"Stimmung geprägt von Aggressionen"

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mi, 02. Januar 2019

Freiburg

DREI FRAGEN AN Günther Schulz vom Freiburger Verein "Brasilieninitiative" zur Lage vor Ort .

FREIBURG-VAUBAN. Was wird aus Brasilien? Das ist in den soeben erschienenen "Brasilien-Nachrichten", der bundesweit verbreiteten Zeitschrift des Vereins "Brasilieninitiative", nach der Wahl des neuen rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro natürlich ein großes Thema. Anja Bochtler sprach darüber mit Günther Schulz (66), einem Mitgründer der Brasilieninitiative vor 40 Jahren. Er verbringt, seit er nicht mehr als Lehrer arbeitet, als Pensionär oft längere Zeit in Brasilien.

BZ: Wie ging es Ihnen, als Sie das Wahlergebnis erfahren haben?
Schulz: Ich war zur Zeit des Wahlkampfs für zwei Monate in Brasilien. Die Stimmung war geprägt von sehr vielen Aggressionen und Beschimpfungen, Fakten spielten am Ende keine Rolle mehr. Es war so angespannt, dass es auch in vielen Familien Streit gab und Partnerschaften auseinandergingen. Doch in der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang gab es auch viel Hoffnung, geradezu eine Euphorie, mit dem Ziel, doch noch zu verhindern, dass Jair Bolsonaro gewinnt. Und obwohl ich nach der Wahl natürlich enttäuscht war, habe ich seitdem gleichzeitig sehr stark die Hoffnung, dass die sozialen Bewegungen näher zusammenrücken und im politischen Spektrum ein Zusammenschluss der linken Kräfte entsteht.
BZ: Wie geht es Ihren Verwandten und Freunden in Brasilien?
Schulz: Ein Paar, das ich kenne, hat sich nach der Wahl entschieden, nach Deutschland zu ziehen – er ist Brasilianer und sie Deutsche, sie hat aber schon sehr lange in Brasilien gelebt. Er war in Brasilien sehr engagiert, und die beiden fühlten sich dort nun nicht mehr sicher. Natürlich ist eine Unsicherheit zu spüren, dennoch ist festzuhalten, dass es nach wie vor viele gibt, die Position gegen Jair Bolsonaro beziehen. Auch mein Sohn lebt dort und ist politisch sehr aktiv. Ich setze darauf, dass eine Ernüchterung gegenüber Jair Bolsonaro einsetzt, wenn es gelingt, eine gute Aufklärungskampagne durchzuführen.
BZ: Was kann die Brasilieninitiative von Freiburg aus tun?
Schulz: Es tut immer gut, wenn Menschen in schwierigen Situationen sehen, dass die Entwicklung von außen aufmerksam verfolgt wird. Wir stellen mit unserer Zeitschrift, den "Brasilien-Nachrichten", auch den in Brasilien Engagierten ein Forum zur Verfügung, in dem sie ihre Texte veröffentlichen können, die Übersetzung leisten wir. Außerdem werden wir Informationen, die wir bekommen, verbreiten und so versuchen, die kritischen Menschen in Brasilien zu bestärken. Zudem laden wir im Januar die Brasilien-Interessierten in Freiburg zu einem Meinungsaustausch ein. Wir wollen überlegen, welche Solidaritätsformen von hier aus möglich sind.

Der Meinungsaustausch unter dem Titel "Brasilien – Gefahr für die Demokratie?" zu den Folgen des Amtsantritts von Jair Bolsonaro am 1. Januar findet am Dienstag, 22. Januar, 19 Uhr, im Büro der Brasilieninitiative, Walter-Gropius-Straße 2, statt. Eintritt frei, Anmeldung erbeten bis Dienstag, 15. Januar, an tatu@brasilieninitiative.de.