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10. November 2010

Sterben in einer Welt der Gnadenlosigkeit

Zu Gast: Fulbert Steffensky.

Als seine Frau, die berühmte evangelische Theologin Dorothee Sölle, vor fast acht Jahren starb, ist auch für Fulbert Steffensky eine Welt untergegangen. Er war seit 1969 mit ihr verheiratet – und sprach am Montagabend in der Reihe "Lebenskunst Sterben" in der Martinskirche vor rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörern zum Thema "Sterben in einer Welt der Sieger".

Bis Dorothee Sölle mit 73 Jahren starb, war der Tisch in der Küche der entscheidende Ort im Haus. Hier saßen sie und Fulbert Steffensky, der Theologe und Professor für Religionspädagogik, in unzählige Gespräche vertieft, sie aßen, diskutierten, waren sich nahe. Fulbert Steffensky, 1933 geboren, hatte evangelische und katholische Theologie studiert und 13 Jahre als Benediktinermönch gelebt, bevor er Dorothee Sölle traf. Nach ihrem Tod verwaiste der Tisch, es wurde ein leerer Ort. Als die Kinder des Paares zu ihrem Vater zogen, wurde das Haus endgültig umgestaltet. Fulbert Steffensky fand für sich, seine Trauer und sein verändertes Leben einen neuen Ort: Die Bank vor dem Grab. Irgendwann kam der Tag, an dem er dort zum ersten Mal wieder die Frühlingsblätter der Birken und Vogelgezwitscher wahrnahm. Aus der Trauer wurde Wehmut, aus den Wunden wurden Narben, die oft schmerzen – aber nicht mehr unaufhörlich. Davor, erzählt Fulbert Steffensky, stand der Trost durch Freunde, Kinder, Enkel, der nur darum tröstend war, weil sie ihm seinen Schmerz gelassen hatten, statt ihn oberflächlich zu vertreiben. Sie waren einfach da, ohne vermeintlich kluge Worte.

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Dieser Mut zur Trauer, das weiß einer wie er nur zu gut, ist in einer "Gesellschaft der Sieger" alles andere als selbstverständlich. In einer Welt "der erbarmungslosen Aktivität" und "des ziellosen Machbarkeitswahns", die aufs Können und Gelingen konzentriert ist, auf Gesundheit, Schönheit, Funktionieren. Berufliche Niederlagen sind nicht vorgesehen, erst recht nicht Krankheit, Sterben, Tod. Fulbert Steffensky sieht aktive Sterbehilfe kritisch, er fürchtet sich vor einer Welt, in der "der Mensch Macher ist und sich alles unterwirft: den Lebensbeginn, die Tiere und Pflanzen, das Klima, den Tod". Umso wichtiger wird es da für ihn, dass es in einer Atmosphäre des "Verschwimmens aller Konturen" Klarheit gibt. Hospize und Klöster können solche "Inseln der Deutlichkeit" sein, wo vorgelebt wird, was Gnade heißt: "Die Befreiung vom Zwang, sein eigener Hersteller zu sein." Der Beweis, dass Menschen – egal, ob sie gesund oder krank sind, sterbend oder alt – ungerechtfertigt da sein dürfen. Weil der Sinn des Menschen nicht in seiner Verwendbarkeit liegt.

Was ist der Tod für Fulbert Steffensky? "Eine große Unverschämtheit, ein erbarmungsloser Zerstörer". Und dennoch: Er beharrt auf biblischen Versprechen von der Überwindung des Todes, darauf, dass der Tod eines Tages nicht mehr sein wird.

Autor: Anja Bochtler