Unheilvolle Rolle des Zölibats

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 30. September 2018

Südwest

Der Sonntag Eberhard Schockenhoff über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

Begünstigt die katholische Kirche mit ihrer Hierarchie, dem Zölibat und dem Sakrament der Beichte sexuellen Missbrauch? Ein Gespräch mit Eberhard Schockenhoff, Professor für Moraltheologie in Freiburg und selbst Priester, über jene Fragen, die die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie aufgeworfen hat.

Der Sonntag: Welche Rolle spielt der Zölibat, wenn sich ein junger Mann für den Priesterberuf entscheidet: Ist das etwas, das er notgedrungen in Kauf nimmt oder stellt es auch einen Reiz dar, Herr Professor Schockenhoff?

Bei der Entscheidung für den Priesterberuf spielen sehr unterschiedliche Motive eine Rolle und es kann sein, dass dem Betreffenden das Motivbündel gar nicht in allen Strängen bewusst ist. Es ist nicht auszuschließen, dass neben Idealismus und moralischem Anspruch auch der Zölibat auf viele eine heimliche Anziehung ausübt, die sie sich vielleicht gar nicht eingestehen.

Der Sonntag: Die Autoren der diese Woche veröffentlichten Studie vermuten, dass die Kirche als zölibatärer Männerzirkel auf Personen anziehend wirkt, die unreif sind und eine homosexuelle oder pädophile Neigung verdrängen.

Homosexualität als solche ist keine Disposition für sexuellen Missbrauch, das muss man klar sagen, denn in der Öffentlichkeit entsteht sonst ein gefährliches Amalgam, das vorhandene Diskriminierungen verstärkt. Natürlich kann der mit dem Priesterberuf verbundene Zölibat einen jungen Mann davon abhalten, sich mit der eigenen Sexualität auseinander zu setzen. Dies aber ist notwendig, um sich zu einer reifen Persönlichkeit zu entwickeln. In der Vorbereitung auf den Priesterberuf geht es auch darum, die möglicherweise unreifen Anteile der eigenen Faszination für diesen Beruf aufzuklären und abzuklären, ob man zu einer reifen Entscheidung fähig ist.

Der Sonntag: Zum Selbstverständnis vieler Priester gehört es, von Gott berufen worden zu sein, was ein Gefühl von Macht und moralischer Überlegenheit nach sich ziehen kann. Welche Auswirkungen hat das?

Das heutige Leitbild des Priesters ist es nicht, geistige Macht über andere ausüben, sondern sich auf Augenhöhe mit anderen Gläubigen zu bewegen. Dennoch darf man nicht darüber hinweg sehen, dass es ein Machtgefälle gibt. Der Priester ist gerade für Kinder eine Autorität, eine idealisierte Person, er steht für den Kontakt zum Heiligen, vertritt den Anspruch Gottes. Er ist Inbegriff des Guten und Vertrauensvollen. Wenn er seine Aufgabe gut macht, übt er große Faszination auf Jugendliche aus. Wenn er ihr Vertrauen missbraucht, ist es für die Opfer besonders bitter. Dessen muss sich ein Priester bewusst sein: Er soll offen sein und Nähe zulassen, darf aber keine Grenzen überschreiten.

Der Sonntag: Wird über solche Fragen sowie über sexuelle Wünsche und Identitäten im Priesterseminar offen gesprochen oder sind das Tabus, über die man lieber schweigt?

Hier hat sich in der Priesterausbildung viel getan: Grundsätzlich wurde die dringende Notwendigkeit, sich mit diesen Fragen intensiv zu beschäftigen, klar erkannt, die Praxis aber sieht von Diözese zu Diözese unterschiedlich aus. Im Collegium Borromaeum in Freiburg wird – auch mit Hilfe von Psychologen, die von außen kommen – sehr daran gearbeitet, sich das Verhältnis zur eigenen Sexualität bewusst zu machen.

Der Sonntag: Die Studie stellt fest, dass fünf Prozent der zölibatär lebenden Priester zu Tätern wurden, aber nur ein Prozent der Diakone, die Beziehungen haben dürfen. Begünstigt der Zölibat also den Missbrauch?

So pauschal ist das nicht aus der Studie abzuleiten. Der Zölibat begünstigt nicht generell sexuellen Missbrauch, aber man kann sagen: Bei den Tätern, die Missbrauch geübt haben, spielte der Zölibat eine unheilvolle Rolle, weil unter seinem Schutz gesellschaftlich akzeptierte Gelegenheiten entstanden, in denen die Taten möglich wurden. Vor allem aber verhinderten der Zölibat und die Autoritätsstellung des Priesters allzu oft die Aufklärung: Wenn sich Opfer ihren Eltern offenbarten, stießen sie häufig auf Ablehnung.

