Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
30. September 2009 17:52 Uhr
Druckausgleich
Steinaustausch: Wuchtige Arbeiten am Freiburger Münsterturm
So etwas gab es am Freiburger Münster noch nie: Aus dem Turm wurde ein Strebenstein aus der Bauzeit ausgetauscht. Die darüber lastenden 44 Tonnen mussten derweil anderweitig gehalten werden.
-
Markus Himmelsbach (links) und Tilman Borsdorf, Vorarbeiter des Steinmetzteams, wuchten den Originalstein mit vereinten Kräften aus seiner jahrhundertealten Position – und kurz entsteht eine Lücke. Foto: Ingo Schneider
-
Der Turm des Freiburger Münsters. Foto: Ingo Schneider
-
Der Turm des Freiburger Münsters. Foto: Ingo Schneider
-
Der Turm des Freiburger Münsters. Foto: Ingo Schneider
-
Der Turm des Freiburger Münsters. Foto: Ingo Schneider
-
Der Turm des Freiburger Münsters. Foto: Ingo Schneider
-
Der Turm des Freiburger Münsters. Foto: Ingo Schneider
-
Der Turm des Freiburger Münsters. Foto: Ingo Schneider
-
Der Turm des Freiburger Münsters. Foto: Ingo Schneider
-
Der Turm des Freiburger Münsters. Foto: Ingo Schneider
Der Stein schaut unspektakulär aus. Hellrötlichbrauner, blasser Buntsandstein, etwa 70 Zentimeter Kantenlänge, einen halben Meter hoch, 40 Zentimeter tief, mit geschätzten 120 Kilogramm Gewicht. Nur ein winziger Teil eines großen Ganzen. Um elf Uhr am Mittag legen die Steinmetze auf der luftigen Baustelle in 86,5 Metern Höhe los mit einer Auswechslung, die so am Münsterturm noch nie stattgefunden hat.
Hinter einer schadhaften Krabbe, einem aufgesetzten Zierstein, war in einem Strebenstein ein Riss erkennbar geworden. Um möglichst alle Stellen auszumachen, an denen der mittelalterliche Turmhelm schwächelt, wird das Bauwerk untersucht wie bei einem Arztbesuch: Ultraschall, Röntgen, Endoskopie. Denn nicht nur an der Oberfläche sitzen mögliche Schäden, sondern auch weit innen.
Sieben Bundsandgesteine wurden verbaut
Die Gründe dafür können so vielfältig sein, wie das viele Baumaterial, das hier im Original und bei diversen Restaurierungen zum Einsatz kam, erklärt Thomas Laubscher, Projektleiter auf der Turmhelm-Baustelle. Allein sieben unterschiedliche Buntsandgesteine wurden am Münsterturm verarbeitet, Eisen, Blei und als zusätzliches "Bindemittel" Zement oder – älter, aber tauglicher – Sumpfkalk.
Werbung
Am meisten Sorgen bereiten den Steinmetzen, den Statikern und Restauratoren hier oben die Folgen der damals zwar gut gemeinten und auch gut konzipierten Restaurierung der 1920er Jahre: Der Almendsberger Buntsandstein, der in jener Zeit zum Einsatz kam, zeichnet sich durch hohe Wasseraufnahme auf, entsprechende Folgeschäden entstanden vielfach nicht an der Oberfläche, sondern zum Beispiel, in den Verbindungen.
Der Strebenstein, der am Mittwochmittag ausgetauscht wird, ist allerdings ein Stein aus der Bauzeit des Turmes. Als Stein in einer der acht Streben trägt er etliches an Gewicht und an Verantwortung: Eine eiserne Ringanker-Konstruktion liegt just auf seiner Oberseite. Um ihn austauschen zu können, muss der Druck, der auf ihm lastet, abgefangen werden.
Statiker Guido Kremp begutachtet die Auswechslung als Fachmann genau für diese Überlegung: Wo wirken welche Kräfte, wenn aus dem großen Ganzen ein wichtiger Stein herausgenommen wird? Eine Holzbalkenkonstruktion ist nicht das Einzige, das hilft, für "Druckausgleich" zu sorgen: Vor allem ein Stahlstempel mit Hydraulikpresse hält gegen das üppige Eigengewicht des Turmhelms.
Drei Steinmetze, Tilman Borsdorf, Markus Himmelsbach und Florian Prußait rücken, drücken und ziehen am Originalstein. Zuvor hatten sie in filigraner Feinarbeit den Mörtel aus den Fugen entfernt, jetzt ist Luft für solch ein Verschiebe-Manöver. Das wird erleichtert von fünf hauchdünnen Silikonstäbchen, die unter den 120-Kilo-Klotz praktiziert wurden und auf denen ein minimaler Gleiteffekt entsteht.
Auf wesentlich gröberen Holzstäben wird der neue Stein an seinen Platz geschoben, davor müssen Eisenstangen und "Gelenke" des Ringankers noch einmal gründlich mit Sumpfkalk gegen zukünftige Korrosion behandelt werden. Und gründlich und gewissenhaft muss hier oben jede Arbeit erledigt werden, sagt Thomas Laubscher, und schaut am Turmhelm hoch. Der steht nach der gelungenen Auswechslung wieder lückenlos auf acht stabilen Streben.
- Audio-Galerie: So klingt die Michaelsorgel im Freiburger Münster
Autor: Julia Littmann


