammen und Marias Verletzung, spricht den "dynamischen Vorgang" der Drosselung an. K. habe den Tötungsvorsatz eingeräumt, nicht nur in seiner Einlassung, sondern auch in der Exploration gegenüber Gutachter Pleines. "Er sagte etwa, seine Hände seien nicht stark genug gewesen, sie zu erwürgen, deshalb habe er den Schal nehmen müssen." Im Uferbereich habe K. Maria L. dann vergewaltigt. Wie lange das gedauert habe, sei unklar. Auch sei unklar, was K. in der verbleibenden Zeit am Tatort mit ihr gemacht habe. K. habe mit dem leblosen Körper seines Opfers ein "grausames Spiel" getrieben: "Ich kann mir die Spurenlage nur so erklären, dass er sie im bekleideten und unbekleideten Zustand durch den Brombeerstrauch am Ufer gezogen hat." Berger geht auf K.s unterschiedliche Aussagen zur Vergewaltigung ein, zeigt Widersprüche auf: mal habe er sie für bewusstlos gehalten, mal für tot. "Der objektive Befund spricht dafür, dass der Angeklagte davon ausging, dass Maria noch gelebt hat", sagt Berger. Die Tat habe rund eine Stunde gedauert, K. habe "längeren und intensiven" Körperkontakt mit seinem Opfer gehabt, mit dem Gesicht am Oberkörper berührt und dabei sicherlich Atembewegungen bemerkt. Dann habe er ihren Körper in der Dreisam abgelegt. "Ich halte es für beweisbar, dass er aus diesem Zeitpunkt wusste, dass Maria noch lebt." Er hätte sie so ins Wasser gelegt, dass sie ertrinken musste. Es sei anzunehmen, dass Maria noch deutlich merkbar geatmet hätte.

"Wir haben alles andere als eine Affekttat."Eckart Berger
Berger kommt noch einmal auf den Zustand des Angeklagten zu sprechen. "Wir haben alles andere als eine Affekttat", sagt er. "Wir haben ein Verhalten, das auf ein gezieltes Handeln hindeutet." Das lange, ausdauernde Warten zeige sein planvolles Vorgehen. Auf dem Radweg sei viel Betrieb gewesen, den richtigen Moment für einen unbemerkten Angriff zu finden, sei nicht leicht gewesen. "Das spricht für seine Leistungsfähigkeit." Zwei Mordmerkmale seien erfüllt: Maria sei arg- und wehrlos gewesen; auch habe K. die Tat zur Befriedigung des Geschlechtstriebs begangen." Eine Verdeckungstat lag nicht vor.

Berger fasst zusammen: K. sei wegen Mord in Tateinheit mit besonders schwerer Vergewaltigung zu verurteilen. Bevor er auf die Rechtsfolge zu sprechen kommt, analysiert Berger nun die Aussagen und Gutachten zum Alter des Angeklagten. Wie von der Gutachterin Wittwer-Backofen vorgetragen, sei K. laut der Anklage bei einer zahnbasierten Berechnung mit einer Sicherheit von 99 Prozent 22 Jahre alt.

Es wird jetzt komplex. Berger spricht über die unterschiedlichen Gutachten im Prozess, auch die körperliche Untersuchung der Schlüsselbeinfuge. Es sei schwer verständlich, dass zwei "professionelle Alterseinschätzer" der Jugendämter ein Alter von 16 Jahren für plausibel gehalten haben. Berger spricht die unterschiedlichen Aussagen von Dritten an. Es sei anzunehmen, dass Lehrer und Betreuer bei unbegleiteten Jugendlichen in dementsprechenden Klassen grundsätzlich von Minderjährigkeit ausgingen und eventuellen Zweifeln nicht nachgehen würden. Mehr Gewicht habe die Aussage des Zeugen M., dessen Schwester Hussein K. aus dem Iran kennen will und ihn für 22 gehalten habe. Auch ein griechischer Polizist habe ihn für 20 geschätzt. "Die Mehrzahl der Aussagen laufen auf ein Alter zur Tatzeit von mindestens 20 Jahren aus." K.s eigene Aussagen, die er zu seinem Alter in offiziellen Kontexte und in Verfahren getätigt hätte, seien unzuverlässig gewesen. Aussagekräftiger könne vielleicht der Chat mit einem anderen iranischen Jugendlichen gewesen sein, in dem K. diesem mitgeteilt habe, er hätte 18 Jahre im Iran gelebt und dann vier Jahre in Griechenland verbracht. Letztes sei zwar nicht korrekt, könne aber auch "vor vier Jahren" gemeint haben. Seine Antworten auf kritische Nachfragen von Freunden etwa ein Jahr vor der Tat seien widersprüchlich aber höher als 20 gewesen. "Es bleibt festzuhalten, dass alle Angaben von K., die nicht gegenüber offiziellen Stellen erfolgten, ihn ein Jahr vor der Tat für mindestens 21 machen", sagt Berger.

