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25. Januar 2014

Gutachten

Stadiondebatte: Professorenstreit um Klima und Gutachten dauert an

Ein Mailverkehr und ein Professorentreffen sorgen in der Stadiondebatte für Aufregung.

  1. Gerd Jendritzky kritisiert die Klima-Expertise zur Stadionfrage. Unser Bild entstand im Jahr 2003 auf der Wetterwarte. Foto: BZ-Archiv: M. Bamberger

Der Professorenstreit ums Klima und das Gutachten dazu geht weiter. Am Freitag informierte Gerd Jendritzky von der Bürgerinitiative gegen ein Stadion am Flugplatz über ein Fachgespräch, an dem auch Professor Helmut Mayer von der Uni Freiburg teilnahm. Danach seien seine Kritikpunkte berechtigt. Die gutachterlichen Aussagen könnten in der Abstimmung im Gemeinderat nicht verwendet werden. Die Stadtverwaltung interpretiert das Treffen anders: "Wir fühlen uns bestätigt", sagte Baubürgermeister Haag.

Bei der Bürgerinformation am Dienstag mit knapp 1000 Zuhörerinnen und Zuhörern in der Rothaus-Arena hatten vor allem die Gutachter einen schweren Stand, die ihre Expertisen zu den Folgen eines Stadions für Artenschutz, Klima und Flugbetrieb vortrugen. Vertreter verschiedener Initiativen machten durchaus Schwachstellen deutlich. Die SPD-Fraktion bemängelte später eine klare Position, die CDU sah längst nicht alle Zweifel ausgeräumt. Die grüne Fraktion hat zu allen drei Themenbereichen noch Nachfragen, die sie vor der Gemeinderatssitzung am 25. Februar geklärt haben will (die BZ berichtete).

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Breiten Raum dürfte dabei die Arbeit des Ingenieurbüros Lohmeyer in Karlsruhe einnehmen. Der Meteorologe Torsten Nagel konnte am Dienstagabend nur einen Entwurf präsentieren, eine vorläufige Aussage. Grund: Die Modelle, um die Folgen eines Stadions fürs Klima vorherzusagen, sind hochkomplex. Um die Werte eines einzigen Tages zu ermitteln, muss das Computerprogramm 24 Tage laufen. Nagel räumte ein, dass die bisherigen Ergebnisse nicht komplett mit den Wetterdaten übereinstimmten und Berechnungen noch andauerten. Dennoch ist er überzeugt, dass eine Fußballarena auf dem Flugplatz "zu keinen messtechnisch erfassbaren Änderungen der stadtklimatischen Verhältnisse führt".

Gerd Jendritzky, 73, langjähriger Abteilungsleiter beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Freiburg und seit 1999 Honorarprofessor am Lehrstuhl von Helmut Mayer, attackierte das angewandte Modell. Es könne gar nicht die Wirklichkeit abbilden, erklärte Jendritzky gestern der BZ. Zum Beispiel die Kaltluftbildung. Torsten Nagel habe seine Ergebnisse zu wenig selbstkritisch mit den Daten des DWD abgeglichen.

Gleich am Morgen nach der Bürgerinformation bat das Stadtplanungsamt zu einem Klimagipfel: mit Gutachter Torsten Nagel, Kritiker Gerd Jendritzky und Unimeteorologe Helmut Mayer. Über das Ergebnis kursieren nun verschiedene Mails an unterschiedliche Adressaten – und sorgten am Freitag für einige Unruhe. So hatte Jendritzky nicht nur die externe Moderatorin der Bürgerbeteiligung, Anja Grobe, informiert, sondern auch die Stadträtinnen und Stadträte: "Meine Kritikpunkte an den verschiedenen Modellrechnungen sind berechtigt. Das ,Gutachten’ ist substanziell in der jetzigen Form nicht belastbar. Es muss zeitaufwändig nachgebessert werden." Laut Stadtplanungsamt würden die gutachterlichen Aussagen bis zum Votum des Gemeinderats Ende Februar nicht vorliegen.

Das ist einerseits richtig, aber nicht alles. Denn in dem Fachgespräch war nicht nur der Gutachter, sondern auch Professor Mayer durchaus der Meinung, dass die Methodik dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspreche und in Ordnung sei. Helmut Mayer habe dies schriftlich bestätigt, teilte Baubürgermeister Martin Haag mit. Und Mayer gilt bekanntermaßen als Kritiker der städtischen Baupolitik, speziell der Umgestaltung des Platzes der Alten Synagoge. Die Aussagen von Torsten Nagel seien als "gutachterliche Voreinschätzung" zu verstehen, heißt es in dem gemeinsamen Papier. Die Fachleute hätten sich darauf verständigt, dass noch nachgearbeitet werden müsse. Da das kompliziert ist, reicht die Zeit nicht bis zum Gemeinderatsbeschluss. Doch auf Grundlage der bisherigen Erkenntnisse sei nicht davon auszugehen, dass die negativen Auswirkungen so groß und intensiv sind, dass sie einen Stadionbau unmöglich machten. Damit teilt Mayer – sozusagen als neutrale Instanz – die Einschätzung von Gutachter Nagel.

Die thermische Belastung geht vor allem von der Uni aus

So weit würde Gerd Jendritzky allerdings nicht gehen. Die Tendenz der Aussagen stimme sicherlich, sagte er gestern Abend der BZ. Doch quantitativ seien sie nicht belastbar, sprich: die einzelnen Daten. Er erwartet eine stärkere thermische Belastung für die Mooswaldsiedlung – jedoch nicht allein durch ein neues Stadion auf dem Flugplatz, sondern vor allem durch die geplante Bebauung der Universität entlang der Bahnlinie. Dadurch würden die Temperaturen nachts nicht mehr so stark sinken, was gesundheitliche Risiken berge, die stark unterschätzt würden. "Das Stadion macht nicht so viel aus", sagt Jendritzky, "aber es verstärkt den Effekt." Vor allem deshalb, weil die Uni-Bebauung für eine Arena etwas Platz machen und nach Westen rücken muss. Laut Expertise der Firma Lohmeyer steigt die Bodentemperatur leicht an. Am Elefantenweg würde in einigen Nächten die Temperatur um ein Grad Celsius ansteigen.

"Wir fühlen uns durch Professor Mayer bestätigt", sagte Baubürgermeister Martin Haag. "Wir wissen auch, dass wir noch einiges nacharbeiten müssen." Für das Votum des Gemeinderats spiele das aber keine entscheidende Rolle.

Autor: Uwe Mauch