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24. Oktober 2015

Tanzen gegen Krankheit und Schmerz

Der Verein "Tanztherapie nach Krebs" will eine Versorgungslücke schließen / Wohltuende Erfahrungen.

  1. Elana G. Mannheim ist derzeit die einzige Therapeutin in Freiburg, die Tanztherapie nach Krebs anbietet. Foto: Michael Bamberger

Mit schwingenden Armen, deren Bewegungen denen von Flügeln ähneln, bewegen sich die vier Frauen durch den Raum. Ihre Augen halten sie geschlossen. Geschmeidig sind die Schritte, mit denen sie mal vorwärts, mal zur Seite, mal rückwärts gehen... Kurze Zeit später: Stampfen, energische Tritte in den Boden. Die Füße derselben Frauen, die gerade noch zu schweben schienen, trampeln nun kraftvoll auf dem Untergrund herum...

Es sind dies zwei von unendlich vielen Möglichkeiten, wie Tanztherapie aussehen kann. Im Fall der beschriebenen Tänzerinnen geht es um eine spezielle Anwendung dieser Bewegungs-und Behandlungsform, denn es handelt sich um Tanztherapie nach Krebs. Elana G. Mannheim, Tanztherapeutin und vor allem auch Psychoonkologin, leitet an diesem Donnerstagnachmittag eine Schnupperstunde für Interessierte. Drei Damen im Alter zwischen Mitte 40 und Ende 50 haben sich eingefunden – und damit auch drei unterschiedliche Lebensgeschichten, Krankheits-und Genesungsverläufe.

Gemeinsam ist den Frauen, dass sie mindestens eine Krebserkrankung durchlebt, bekämpft und bis heute besiegt haben. Und dass sie alle erfahren haben, dass der Krebs nicht nur körperliche Symptome beinhaltet: "Ich habe mich nicht einmal in erster Linie durch die Krankheit, sondern vor allem durch die Therapie sehr verletzt gefühlt", beschreibt eine Teilnehmerin des Kennenlernkurses ihre Erfahrung. Das Tanzen sei demgegenüber "etwas Sanftes, Achtsames" – Streicheleinheiten für Körper, Geist und Seele. In der Bewegung erfahre man den eigenen Körper bewusst, spüre Unangenehmes wie etwa Verspannungen ebenso aufmerksam wie die eigene Energie und Kraft.

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Der Weg der Tanztherapie verläuft ebenso vom Außen ins Innen wie umgekehrt: Durch die Wahrnehmung des eigenen Körpers werden Gedanken und Gefühle geweckt, zugleich dient der Tanz als Ausdruck persönlichen Erlebens und Empfindens. "Ich habe mich beim Tanzen lockerer, freier, leichter gefühlt", schildert eine Kursteilnehmerin. Eine andere spricht vom "Freiraum für mich": "Hier kann ich mich und meinen eigenen Körper, auch meine Weiblichkeit, spüren."

Seit 2008 gibt es in Deutschland den gemeinnützigen Verein "Tanztherapie nach Krebs". Er wurde von Betroffenen und Nichtbetroffenen, Ärzten und Therapeuten gegründet. Auch Elana G. Mannheim ist Mitglied des Vereins. Da Tanztherapie zwar im Rahmen der onkologischen Rehabilitation eine immer größere Rolle spielt, die ambulanten Angebote aber noch nicht weit verbreitet sind, ist es das Ziel des Vereins, diese Lücke zu schließen. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für Kurse und Seminare jedoch nicht, weshalb "Tanztherapie nach Krebs" kostengünstige Programme anbietet. Neben den Betroffenen selbst können auch Angehörige teilnehmen. Im Internet können sich Interessierte darüber und über qualifizierte Therapeuten informieren, Elana G. Mannheim ist derzeit die Einzige, die aus Freiburg auf der Therapeutenliste steht.

Auch in der psychosozialen Krebsberatung am Freiburger Uniklinikum weiß man um die Vorzüge, die Tanztherapie haben kann: "Wir schätzen alles, was den Menschen bei der Verarbeitung ihrer Krebserkrankung hilft, sehr hoch ein", betont Erika Bächle, Sozialpädagogin und Psychoonkologin, die in der Beratung arbeitet. Es gebe dabei verschiedene Wege, "und die Tanztherapie ist einer davon". Aus der Zeit, als sie noch in der Tumorbiologie tätig war, wisse sie um Rückmeldung von Betroffenen, die die Tanztherapie als sehr wohltuend erlebt hätten. Es gehe darum, "sich wieder einmal anders zu spüren – nicht nur in der Entfremdung vom Körper, die durch Krankheit und Schmerz bedingt ist", sagt Bächle.

Zum Abschluss der Schnupperstunde dürfen sich die Frauen aus einer Auswahl an Fotokarten eine aussuchen, deren Motiv sie besonders anspricht. Nachdem sie das Bild vor sich auf den Boden gelegt haben, tanzen sie ein letztes Mal für diesen Tag. Wieder mit geschlossenen Lidern, vor dem inneren Auge womöglich noch einmal die Erfahrungen der vergangenen eineinhalb Stunden. Vielleicht aber auch die ganz persönlichen Sehnsüchte, Wünsche und Träume, die sich beim Tanzen entwickelt haben mögen.

Informationen und Anlaufstellen im Internet: Verein "Tanztherapie nach Krebs": http://www.tanztherapie-nach-krebs.de Psychosoziale Krebsberatung am Uniklinikum Freiburg: http://mehr.bz/krebsberatung-uniklinik

Autor: Bettina Gröber