Gutachter Schmeling habe das Alter basierend auf Röntgenaufnahmen im Februar 2016 auf 21 geschätzt; die Zahl müsse jedoch aufgrund ethnischer Faktoren erhöht werden. Aufgrund der Untersuchung des Schlüsselbeins sei von einem Alter zwischen 19 und 23 auszugehen. Das Geburtsdatum liege laut dem Gutachter zwischen dem 15. Dezember 1992 und dem 15. Dezember 1994. Dann spricht Berger detailliert über das Gutachten der Zeugin Wittwer-Backofen über den Zahn, der Hussein K. im Februar 2016 gezogen wurde, in dem – Jahresringen gleich – das Wachstum nachverfolgt werden konnte. Das Auffinden des Zahns sei "ein kriminalistischer Glücksfall" gewesen. Detailliert beschreibt Berger noch einmal die Arbeitsweise und die zugrundeliegende Forschung, geht auf die unterstützende Aussage der Zeugin Gampe ein. "Diese konnte etwaige Zweifel entkräften" sagt Berger. Zweifel an der Forschung, weil in einer verwendeten Studie keine Ethnien einzeln untersucht wurden, lässt Berger nicht gelten. "Diese Untersuchungen kommen bei verschiedensten Säugetieren aus verschiedensten Teilen der Welt zu reproduzierbaren Ergebnisse, es gibt keine Hinweise, warum das bei Menschen unterschiedlicher Ethnien plötzlich anders sein sollte."
Berger fasst zusammen:

  • Gutachter Andreas Schmeling hält ein Alter unter 21 für denkbar, aber unwahrscheinlich;
  • K.s eigene Angaben Dritten gegenüber waren 21 oder älter im Herbst 2015;
  • Dritteinschätzungen zur Tatzeit sind über 20; und
  • Wittwer-Backofen und Gampe kommen zu einem Alter von bis zu 25 Jahre, halten 22 bis 23 für schlüssig und ein Alter unter 21 für extrem unwahrscheinlich.

"Hohes Gericht, nach den Ausführungen bin ich überzeugt, dass der Angeklagte zur Tatzeit erwachsen war", sagt Berger. Trotzdem führt er aus, warum auch bei der Annahme eines Alter von 20 lebenslange Haft die Strafhöhe sein sollte. Eine Strafrahmenverschiebung sei nur dann angezeigt, wenn es die Situation des Angeklagten zulasse. "Maßgeblich ist die tatsächliche Entwicklungsfähigkeit des Angeklagten", zitiert er aus der Literatur. Diese sei bei K. als Geflüchteter ohne Bindung und Bleibeperspektive schlecht.