Der Sonntag: Drei Tätertypen werden in der Studie benannt: der fixierte Typ mit pädophiler Neigung, der regressive Typ mit Defiziten in der persönlichen und sexuellen Entwicklung und der narzistisch-soziopathische Typ, der seine Machtstellung missbraucht. Wird versucht, solche Neigungen bei der Auswahl der Priesterkandidaten zu erkennen?

Die Auswahl der Kandidaten ist heute rigider als vor 40 Jahren – trotz des Priestermangels. Man ist sich der Gefahr bewusst, dass sich die Falschen angezogen fühlen können, auch werden immer wieder Kandidaten am Ende ihrer Ausbildung nicht zur Weihe zugelassen.

Der Sonntag: Das Sakrament der Beichte gehört fest zum Leben des Priesters. Die Autoren der Studie vermuten, es könnte von Tätern benutzt werden, um ihr Gewissen zu entlasten. Was meinen Sie?

Die Beichte hat stark an Bedeutung verloren und spielt heute längst nicht mehr die Rolle im Leben eines Priesters, wie das früher der Fall war. Doch es ist klar zu sagen: Es wäre ein Missbrauch des Sakraments der Beichte, wenn es dazu diente, einem Täter innerhalb der klerikalen Gemeinschaft Entlastung seines Gewissens zu verschaffen. Es gilt seit jeher, dass ein Beichtvater, der von einer schweren Straftat wie Mord oder Totschlag Kenntnis erlangt, die Absolution nicht erteilen darf, ohne dass der Betreffende die Zusage gibt, sich der Strafverfolgung durch die bürgerliche Rechtsgemeinschaft zu stellen. Geistig wird die Absolution nur wirksam, wenn er dieses Versprechen einlöst. Das sollte auch für sexuellen Missbrauch gelten. Nicht richtig wäre es hingegen, wenn ein Priester, der in der Beichte von einer Straftat hört, dies von sich aus der Staatsanwaltschaft mitteilen würde. Die Beichte muss ein geschützter Raum sein, in dem auch Menschen, die schwere Schuld auf sich geladen haben, die Möglichkeit haben, dies auszusprechen und sich damit auseinanderzusetzen.

Der Sonntag: Als entscheidendes Hindernis bei der Aufklärung und Ahnung der Missbrauchstaten gilt der klerikale Korpsgeist. Wie stark ist der heute noch?

Dass unter jungen Menschen, die sich gemeinsam auf einen Beruf vorbereiten, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit herrscht, ist etwas ganz Menschliches und Wünschenswertes. Gefährlich wird es, wenn man sich als geschlossene Kaste fühlt und es einem wichtiger ist, die eigene Gemeinschaft zu schützen, als die Perspektive der Opfer wahrzunehmen. Tatsächlich versuchte man innerhalb der Priesterschaft im Sinne eines klerikalen Korpsgeistes lange, die eigene Institution und damit die Täter zu schützen, Schaden von der Kirche abwehren und das Bild in der Öffentlichkeit rein zu halten. Ich denke, dass die Gefahr eines solchen Korpsgeistes heute deutlich kleiner ist. Die Bereitschaft zur Aufklärung ist sehr gewachsen, auch weil man gesehen hat, wie verheerend es für die Glaubwürdigkeit der Kirche ist, wenn man Missbrauchstaten leugnet und vertuscht.

Der Sonntag: Nach dem Bekanntwerden von immer mehr Missbrauchsfällen hat man auch im Erzbistum Freiburg in den vergangenen Jahren damit begonnen, Präventionsarbeit zu etablieren.
Wie ist der Stand der Dinge?


Man ist schon viele Schritte gegangen. Bei denen die verantwortliche Aufgaben im Erzbistum haben, ist das Bewusstsein für Nähe und Distanz in der pädagogischen Arbeit stark gewachsen. Auf der Seite der potenziellen Opfer hat die Sensibilität zugenommen: Sie sind selbstbewusster und wissen, was ihre Rechte sind und dass kein Erwachsener übergriffig werden darf. Das ist ein starker Schutz.

Der Sonntag: Sollte der Zölibat abgeschafft werden?

Es gibt viele Argumente dafür, dass die Kirche sich vom Gesetz des Zölibats verabschiedet. Nur darf man damit nicht die Hoffnung verbinden, dass das der Problemlöser für alle Schwierigkeiten der Kirche wäre. Auch ohne den Zölibat würde es Fälle von sexuellem Missbrauch geben.

Das Gespräch führte Sigrun Rehm