Über Gründe wird spekuliert

Holger Schindler

Von Holger Schindler

Di, 14. August 2018

Freiburg

Schlusslicht im Land: Erstaunlich wenige Freiburger legen Geld in Aktien und Fonds an.

FREIBURG. Nur zwei Prozent der rund 228 000 Menschen, die in Freiburg leben, besitzen Aktien. Damit ist Freiburg Schlusslicht unter allen Kreisen in Baden-Württemberg. Nur drei Prozent haben Geld in Investmentfonds investiert – auch dies ein erstaunlich geringer Wert. Das will die Comdirect-Bank ermittelt haben. Bundesweit sind acht Prozent der Menschen Aktienbesitzer, 13 Prozent haben Fondsanteile. Zu vermuten ist, dass in vielen Freiburger Haushalten am Monatsende kaum Geld fürs Sparen und Investieren übrig ist.

Dass Freiburg bei der Kaufkraft pro Kopf – Einkommen plus Transferleistungen abzüglich Steuern und Sozialabgaben – alles andere als glänzend dasteht, ist bekannt. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) in Nürnberg hat für 2018 einen Wert von 22 002 Euro für die Stadt err echnet. Das liegt um 4,3 Prozent unter dem deutschlandweiten Wert von 22 992 Euro und satte elf Prozent und dem Wert für Baden-Württemberg von 24 732 Euro. In der Landeshauptstadt Stuttgart liegt die Kaufkraft pro Kopf bei 25 869 Euro.

Auf der anderen Seite sind die Lebenshaltungskosten in Freiburg, vor allem die Kosten fürs Wohnen, etwa die Mieten, im Landesvergleich besonders hoch. Laut einem Vergleichsportal von Financescout24.de übertrifft Freiburg diesbezüglich unter anderem Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe, Reutlingen und Ulm. Lediglich in Stuttgart lebt es sich teurer.

Wirken frühere Börsencrashs in Freiburg stärker nach?

Auf diesen Zusammenhang verweist die Sparkasse Freiburg, angesprochen auf das neue Comdirect-Ranking. Wo wenig Geld gespart werden könne, könne auch kaum Geld in Aktien und Fonds fließen. Dabei seien Aktien gerade für die Altersvorsorge eine lukrative Anlageform. Ein weiterer Grund für die niedrige Aktienquote sieht man bei der Sparkasse auch darin, dass es hier keine großen Konzerne mit Mitarbeiteraktienprogrammen gibt.

Sascha Anspichler, geschäftsführender Gesellschafter der Freiburger Vermögensverwaltung Lebtig-Schwab-Anspichler, hält noch weitere Erklärungen für denkbar: "Aufgrund der positiven Immobilienmarktentwicklung mussten sich viele Freiburger Anleger, die schon Immobilienbesitzer sind, nicht unbedingt um alternative Anlagerformen kümmern", so der Experte. Salopp gesagt: Sie hatten es gar nicht nötig, über Aktien nachzudenken.

"Es könnte auch sein, dass die Börsencrashs der Jahre 2000 und 2008 möglicherweise in Freiburg stärker nachwirken als anderorts", spekuliert Sascha Anspichler weiter – weil vielleicht die örtlichen Kreditinstitute zuvor jeweils die Aktienanlage besonders stark gepuscht hatten und die Verluste für die örtlichen Sparer umso drastischer waren. "Viele Anleger wollten ja nach den Crashs, bei denen sie damals keine Absicherungsstrategie hatten, einfach gar nicht mehr an den Aktienmarkt zurück."

Bei der Volksbank Freiburg wiederum kann man die Zahlen der Comdirect-Studie überhaupt nicht nachvollziehen. "Die Kunden der Volksbank Freiburg besitzen auch im Vergleich zu anderen Volks- und Raiffeisenbanken in Deutschland einen überdurchschnittlichen Anteil an Wertpapieren und Fonds", erklärt Volksbank-Sprecher Martin Lorenz auf Anfrage. Man beobachte sogar eine Umschichtung von vorhandenen Vermögenswerten. Im Geschäftsjahr 2017 seien die Wertpapieranlagen der Volksbank-Kunden um nahezu 20 Prozent gewachsen.