Dann wendet Berger sich der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld zu. "Bei einer solchen Bewertung ist die Tat in Griechenland zentral", sagt Berger. Berger fasst noch einmal zusammen, dass K. die Tat zwar zugegeben hat, aber als "Rempler" bezeichnet hat. "Er hat Frau C. bewusst die Klippe heruntergeworfen", sagt Berger. Ein zufälliges Herunterstoßen erscheine bei der Situation vor Ort selbst Laien absurd, sei nur denkbar bei sehr niedrigen Geländern. C.s Aussage erscheine wahr. Berger zitiert die Aussagen Dritter, denen K. von der Tat erzählt hatte. Auch damals sei K. nicht betrunken gewesen, das hätten etwa die griechischen Beamten ausgesagt. Die Tat habe C. in die Gefahr des Todes gebracht, nur durch eigenes Verhalten und körperliche Fitness habe sie überlebt. "Objektiv war das Risiko so hoch, dass wie beim Russischen Roulette, derjenige, der sie begeht, den tödlichen Ausgang in Kauf nimmt." War diese Tat ein Raubdelikt oder eine abgebrochener Sexualstraftat? Berger sagt: "Ich gehe davon aus, dass er sie nach der Tat lebend oder tot sexuell missbrauchen wollte." Ein schlichtes Raubdelikt hält Berger für unwahrscheinlich: Deren Tasche sei für K. leicht erreichbar gewesen. Stattdessen habe er sie an den Händen gepackt, zu sich gedreht und geschlagen. Auch nachdem er an der Absturzstelle war, habe K. die Tasche des Opfers nicht an sich genommen. "Herr K. war bei der Festnahme bis zu den Beinen nass, weil er im Wasser gewesen war", sagt Berger. "Diese Tatsache konnte er damals nicht erklären." K. habe nach dem Opfer gesucht - sich aber keinesfalls um deren Wohlbefinden gesorgt. "Das erscheint angesichts seines Verhaltens im Krankenhaus für ausgeschlossen." Trotz eines hohen Entdeckungsrisikos, das sich ja auch verwirklicht habe, habe ihn etwas an den Tatort "zurückgetrieben": "Wenn es nicht das Interesse an der Handtasche war, bleibt nur eine Möglichkeit: Dass er sich an der Geschädigten vergehen wollte."

Nach der Tat auf Korfu habe K. die Tat nicht bereut, sondern sie bagatellisiert, auch gegenüber dem Gutachter Pleines: "Dem Mädchen sei nichts passiert" und "Wegen des Streifens an der Schulter wird man in Griechenland wegen versuchten Mordes verurteilt". "Er hat auch damals ein Wolfs-Shirt getragen", sagt Berger. "Das zeigt, dass die Bemächtigungsphantasien, die in ihm wirken, zu Tage traten."
Berger sieht mehrere Parallelen zwischen beiden Taten: Zwei junge Frauen mit einer ähnlicher Konstitution, keine Kommunikation zwischen Täter und Opfer, eine sofortige Überwältigung des Opfers. Beide Angriffe fanden in Vollmondnächsten statt und in der Nähe von Wasser, was die Ablage des Opfers ermöglicht. In beiden Fällen wird eine sexuelle Motivation bestritten. In beiden Fällen wird die Tat mit nicht bestehender Alkoholisierung zu erklären versucht. "Diese Parallelitäten deuten auf ein Handlungsmuster hin", sagt Berger.

"Sie haben die Tat ohne jede Not begangen, in einer fantastischen persönlichen Lebenssituation."Eckart Berger
Oberstaatsanwalt Berger führt aus: "Wäre es unangemessen, wenn der Täter nach 15 Jahren frei käme? Wir kommen zu der Feststellung: Ja, das wäre unangemessen." Das wäre seiner Meinung nach bereits gegeben, wenn es die Tat auf Korfu nicht gegeben hätte. "Maria L. wurde bei der Tat durch den Angeklagten ihrer Subjektsqualität beraubt." Diese Tat wiege schon so schwer, dass die besondere Schwere der Schuld festzustellen sei. K. sei vom Strafvollzug in Griechenland wenig beeindruckt gewesen; entlastende Momente für den Angeklagten könne er nicht feststellen. Das Geständnis sei wenig nutzwertig und zeuge nicht von einer Reflexion über die Tat; Reue nicht zu erkennen. Sein Nachtatverhalten biete auch keine Anhaltspunkte für eine Strafmilderung. Er sei zwar haftempfindlich, aber hafterfahren und spreche die deutsche Sprache. Die lange Trennung von seiner Familie habe er selbst gewählt. Ein schweres Schicksal habe K. auch nicht gehabt: das von ihm geschilderte Leid, das er angeblich erfahren habe, sei komplett widerlegt worden mit dem Widerlegen des Todes des Vaters. "Der Vater, das ist ja vielleicht für Sie, Herr K., etwas Gutes, lebt im Iran." Das hätte die Auswertung seines Handys und der von der Kammer getätigte Anruf erwiesen.

"Sie haben die Tat ohne jede Not begangen, in einer fantastischen persönlichen Lebenssituation", sagt Berger. "Ihnen wurde jede Betreuung angedeihen lassen. Die Familie S. und das Jugendamt hat geschaut, in welchen Beruf Sie hätten starten können. Das ist eine Situation, die Sie so in Ihrem Leben nie mehr antreffen werden." "Es liegen somit besondere Umstände vor", fasst Berger zusammen. "Die besondere Schwere der Schuld ist festzustellen."

"Herr K. ist zum Zeitpunkt der Verurteilung für die Allgemeinheit gefährlich."Eckart Berger
"Es bleiben Erörterungen zur Sicherungsverwahrung", beginnt Berger den letzten Abschnitt seines Schlussvortrags. "Sie kann verhängt werden, die materiellen und formellen Voraussetzungen liegen vor."
Berger führt aus, dass diese nach 66 III S.2 gegeben sei; demnach sei es auch unbeachtlich, dass die Verurteilung in Griechenland zum Tatzeitpunkt nicht rechtskräftig gewesen ist. "Herr K. ist zum Zeitpunkt der Verurteilung für die Allgemeinheit gefährlich", sagt Berger. Zwei Mal habe K. die Tötungshemmung überwunden, unter ähnlichen äußeren Bedingungen schwere Straftaten begangen. Selbst wenn man davon ausginge, dass es sich bei der Tat auf Korfu um ein Raubdelikt handel, meint Berger, könne man, wie Gutachter Pleines befand, von einer "dynamischen Delinquenzentwicklung" ausgehen. K. habe von der Tat auf Korfu gelernt, als er in Freiburg Maria L. angriff. "Er hat anders als in Korfu das Opfer sofort aus dem öffentlichen Raum gebracht, um die Tat zu verüben", sagt Berger. Die Taten auf Korfu und in Freiburg indizierten einen Hang des Angeklagten: sie seien in einer frühen Lebensphase verübt worden, es lägen keine tatbegründenden oder -begünstigenden Faktoren vor.
"Es besteht ein großes persönlichkeitsverankertes Risiko, derartige Straftaten wieder zu begehen."Eckart Berger
Eine psychiatrische Erkrankung oder eine Persönlichkeitsstörung lägen nicht vor, ebenso keine Sucht und keine Traumafolgestörung; auch keine Entwicklungsstörung. K. zeige Lernfähigkeit und gutes soziales Anpassungsvermögen. "Diese Grundlagen hat uns Dr. Pleines eindrücklich dargelegt", sagt Oberstaatsanwalt Berger und zitiert dessen Aussage des "fehlenden emotionalen Resonanzraums" des Angeklagten. "In diese Persönlichkeitsstruktur ist die sexuelle Devianz eingegliedert", sagt Berger. "Es gibt keine Instanzen, die ihn dort bremsen." Die sexuelle Devianz sei auch durch die aufgefundene Pornographie bestätigt worden: Bilder von Frauen mit Bisswunden etwa. Auch die Aussagen der Frauen aus der Innenstadtbar und die Aussage des griechischen Opfers C. zeigten die ungehemmte Aggression des Angeklagten. "Es besteht ein großes persönlichkeitsverankertes Risiko, derartige Straftaten wieder zu begehen", sagt Berger. "Das ist der Beurteilung zu Grunde zu legen." Auch sei das Verhalten des Angeklagten im Prozess von Desinteresse, Belustigung und fehlendem Erkennen der Ernsthaftigkeit geprägt gewesen.

"Kann das relativ niedrige Alter des Angeklagten zu seinen Gunsten ausgelegt werden?" fragt Berger. Der diesbezügliche Pessimismus von Gutachter Pleines sei gut nachzuvollziehen. K. sei kein jugendlicher Delinquent, die Möglichkeit der erzieherischen Beeinflussung, schlummernde positive Kräfte, seien jedoch nicht erkennbar. Die positive Situation in Deutschland habe ihn nicht beeinflusst: "Es waren für ihn Bedingungen, wie sie kaum hätten besser sein können." Es sei nicht zu erwarten, dass seine fehlende Empathie und starke Frauenfeindlichkeit sich ändern würde. "Verantwortung für die Taten wird bis heute externalisiert", sagt er. Er sei vielleicht therapeutisch zu erreichen. "Ich glaube, dass die Anordnung der Sicherungsverwahrung für den Angeklagten eher positiv wirken können."

Berger beendet seinen Vortrag:
"Ich beantrage ihn wegen Mordes und schwerer Vergewaltigung zu lebenslanger Haft zu verurteilen. Ich beantrage die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Ich beantrage, die Sicherungsverwahrung anzuordnen."
Lebenslange Haft, besondere Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung – was heißt das für den Angeklagten?

"Das würde bedeuten, dass man einen Menschen aufgibt", sagt Hussein K.s Verteidiger Sebastian Glathe in einem Gespräch nach dem Ende der heutigen Verhandlung. "Übersetzt heißt das, 25 Jahre normale Haft, dann würde die Sicherungsverwahrung beginnen." Aus dieser könnte Hussein K. nur entlassen werden, wenn ein Gutachter ihn als nicht mehr gefährlich einstufen würde. "Die Praxis zeigt aber, dass das in ganz seltenen Fällen vorkommt."

Entscheidung über den Ausschluss der Öffentlichkeit

09.15 Uhr: Die Verhandlung beginnt wieder. Verteidiger Glathe teilt der Kammer mit: "Der Angeklagte widerspricht dem Ausschluss der Öffentlichkeit." Richterin Schenk spricht K. direkt an: "Sie haben das verstanden, Herr K.?" "Ja." "Sie haben verstanden, dass das auch Ihr mögliches letztes Wort betrifft." "Ja." Dann wird die Verhandlung noch einmal kurz unterbrochen, bevor Oberstaatsanwalt Eckart Berger mit seinem Plädoyer beginnt.

09.05 Uhr: Der Andrang am 23. Prozesstag ist deutlich geringer als sonst. Die Ankündigung eines möglichen Ausschlusses der Öffentlichkeit hat viele der regelmäßigen Zuschauer abgeschreckt. Zu Beginn wird noch einmal über die Öffentlichkeit diskutiert. Verteidiger Glathe bittet das Gericht, dass er sich noch einmal mit seinem Mandaten besprechen kann. Die Verhandlung wird für zehn Minuten unterbrochen.

8.40 Uhr: "Bevor es zu den Plädoyers geht, müssen noch einige Anträge aus dem Weg geräumt werden", sagt die Vorsitzende Richterin. Diese betreffen ebenfalls den Ausschluss der Öffentlichkeit und wurden außerhalb der Hauptverhandlung gestellt. Staatsanwaltschaft und Nebenklage stimmen jeweils zu. Richterin Schenk trägt dann noch formell den Beschluss vor: Die Verhandlung ist für die Dauer der Schlussvorträge und des letzten Worts öffentlich.
Vorschau auf den Prozesstag

Erwartet wird, dass die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden werden. Grund dafür ist die Tatsache, dass zu Beginn des Prozess die Öffentlichkeit während der Aussage des Angeklagten zu seiner Person kurzzeitig ausgeschlossen wurde. Für den Angeklagten beantragt hatte diesen Ausschluss die Verteidigung ; nur wenn dieser auf den Ausschluss verzichten würde, könnten die Plädoyers öffentlich gehalten werden. Auch der kommende Montag, 12. März 2018, ist für die Plädoyers vorgesehen – dann wird Verteidiger Sebastian Glathe seinen Schlussvortrag halten. Das Urteil soll am Donnerstag, 22. März verkündet werden.

Hussein K. wird vorgeworfen, im Oktober 2016 die 19-jährige Medizinstudentin Maria L. an der Dreisam angegriffen, sexuell missbraucht und getötet zu haben. K. hatte die Tat zu Beginn der Verhandlung gestanden – allerdings nicht dem Umfang der Anklage entsprechend.

Übersicht: Der Prozess gegen Hussein K.


Mehr zum Thema: